Nr. 18/2015 vom 30.04.2015

Die Vertreibung aus dem digitalen Paradies

Das Internet als virtuelles Utopia: Die NetzpionierInnen im Geist der kalifornischen Gegenkultur hatten einen grossen Traum. Dann kam das grosse Geld, aus Zukunftsglaube wurde kruder Liberalismus.

Von Roland Fischer

Es klingt immer noch ein wenig nach Hippiekultur: «Don’t be evil.» Das Firmenmotto von Google taugt zwar längst zum sarkastischen Generalverdacht, aber ja, man darf annehmen: Das war in seiner Blauäugigkeit mal ganz ehrlich gemeint. Und der Bezug mag aus heutiger Sicht überraschen, aber es ist eben kein Zufall, dass das Silicon Valley ganz in der Nähe der Flower-Power-Metropole San Francisco liegt.

Die Weltsicht der digitalen Gemeinde wurzelt tief in der kalifornischen Gegenkultur der Sixties, wurde über die Jahre aber mit einer Reihe anderer Zutaten angereichert, was ein ziemlich seltsames ideologisches Gebräu ergibt. Geblieben ist die Idee, dass man mit ein wenig Exzentrik und Nonkonformismus, vor allem aber mit einem grossen Zukunftsglauben auf ein besseres Morgen hinarbeiten und die jetzigen Zustände überwinden kann. Antiautoritäre Tendenzen waren dabei von Anfang an zentral: Mach es anders, lehn dich auf, kümmere dich nicht darum, was die sagen, die das Sagen haben.

Beseelte Technologie

Das Internet. Es war einmal so etwas wie der infrastrukturelle Messias, viel mehr als einfach eine bewundernswerte Ingenieursleistung: eine beseelte Technologie, die nicht bloss das Leben erleichtern, sondern ein bisschen die Welt retten sollte, daran glaubten die frühen DigitalapologetInnen ganz ernsthaft. Zugang zu allem für alle, eine schrankenlose und solidarische Welt, die Auflösung der Standes- und Besitzunterschiede in purer, bestenfalls komplett widerstandsfrei fliessender Information. Virtuelles Utopia – bis man merken musste, dass das Internet erstens keine Toilette hat, wie Lukas Bärfuss in einem seiner eben erschienenen Essays sehr schön schreibt, und dass es zweitens auch für die Wirtschaft interessant sein könnte. Ebendies hatte sich die Netzgemeinde am Anfang nicht träumen lassen: Das Internet war zuerst pures militärisches Zweckdenken, später wissenschaftliches Freigeisten und wuchs dann zu einem riesigen kollektiven Non-Profit-Unternehmen heran.

Kreatives «Scheiss drauf»

Ein funktionierendes Überbleibsel dieser digitalen Grundidee ist Wikipedia: Viele helfen mit, niemand verdient etwas daran. Und auch heutige Börsenriesen wie Google fingen ohne Idee an, wie man mit Onlinediensten Geld verdienen könnte. Es ging darum, Grosses zu wagen, alles andere würde sich schon finden. Geld vor allem: Es war irgendwie immer vorhanden – es war die Frisch-drauflos-Zeit, bevor die Internetblase platzte, die KapitalgeberInnen waren risikobereit und liessen die kreativen Köpfe einfach mal machen. Die Vertreibung aus diesem wenn nicht explizit anti-, so doch zumindest scheiss-drauf-kapitalistischen Paradies sollte erst noch kommen.

Und sie kam mit Macht. Ende der neunziger Jahre übernahmen die ManagerInnen. Nun rächte sich, dass die Netzgemeinde ein nur irgendwie utopisches und naiv technozentristisches Programm ohne klare politische Grundierung hatte. Der Neoliberalismus überfuhr das Silicon Valley, nun ging es plötzlich nicht mehr so sehr darum, die Welt zu verändern, sondern die eigenen Einkommensverhältnisse. Aus IdealistInnen wurden MillionärInnen. Lange gab es dagegen kaum Widerstand, man werkte weiter an der digitalen Revolution und tat so, als wäre es egal, welche Businessmodelle ihr zugrunde lagen. Doch dann kam die Datensammelwut der grossen Konzerne, es kam die Arroganz Facebooks den NutzerInnen gegenüber, es kam der NSA-Skandal: Es kam die Erkenntnis, dass man da ein Monster geboren hatte.

