Nr. 36/2015 vom 03.09.2015

Der Sozialarbeiter als Sheriff

Die Organisation Sip (Sicherheit, Intervention, Prävention) hat ein soziales Image. Linke wie Bürgerliche sehen in ihr ein Erfolgsrezept gegen die Probleme im öffentlichen Raum. Warum?

Von Meret Michel

Über der Bäckeranlage im Zürcher Kreis 4 steigt Rauch auf. Zwei Blauuniformierte mit der Aufschrift «sip züri» auf dem Rücken spazieren durch den Park und werfen einen Kontrollblick auf ihr Werk der letzten fünfzehn Jahre: grillierende, picknickende und moderat trinkende Menschen auf der Wiese an einem ereignislosen Freitagabend. Ganz hinten sitzt das frühere Stammpublikum auf einer Parkbank, trinkt Bier aus der Dose und beobachtet, wie die Familien auf der Wiese Fleisch auf den Grill legen. «Früher waren hier nur Alkohol- und Drogenabhängige», sagt Sip-Mitarbeiter Hamed Selim. Tempi passati? Nicht für die Sip. Aber heute ist sie noch mit anderen Dingen beschäftigt: Einweggrills zum Beispiel.

Sip steht für «Sicherheit, Intervention, Prävention». Inoffiziell auch «Spazieren im Park», «sehr intensive Pause» und bei den Punks «Scheisse in Person». Mit der blauen Uniform sehen die städtischen SozialarbeiterInnen der Polizei zum Verwechseln ähnlich. Die Sip selbst bezeichnet sich als «Hüterin des öffentlichen Raums». Ihre Mission: für Ruhe und Ordnung sorgen in einer Stadt, deren Fassade nur so viele Risse haben darf, dass es TouristInnen nicht irritiert. Die Sip schafft es, sich vom wachsenden Sicherheitsbedürfnis in der Bevölkerung zu nähren und gleichzeitig ein soziales Image aufrechtzuerhalten. PolitikerInnen feiern sie als Erfolgsrezept gegen die Probleme im öffentlichen Raum. Warum?

Freitagabend, 18 Uhr. In der Sip-Zentrale bereiten sich die MitarbeiterInnen auf ihre Schicht vor. Acht Leute in Zweierpatrouillen teilen am Wochenende die Stadt unter sich auf. An der Wand neben dem Eingang hängt ein riesiges Whiteboard, auf dem Konfliktorte der Stadt nach Aktualität geordnet sind: «Pronto», «Fokus», «Platzfall». Wenn jemand die Sip anruft, weil er sich von anderen gestört fühlt oder etwas Ungewöhnliches gesehen hat, wird unter «Pronto» ein neues A4-Blatt aufgehängt. Am meisten Zettel hängen unter «Platzfall»: Diese Orte werden regelmässig aufgesucht.

Alte Bekannte

«Anna*, was machst du da?», spricht Hamed eine dürre Asiatin an, die vor dem 24-Stunden-Shop an der Ecke Militär-/Langstrasse steht. Die Frau grinst und offenbart einen Blick auf ihre schwarzen Zähne. «Du weisst, dass du das nicht darfst», sagt Hamed. Anna hat wieder gebettelt. «Ich sage ihr jedes Mal, dass sie etwas Verbotenes tut.» Er könnte die Polizei rufen, doch das tut er in diesem Fall nicht. Hamed, ein massiger Ägypter mit dem Gesicht eines Teddybären, arbeitet seit acht Jahren bei der Sip. Er kennt seine Klientin. Er weiss, die Polizei rufen bringt nichts.

Gegenüber an der Bushaltestelle der Linie 31 sitzt eine kurzhaarige Frau auf der Bank. Ihr Kumpel streicht ihr mit beiden Händen über den Körper, als wolle er sie segnen. «Euch brauchen wir nicht!», ruft sie, als sie die Sip-Leute näher kommen sieht. Die letzte Dosis scheint nicht lange her, und die Frau schwankt ein bisschen, als sie auf Hamed zutritt: «Geht lieber hoch zum Helvetiaplatz, dort ist ein Kumpel von mir, dem geht es dreckig.» Doch die «Siper» bleiben noch ein paar Minuten neben der Haltestelle stehen. «Siehst du den Mann im roten Poloshirt?», sagt Hamed und deutet auf eine Gruppe Männer hinter dem Bushäuschen. «Das ist ein Dealer. Die verhandeln jetzt, wer was hat und wer was will. Wenn wir hier stehen bleiben, verschwinden sie meistens.» Kurz darauf beginnt ein Typ, einen anderen anzupöbeln, Hamed geht dazwischen, versucht, eine Schlägerei zu verhindern, und ruft schliesslich die Polizei. Der Freund am Helvetiaplatz ging in der Aufregung vergessen.

«Vertreibung» will die Sip ihre Arbeit nicht nennen: «Unser Ziel ist es, Monopolisierungen im öffentlichen Raum zu verhindern», sagt Sip-Betriebsleiter Christian Fischer. Wenn jemand in der Stadt andere daran hindert, einen Ort zu nutzen, oder Leute sich auf irgendeine Weise gestört fühlen, kommt die Sip und versucht, die Betreffenden auf ihr Fehlverhalten aufmerksam zu machen. Diese haben die Wahl, «sich zu entfernen», «sich der Repression auszusetzen» (wenn sie gegen Gesetze verstossen und die Sip die Polizei ruft) oder «sich kooperativ zu verhalten» (ein Bettler zum Beispiel, wenn er sich von der Sip zu einer Beratungsstelle fahren lässt).

