Nr. 33/2015 vom 13.08.2015

Kompass nach Süden

Jürgen Vogt über zehn Jahre Telesur

Von Jürgen Vogt

Vor wenigen Wochen feierte Telesur sein zehnjähriges Bestehen. Am 24. Juli 2005 ging die Fernsehstation mit Sitz in Venezuelas Hauptstadt Caracas erstmals auf Sendung – amerikaweit. Ort und Datum waren kein Zufall: Am 24. Juli 1783 wurde in Caracas Simón Bolívar geboren, Lateinamerikas grosse Integrationsfigur. Unter dem offiziellen Namen «Nueva Televisión del Sur» (Neues Fernsehen des Südens), kurz Telesur, und mit dem Motto «Nuestro Norte es el Sur» (Unser Kompass zeigt nach Süden) verstand sich der Sender in erster Linie als Konkurrent der grossen Medien aus den USA.

Folgt man Telesurs Selbstdarstellung, dann geht es dabei um eine «lateinamerikanische Kommunikation» mit sozialem Einschlag, die darauf ausgerichtet ist, den Einigungsprozess der Völker des Südens anzuführen und zu fördern. Süden wird als ein geopolitisches Konzept verstanden, das den Kampf der Völker für Frieden, Selbstbestimmung, Achtung der Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit unterstützt.

Zu sehen gibt es rund um die Uhr fast jede Stunde 25 Minuten Nachrichten, in erster Linie politischer Art. Daneben Berichte aus Wirtschaft und Sport sowie Dokumentationen. Von der Programmstruktur her ähnelt Telesur anderen Nachrichtensendern, inhaltlich liegt der Schwerpunkt selbstverständlich auf Lateinamerika. Anders ist Telesur jedoch bei der Einschätzung der dargestellten Ereignisse. Zum Beispiel wenn der gesunkene Ölpreis, wie derzeit, dem ölexportierenden Venezuela schwer zu schaffen macht. Hier wird im Wesentlichen die Position der venezolanischen Regierung übernommen, nach der die USA mit ihrem Frackingöl einen Krieg gegen Russland und Venezuela führten. Anders ist bei Telesur oft auch die Wortwahl, etwa in Bezug auf Guerillagruppen wie die kolumbianische Farc, die nicht als terroristisch bezeichnet werden.

Telesur ist 2005 von den Regierungen Venezuelas, Argentiniens, Boliviens, Kubas und Uruguays gemeinsam ins Leben gerufen worden. Die Initialzündung hatte Kubas ehemaliger Staatschef Fidel Castro geliefert, daran erinnert Aram Aharonian, Telesur-Mitbegründer und erster Direktor. Bei einem lateinamerikaweiten Treffen von 400 JournalistInnen im November 2000 in Havanna habe ihnen der Revolutionär die Leviten gelesen: «Sie haben drei Tage damit verbracht, den Zustand unserer Kommunikation zu diagnostizieren. Aber niemand von ihnen hat einen Vorschlag gemacht, etwa, wie man ein lateinamerikanisches CNN schafft.»

2007 traten Nicaragua und Ecuador dem Kreis der Unterstützer ebenfalls bei. Die venezolanische Dominanz ist dabei nicht zu übersehen. Die Idee, auch die Regionalmacht Brasilien in das Projekt einzubeziehen, scheiterte seinerzeit an einem Gerangel zwischen Brasília und Caracas um die Vormachtstellung auf dem südlichen Kontinent. Brasilien ging schliesslich einen eigenen Weg – und während TV Brasil danach lange als Lula-TV verspottet wurde, galt Telesur als Chávez-TV.

Doch Telesur kämpft nicht nur mit seinem Image. In vielen Ländern ist das «Fernsehen des Südens» weder über Antenne noch über Kabel zu empfangen. Telesur wird online geschaut. Ein Publikum zu finden, das regelmässig bewusst und auf dem normalen Fernsehgerät Telesur einschaltet, scheint ein aussichtsloses Unterfangen zu sein. Genaue Quoten sind nicht bekannt. Sicher ist: Telesur hat an der Dominanz der nordamerikanischen Medien wie CNN und Univisión lediglich etwas kratzen können.

Jürgen Vogt schreibt für die WOZ 
aus Buenos Aires.

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