Nr. 34/2015 vom 20.08.2015

Begnadeter Schlitzer

Von Roman Schürmann

Der Schriftsteller D. H. Lawrence schrieb einmal vom Schirm, den die Menschen in Form von Meinungen und Konventionen aufspannen, um sich vor der bedrohlichen Realität zu schützen. Dichter und Künstlerinnen, so Lawrence, machten mit ihren Werken Schlitze in diesen Schirm, um ein wenig Chaos in die gute Stube dringen zu lassen.

Der spanische Autor Rafael Chirbes war ein ebenso begnadeter wie eifriger Schlitzer. Am letzten Samstag ist er 66-jährig an Lungenkrebs gestorben. Er kam 1949 in der Nähe von Valencia zur Welt, wuchs in einfachen Verhältnissen auf, studierte Geschichte und leistete als junger Mann Widerstand gegen Diktator Franco. Seit 1988 veröffentlichte Chirbes, der sich als Marxist bezeichnete, Romane voller präzise arrangierter Stimmen, die zunächst nicht allzu viele LeserInnen fanden. Es fehlte offenbar der Wille, sich mit den unangenehmen Widersprüchen zu beschäftigen, die Chirbes vor dem Hintergrund der jüngeren spanischen Geschichte aufzeigte; der Schlitz im Schirm blieb unbeachtet.

Das änderte sich 2007 mit dem Roman «Krematorium». Er handelt vom Bauboom in Spanien, der zur Krise führte. Vor allem aber ging es Chirbes dabei ebenso wie in «Am Ufer» (2013) um «den Zustand der menschlichen Seele zu Beginn des 21. Jahrhunderts». Sein Befund ist düster; er stimmt dem Autor Gregorio Morán zu, wonach diejenigen, die gegen die Lügen des Franquismus gekämpft hätten, schliesslich alle anderen Lügen akzeptiert hätten. So spotten Chirbes’ Figuren über politische Ideale und jagen rücksichtslos nach dem ultimativen Schnäppchen. Unerbittlich (und durchaus resigniert) demonstriert Chirbes, wie sich die Menschen nach einem bequemen Leben sehnen, darob jegliche Solidarität aufgeben und sich mit der wachsenden Ungerechtigkeit arrangieren.

Die Gefahren, die durch diese Schlitze sichtbar sind, werden in Spanien nicht mehr ignoriert. Chirbes wird gelesen (und ausgezeichnet), und seit Anfang 2011 drängen soziale und politische Bewegungen auf grundlegende Veränderungen, was Chirbes sehr begrüsste; Podemos will nun das alte Machtsystem sprengen. Anfang 2016 soll Chirbes’ allerletzter Roman «Paris-Austerlitz» erscheinen.

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