Nr. 36/2015 vom 03.09.2015

Fagetti für Nidwalden!

In Nidwalden drohte die Demokratie zur Farce zu verkommen. Nun unterstützt die WOZ eine Gegenkandidatur zum bisherigen SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Mann Peter Keller.

Von Stefan Howald (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Scharf in der Kritik, einfühlsam im Menschlichen: Nationalratskandidat Andreas Fagetti vor dem Winkelried-Denkmal in Stans.

Nur gelebte Demokratie ist wirkliche Demokratie. Das ist ein schöner Kalenderspruch – der durchaus zutrifft. In Nidwalden ist die Demokratie bei den kommenden Nationalratswahlen beinahe zu einer rein formalen, papierenen geworden. Den WählerInnen sollte dort nämlich ein einziger Kandidat präsentiert werden. Bis kurz vor Ablauf der Anmeldefrist war nur die Kandidatur des bisherigen Nationalrats Peter Keller («Weltwoche», SVP) eingetroffen. Keller wäre damit in stiller Wahl bestätigt worden. Das will die WOZ verhindern. Wir präsentieren deshalb mit Andreas Fagetti einen Gegenkandidaten.

SVP und «Weltwoche» berufen sich gern auf den «Volkswillen» und auf Volksentscheide. Doch in Nidwalden hat die SVP des Kantons unverhohlen gedroht, wenn andere Parteien die SVP bei den Nationalratswahlen herausforderten, werde die Partei ihrerseits den Ständeratssitz angreifen. Soll so jede demokratische Auseinandersetzung ausgehebelt werden?

Dabei lebt Demokratie von Auseinandersetzungen. Erst in der Diskussion werden genügend Fakten präsentiert, damit man sich ein fundiertes Urteil bilden kann. Erst im Meinungsstreit werden unterschiedliche Interessen sichtbar. Erst im Kampf der Argumente kann sich womöglich die bessere Lösung durchsetzen.

Das Recht der Minderheiten

Zudem ist Demokratie nicht nur die Herrschaft der Mehrheit, wie es uns die SVP bei ihr passenden Abstimmungsresultaten unablässig einhämmern will. Auch und gerade Minderheiten müssen sich demokratisch ausdrücken können, und ihre Anliegen müssen berücksichtigt werden. Bei einer stillen Wahl aber werden alle Minderheitsmeinungen zum Schweigen gebracht. Ja, es wird das Bild eines unbestrittenen Konsenses vermittelt.

Im Fall Nidwalden kommt ein pikanter Aspekt hinzu, in der Person des bisherigen Amtsinhabers. Peter Keller ist nicht nur SVP-Nationalrat, sondern auch redaktioneller Mitarbeiter der «Weltwoche». Ja, er ist in erster Linie «Weltwoche»-Mitarbeiter. Seine Politik betreibt er zugleich als Kampagnenjournalismus, sein Journalismus ist verlängerte Parteipolitik. Doch wenn sich die Presse zuweilen etwas aufgeplustert als vierte Macht im Staat bezeichnet, dann muss sie die Gewaltentrennung zwischen Politik und Journalismus ernst nehmen.

Die «Weltwoche» foutiert sich seit längerem um dieses Prinzip. Sie ist ideologisch und wohl auch finanziell an eine bestimmte Partei, die SVP, gebunden. Mit der Kandidatur von Chefredaktor Roger Köppel für die SVP bei den Nationalratswahlen im Kanton Zürich erhält die parteipolitische Instrumentalisierung von Medien einen neuen Schub.

Deshalb hat sich die WOZ entschlossen, bei den Wahlen in Nidwalden eine stille Wahl von «Weltwoche»-SVP-Nationalrat Peter Keller zu verhindern und die Kandidatur des parteiunabhängigen WOZ-Redaktors Andreas Fagetti zu unterstützen. Diese ist frist- und ordnungsgemäss am Montag eingereicht worden. Damit werden auch in Nidwalden – einem Urkanton der Schweiz – die Stimmberechtigten eine demokratische Wahl haben.

Unterstützung mit Bedingungen

Macht damit die WOZ das, was sie der «Weltwoche» vorwirft? Nein. Unsere Unterstützung hat klare Bedingungen: Sollte Andreas Fagetti gewählt werden, so wird er mit Amtsantritt aus der Redaktion ausscheiden. Die WOZ-Berichterstattung über ihn und seine Amtstätigkeit wird sich dann an denselben Kriterien orientieren, die wir generell an unsere publizistische Arbeit anlegen: unabhängig, hartnäckig und unbestechlich. Es wird keine Vorzugsbehandlung für ihn geben, weil er früher in der WOZ gearbeitet hat; wir werden ihn unterstützen, wenn er uns richtig scheinende Positionen vertritt, und kritisieren, wo er unseres Erachtens irrt.

