Nr. 34/2015 vom 20.08.2015

Bubenträume zur Weltverbesserung

Die Umstrukturierung von Google zu Alphabet rückt das ungebrochene Selbstvertrauen seiner IngenieurInnen in den Fokus.

Von Roland Fischer

Bisher stand Google für so etwas wie eine postalphabetische Weltordnung. Listen werden heute nicht mehr nach der Buchstabenfolge sortiert, sondern immer öfter nach einer wie auch immer berechneten Relevanz. Und dann das: Ändert der Internetriese doch kurzerhand und ganz nach alter Kinologik – man zähle mal nach, wie viele Namen da mit A, B oder C beginnen – seinen Namen in Alphabet. Das kommt in einer alphabetischen Liste nun knapp vor Amazon. Es wird wohl ein Zufall sein.

Allerdings überlässt Google lieber nichts dem Zufall, der Konzern ist der Inbegriff einer algorithmisch durchsortierten und insofern auch objektiv durchkalkulierten, ganz und gar rationalen Welt. Oder vielleicht doch nicht nur? In letzter Zeit war der Name Google immer mal wieder im Zusammenhang mit seltsamen Ausflügen in Felder zu lesen, die mehr nach Science-Fiction als nach nüchterner Gewinnmaximierung klangen – und die mit dem Suchmaschinen-Kerngeschäft so gar nichts zu tun haben.

Selbstfahrende Autos konnte man noch als Spleen abtun, als Ersatz der Modelleisenbahn für Internetmilliardäre. Aber dann kamen Windturbinen, es kamen Drohnen, dann kam (und wurde bald wieder verworfen) ein Aufzug ins Weltall, dann kam der selbststabilisierende Löffel für Tremorpatienten – ein recht irritierendes Chaos aus Bubenträumen, unternehmerischem Spürgeist und gut gemeinter Weltverbesserung, ebenso chaotisch organisiert, in zig Unterunternehmen in mal mehr, mal weniger offen kommunizierten Geschäftssparten.

Dann kamen die ganz grossen Gesundheitsinitiativen: Baseline, ein Datenpuzzle, das den gesunden Menschen nach den Regeln der Big-Data-Statistik als Grundwert zu definieren sucht – und einen kranken als Abweichung von dieser Baseline. Und Calico, bei dem es um die grosse Frage geht, wie sich das Altern stoppen lässt. «Google vs. Death», titelte das «Time Magazine», kleinere Gegner schienen Google um 2013 herum nicht mehr zu interessieren.

Lieber zu gross als zu klein

Das alles kannte man zwar schon, doch mit der Gründung von Alphabet sind die Aktivitäten in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Was sich genau geändert hat im Google-Gefüge, ist schwer zu sagen – der Wall Street hat die Neustrukturierung des Konzerns gefallen. Am Geschäftsmodell «Daten sammeln und Anzeigen verkaufen» wird sich in nächster Zukunft trotzdem nicht allzu viel ändern. Netztheoretiker Evgeny Morozov hatte wohl nicht so unrecht, als er den Schachzug in der FAZ folgendermassen kommentierte: «Krebs zu heilen, das Altern abzuschaffen – so etwas verleiht den Gründern dagegen den Status, radikale Geeks zu sein. Und nichts anderes wollen sie, immer schon.»

Radikale Geeks. IngenieurInnen mit lieber ein wenig zu grossen als zu kleinen Ideen. Die Geeks sind die Wiedergänger der Pioniere, die in der Schweiz so grössenwahnsinnige Projekte wie Eisenbahnlinien bis fast hinauf auf die Berggipfel oder die Umleitung und Begradigung von Flussläufen und damit die Umgestaltung ganzer Landstriche realisiert haben. Ingenieur oder Ingenieurin zu sein hiess für viele einmal, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern, die Möglichkeiten der Technik für möglichst umwälzende Projekte einzusetzen. Genau diese Weltsicht regiert nun (nachdem sie sich nach den Weltkriegen für eine Weile verkrochen hatte) von neuem im Silicon Valley. Flusskorrekturen: Der Begriff würde den radikalen Geeks gefallen, in seiner «Wir müssen da was in Ordnung bringen»-Hybris und der damit einhergehenden Ausschaltung der Politik. Wenn man etwas korrigieren muss, dann ist das Ziel jedenfalls klar, diskutieren kann man allenfalls über die Art und Weise, wie es zu erreichen sei.

Ein Hauch von Selbstironie

Allerdings ist man dabei nie so ganz sicher, ob die «mission statements» aus dem Silicon Valley tatsächlich so naiv gemeint sind, wie sie oftmals klingen. Zum Beispiel bei Sidewalk, der jüngsten Neugründung im Googleversum, bei der es um Stadtplanung geht: «Our mission is to improve life in cities for everyone through the application of technology to solve urban problems.» Durch die Anwendung von Technologie urbane Probleme lösen und damit das Leben aller verbessern? Letzteres hätte allerdings mehr mit umsichtiger Politik und weniger mit Datenmanagement zu tun. Oder geht es da eben doch wieder nur um das Anzapfen neuer Datenquellen, und alles andere ist rhetorische Schaumschlägerei? Eines jedenfalls ist klar: Die Datenintegration, das Zusammenführen von Informationen aus verschiedensten Services, wird weiter vorangetrieben, trotz der Auffächerung der Konzernstruktur.

Was immerhin hoffnungsvoll stimmt: Die Damen und Herren IngenieurInnen kennen auch Selbstironie. In der Pressemitteilung zur Alphabet-Gründung hatte die Kommunikationsabteilung einen Link versteckt, der auf die Seite www.hooli.xyz führt. Da werden die ganze Branche und die Grossspurigkeit ihrer Versprechen auf ziemlich tolle Weise auf die Schippe genommen – die Website gehört zur ebenfalls famosen Fernsehserie «Silicon Valley», in der das fiktive Google eben «Hooli» heisst und das hauseigene Experimentierlabor HooliXYZ: «The dream kitchen. The moonshot factory. The laboratory of possibility. The midwife of magic. The womb of wonders.» Ziemlich gut. Auch als Ablenkungsmanöver.

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