Nr. 26/2007 vom 28.06.2007

«Mama, hör auf, Kinder zu machen»

Der neue Spielfilm von Maria Speth erzählt von einer jungen Mutter, die ihre Freiheit genauso liebt wie ihre fünf Kinder.

Von Sarah Stähli

Eine gute Mutter zu sein, wird von einer Frau automatisch erwartet; dass sie für ihr Kind Liebe empfindet, gar nicht erst infrage gestellt. Was, wenn eine junge Frau aber ihre Freiheit im gleichen Masse liebt wie ihre Kinder?

Rita, die Protagonistin in «Madonnen», dem vierten Film von Maria Speth, ist so eine Frau. Mutter von fünf Kindern, jedes von einem anderen Mann, und selber Tochter einer Mutter, die kaum herzliche Gefühle ihr gegenüber zeigt, versucht sie den schwierigen Balanceakt zwischen Ungebundenheit und Aufopferung. Tochter sein und Mutter sein, dies sind die zwei Hauptthemen des unbequemen Films.

«Ich wollte, dass sich in Ritas Geschichte die Schicksale der vorangegangenen und der folgenden Generation reflektieren. Und die Frage stellen, ob Ritas älteste Tochter auch irgendwann über sie sagen wird: 'Für mich war sie nie eine Mutter'», beschreibt die deutsche Regisseurin ihre Absicht.

In der ersten Filmhälfte trägt Rita, selbst fast noch ein Kind, ihren jüngsten Sohn beharrlich mit sich herum; in einem Umhängetuch eng an sie gedrückt, scheint er mit ihrem Körper zu verschmelzen. Mit ihm reist sie nach Belgien, um ihren vermeintlichen Vater aufzusuchen, und landet schliesslich im Gefängnis. Während der Gefangenschaft schaut ihre Mutter zu den Kindern. Speth beschreibt Rita als eine Frau, die behauptet, dass ihre Mutter nie eine Mutter für sie war, «die dann aber selbst Kind um Kind zur Welt bringt, diese ihrer eigenen Mutter unterschiebt und sie so in eine Rolle zwingt, die sie ihr verweigert hat».

Nach der Freilassung, zurück in Deutschland, versucht Rita auf Biegen und Brechen, mit ihren Kindern und ihrem Freund, einem in Deutschland stationierten US-Soldaten, einen normalen Alltag aufzubauen.

Kompromissloser Realismus

«Madonnen» untersucht herkömmliche Rollenmodelle und stellt gewohnte Verhaltensweisen infrage, gibt aber bewusst keine Antworten. Ritas älteste Tochter Fanny entscheidet sich in der berührenden Endsequenz für ihre leibliche Mutter, weil es sich einfach besser anfühle, «wenn sie da ist». Maria Speth, die selber Mutter einer Tochter ist, deutet in ihrem Film den Begriff «Rabenmutter» nie auch nur an: «Jeder scheint zu wissen, was eine Mutter darf und was nicht. Und die Verletzung dieser Rollenerwartungen wird mit massiven moralischen Sanktionen belegt. Im Gegensatz zu den Rollenverletzungen der Väter. Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist aber voll von Müttern, die ihre Rolle nicht so erfüllen, wie von ihnen erwartet wird.» Fernab jeder Psychologisierung und moralischer Wertung bleibt ihre Inszenierung in einer beobachtenden Perspektive. Trotzdem polarisiert der Film, aus einem einfachen Grund: Er zeigt eine Wirklichkeit, wie sie vielerorts vorkommt, von manchen aber lieber ignoriert würde.

Die minimalistische Filmsprache von «Madonnen» verlangt von den ZuschauerInnen einiges an Geduld. Zum deutsch-schweizerisch-belgischen Produktionsteam gehört auch das belgische Gebrüderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne. Der nichts beschönigende Realismus der Dardennes war ganz offensichtlich Vorbild für Speths Film. Eine kleine Hommage ist die Besetzung von Ritas Vater mit dem Dardenne-«Ensemblemitglied» Oliver Gourmet.

Speths Inszenierstil hat in seinem kompromisslosen Realismus beinahe etwas Überhöhtes, so penetrant wird auf jegliche emotionalisierenden Stilmittel verzichtet. Teils mit LaienschauspielerInnen besetzt, ganz ohne Musik, in trostlos grauen Farbtönen gehalten, so kommt der Film daher. Die Sonne scheint so gut wie nie in dieser Welt voller uneingerichteter Mietwohnungen, pappiger Take-away-Pizzas und abweisender Gesichter. Sogar der Familienausflug ans Meer ersäuft im Dauerregen. Die kleinen Momente des Glücks, die sehr wohl vorkommen, leuchten inmitten des trüben Alltags dafür umso heller.

Dass «Madonnen» nicht der Tranigkeit verfällt, liegt nebst den glaubwürdigen KinderschauspielerInnen zu einem sehr grossen Teil an Sandra Hüller. Hüller - die ihre Filmrollen sehr sorgfältig auswählt - verleiht der eigenwilligen Rita eine geheimnisvolle Tiefe und Unnahbarkeit. Gleichzeitig besitzt sie eine beinahe kindliche Naivität und hält unverfroren an ihrer Unabhängigkeit fest: «Ich kann überall leben» oder «Wenn es mir hier nicht passt, hau ich einfach ab», lauten ihre trotzigen Bemerkungen, die natürlich auch als Zeichen von Egoismus gedeutet werden können, aber eben nicht ausschliesslich. Eine Stärke der Schauspielerin liegt darin, dass sie mit ihrer Darstellung nicht nur ein Gefühl hervorruft, sondern immer eine ganze Palette davon.

Disco statt kochen

Hüller füllt Rita, die so wenig von sich preisgibt, mit Leben: Wenn sie am Esstisch vor Lachen plötzlich grundlos losprustet oder ihr fast unbemerkt eine stille Träne die Wange herunterläuft. Die Bühnenschauspielerin - Hüller war festes Ensemblemitglied am Theater Basel - schafft es nach ihrer viel beachteten Leistung im Exorzismusdrama «Requiem» erneut meisterhaft, eine Figur zu verkörpern, die bei den ZuschauerInnen eine ungewöhnliche Mischung aus Unverständnis und Mitgefühl hervorruft. Die plötzliche Zuneigung Fannys überfordert sie ebenso wie der Wunsch ihres Freundes nach mehr Kommunikation.

Eine Entdeckung ist Luisa Sappelt, die die Fanny spielt. Wie eine MiniRita blickt sie mit ihrem trotzig verzogenen Gesicht skeptisch in die Welt und scheint von einem Eigensinn getrieben, der dem ihrer Mutter stark ähnelt. Gleichzeitig übernimmt sie mit Selbstverständlichkeit die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister. «Mama, hör endlich auf, Kinder zu machen», bittet sie ihre junge Mutter einmal, die manchmal lieber in die Disco geht und mit Männern flirtet, als ihren Kindern Essen zu kochen.

Speths Inspiration sei ihr eigenes Muttersein gewesen. Sie habe sich immer wieder gefragt, in welchem Masse sie ihre eigenen Interessen weiterverfolgen dürfe und wolle oder ob sie sich ganz dem Wohl des Kindes unterordnen solle. Eine eindeutige Antwort darauf wird es wohl nie geben - Filme wie «Madonnen», die sich mit dem Thema beschäftigen, hoffentlich umso häufiger.

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