Wir sind überzeugt, dass Andreas Fagetti der bessere Nationalrat für Nidwalden ist. Der 1960 Geborene wuchs in St. Gallen auf. Als ehemaliger Bauhandlanger und Fabrikarbeiter stieg er autodidaktisch in eine zweite Berufslaufbahn als Journalist ein. Er wirkte zuerst beim «St. Galler Tagblatt» und ist seit 2009 Redaktor bei der WOZ. Hier hat er sich als scharfzüngiger Kommentator und einfühlsamer Reporter einen Namen gemacht. Der Vater dreier Kinder, zwei davon sind erwachsen, engagiert sich insbesondere für eine gerechtere Sozial- und Mieterpolitik. Aber auch kulturell ist er vielseitig interessiert und versiert (vgl. «Gerechtigkeit ist für ihn zentral» im Anschluss an diesen Text).

Andreas Fagettis Kandidatur garantiert, dass in Nidwalden die Demokratie nicht zur Tyrannei der abnickenden Mehrheit verkommt.

Andreas Fagetti

Gerechtigkeit ist für ihn zentral

Mit Jesus gegen die Patres: So lässt sich eine wichtige Station im Bildungsprozess von Andreas Fagetti beschreiben. Als er als Teenager gegen die Saturiertheit seiner Lehrer an der Klosterschule das Ideal gerechten Lebens ohne weltlichen Besitz ins Feld führte, hörten diese das nicht gern. Der Druck wurde zu gross – Fagetti verliess ein Jahr vor der Matura die Schule.

Geboren wurde Fagetti 1960 in Altstätten im Rheintal. Sein Vater war Primarlehrer, aus dem Bergell eingewandert, seine Mutter Österreicherin. «Als Kind habe ich das nicht ganz so dramatisch erlebt, aber in den Sechzigern war schon eine latente Abwehrhaltung gegen alles ‹Fremde› da, dann war selbst ich als Schweizer manchmal der Tschingg.»

Nach der abgebrochenen Klosterschule absolvierte Fagetti die Handelsschule, heuerte dann bei der Firma Wild in Heerbrugg an, verschickte Vermessungsgeräte, die auch für Waffen verwendet werden konnten. Das wollte er nicht mitmachen, also arbeitete er mehrere Jahre als Bauhandlanger und in einer Fabrik. Schreiben war eine Leidenschaft, aber erst die Anfrage eines Kollegen führte ab 1985 zur Mitarbeit bei der «Rheintalischen Volkszeitung». Es folgten Lokaljournalismus beim «Rheintaler», der Wechsel zur «Ostschweiz» und schliesslich zur «Ostschweizer AZ».

1993 kam eine neue Abzweigung. Zusammen mit seiner damaligen Frau zog Fagetti nach Russland. «Ich brauchte einen Neuanfang», erläutert er. Der Auszug war längerfristig geplant, aber als sich das erste Kind ankündigte, kehrten sie in die Schweiz zurück. Fagetti wurde vom «St. Galler Tagblatt» angestellt. Das, sagt er lächelnd, könne man als die ruhige Phase seines Lebens bezeichnen. Die Familie war ins Elternhaus im Rheintal gezogen, er verdiente gut, war «integriert». Aber die Abenteuerlust liess ihn nicht los. 2009 wechselte er zur WOZ.

Zwei Eigenschaften zeichnen Fagetti aus: scharf in der sachlichen Kritik, einfühlsam im Menschlichen. Was kann er Nidwalden bringen? «Ich verstehe mich als Vertreter der kleinen Leute. Ich weiss, was es heisst, mit nicht so viel Geld auskommen zu müssen.» Konkret möchte er sich gegen die Tiefsteuerpolitik einsetzen, die mittlerweile viele Kantone in eine Sackgasse geführt hat. Aber ist es ihm ernst mit seiner Erklärung, bei einer Wahl nach Nidwalden zu ziehen? «Selbstverständlich. Ich würde ja die Nidwaldnerinnen und Nidwaldner vertreten. Also muss ich nahe an ihrem Alltag sein.»

Stefan Howald

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