Seither ist die digitale Welt tief gespalten. Es gibt die KritikerInnen des Ausverkaufs der digitalen Utopie, die vor allem in Europa die Debatte beherrschen – und es gibt jene, die weiterhin sehr optimistisch in die Zukunft blicken und deren Grundhaltung unter dem Schlagwort der Californian Ideology gefasst wird. Diese Ideologie hat vor allem den Antiautoritarismus von der Gegenkultur übernommen, um ihn aber zu einem kruden Liberalismus und Staatsskeptizismus umzuformulieren, sodass auch die RepublikanerInnen einiges damit anfangen können. Wenn sich die Start-ups aus dem Silicon Valley daranmachen, die Welt umzuformen, dann soll sich die Regierung möglichst raushalten – viele IngenieurInnen sind sowieso überzeugt (und womöglich gar nicht mal zu Unrecht), dass die PolitikerInnen keine Ahnung von neuster (digitaler) Technik haben. Aus dieser Haltung wächst zuweilen etwas Rebellisches, was sich auch im aktuellen Trendbegriff «disruptiver» Geschäftsideen zeigt, die Bestehendes nicht mehr reformieren, sondern durch das Neue kurzerhand pulverisieren.

Der Staat ist davon nicht ausgenommen: Entweder träumt man von der Sezession, zum Beispiel von schwimmenden Staatsinseln draussen in internationalen Gewässern, oder einer digitalen Staatssphäre, die keinen territorialen Boden mehr braucht – oder aber man hofft auf den Zusammenbruch staatlicher Ordnungen überhaupt; die Privatwirtschaft würde dann dankend übernehmen (sie ist ja ohnehin hinter den Kulissen daran, sich in alle wichtigen Entscheidungsprozesse einzuschleichen). Der Facebook-Investor und Paypal-Gründer Peter Thiel beispielsweise macht aus seinen antidemokratischen Ideen keinen Hehl. 2009 sagte er, er glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie kompatibel seien. Und gewinnen muss: die Freiheit. Deshalb hat Thiel eine halbe Million Dollar in das Seasteading Institute gesteckt, das bald bewohnbare Inseln entwickeln will, auf denen neue freiheitliche Staatsformen ausprobiert werden können.

Bald unsterblich

Zu dieser nicht sonderlich originellen technokratisch-liberalistischen Ideologie kommt nach wie vor eine gehäufte Portion «Techno-Utopismus», wie es der Digitaltheoretiker Evgeny Morozov nennt. Der Glaube an eine bevorstehende «Singularität», einen Moment der technologischen Transzendenz, nach dem nichts so sein wird wie zuvor, lässt diese Utopien oft quasireligiös daherkommen. Dabei geht es schon lange nicht mehr nur um digitale Träume wie das Heraufladen des menschlichen Bewusstseins in die Cloud oder die Entwicklung echter künstlicher Intelligenz, die uns bald sogar überflügeln würde. Auch die Lifesciences finden in der Californian Ideology einen fruchtbaren Boden. Der Begriff des Transhumanismus macht da die Runde, die Überwindung unserer biologischen Grenzen. So träumt der Google-Chefforscher Ray Kurzweil gern lauthals von der Unsterblichkeit, die auch ihm als 67-Jährigem mit etwas Glück noch zuteilwerden könnte. Aus Sicht eines Ingenieurs ist die Zufallsmethode Evolution ja auch furchtbar ineffizient.

Um eine Vorstellung von der Grossspurigkeit dieser neuen Utopisten zu bekommen: Unlängst haben sie eine «Neue Aufklärung» ausgerufen. Man war sich nicht sicher, ob sie sich der historisch-politischen Dimension des Begriffs bewusst waren.

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