Für solche Argumente hat Peter* nur ein Lachen übrig. «Die Sip hat uns vertrieben», sagt der Punk und nimmt einen Schluck Bier. Er kennt die Sip gut. Er war auf dem Stadelhoferplatz, als die Sip ihm und seinen Kumpels beibringen wollte, dass sie ihre Hunde anleinen sollten. «Wo sind wir Obdachlosen denn heute bitte noch ungestört?» Eine Zeit lang hatte Peter eine Wohnung und putzte für die Zürcher Verkehrsbetriebe. Bis der Vermieter ihn rausschmiss, um StudentInnen einzuquartieren, und er seinen Job verlor, weil er seine Hündin zur Arbeit mitnahm. Seither schläft er wieder im Freien. «Die Sip hat uns verarscht. Sie kamen an und fragten uns über unser Leben aus. Wenn am nächsten Tag die Bullen kamen, wussten sie alles über dich.»

Wie alles begann

Die Sip wurde im Jahr 2000 gegründet. Fünf Jahre zuvor hatte die Stadt Zürich die offene Drogenszene im Oberen Letten geräumt. Doch die Junkies konnten sich nicht in Luft auflösen. Sie verteilten sich über das Stadtgebiet, verschwanden in Hauseingängen und Hinterhöfen und begannen, sich bald wieder zu sammeln, auf der Bäckeranlage oder dem Stadelhoferplatz hinter dem Opernhaus. Bis Anwohner und Gewerblerinnen Sturm liefen.

Die Regierung stand unter Druck. Und die Polizei war überfordert: Sie konnte die Abhängigen nur von einem Ort zum nächsten treiben. In einer Blitzaktion sperrte die Stadt die Bäckeranlage, GärtnerInnen flickten die malträtierte Wiese. Nach der Wiedereröffnung patrouillierte nicht nur die Polizei regelmässig, sondern auch eine Gruppe SozialarbeiterInnen: die Sip. Mit einer Mischung aus «aufsuchender Sozialarbeit und Ordnungsdienst» sollte sie den Junkies, Alkis und Punks beibringen, wo sie pinkeln und ihren Müll entsorgen sollen, und sie wenn möglich in die Kontakt- und Anlaufstellen bringen. Sie hat keine polizeilichen Kompetenzen – ihre Waffe ist die Kommunikation. Ein neues Kapitel in der Schweizer Drogenpolitik begann: Auf totale Repression und offensive Toleranz folgte Pragmatismus.

Einweggrills und Asylzentrum

Aus dem Pilotprojekt mit 5 Vollzeitstellen wuchs ein Betrieb mit 42,5 Stellen. Die Sip ermahnt heute lärmende Jugendliche zur Ruhe und sagt HundebesitzerInnen auf der Werdinsel, wo sie ihre Haustiere anleinen sollen. Sie schaut im Winter, dass Obdachlose nicht erfrieren. Sie kontrolliert die Eingänge beim neuen Asylzentrum Juch und den Strichplatz. Oder sie sagt BenutzerInnen von Einweggrills, dass diese ein Loch in die Wiese brennen. Vieles davon sind Auftragsarbeiten von Abteilungen der Stadt (vgl. «Die Allzweckwaffe» im Anschluss an diesen Text). Sie ist das stadtinterne Mädchen für alles.

Damit hat sie sich ziemlich weit von ihrer gesetzlichen Grundlage entfernt. Die basiert nämlich noch immer auf einem Beschluss aus dem Jahr 1990 für die «Sozialhilfe für Suchtmittelabhängige, psychisch Behinderte und sozial Auffällige in Not». Zusätzlich bewilligte der Gemeinderat 2009 den Schwerpunkt Jugendarbeit. Von Einweggrills und AsylbewerberInnen ist keine Rede.

Das hat die linksliberale Mehrheit der Politik lange nicht interessiert. Kein Wunder: Mit ihrer Melange aus Sozialarbeit und Ordnungsdienst bietet die Sip sowohl linken Sozialen wie bürgerlichen SicherheitsverfechterInnen etwas Unterstützenswertes. Nur zwei Parteien stellten sich 2002 gegen ihre definitive Einführung: die SVP, bekanntlich gegen alles, was sich sozial nennt und Geld kostet, und die Alternative Liste (AL).

«Es ist heikel, Sozialarbeit und Polizeiaufgaben zu mischen», sagt AL-Gemeinderat Niklaus Scherr. «Die Sozialarbeit setzt sich für die Autonomie ihrer KlientInnen ein, während die Polizei die Aufgabe hat, in die Autonomie einzugreifen. Mit der Sip hat man eine niederschwellige Wegweispolizei aufgebaut, und das ohne die nötige Rechtsgrundlage und ohne politischen Grundsatzentscheid. Es wurde einfach ständig ihr Budget erhöht.»

Erst seit die Sip 2014 das Asylzentrum bewacht, sind PolitikerInnen jenseits der AL auf sie aufmerksam geworden. SozialarbeiterInnen als Sicherheitsbeamte? In einem Postulat forderte die GLP deshalb den Stadtrat auf zu prüfen, «ob die Weiterführung (der Sip-Arbeit im Asylzentrum) einer neuen Rechtsgrundlage bedarf oder ob der Zweck und das Ziel der Sip angepasst werden muss». Der Stadtrat arbeitet nun daran, die bestehenden Beschlüsse zur Sip in einer Weisung zusammenzufassen. Parallel dazu hat die Sip beschlossen, das Pilotprojekt Asylzentrum im September auslaufen zu lassen. Sie will ihr Profil schärfen und sich wieder auf Konfliktmanagement im öffentlichen Raum konzentrieren. Doch die GLP hat mit ihrer Formulierung «Zweck und Ziel» die Gretchenfrage gestellt.

Was soll die Sip?

Fragt man PolitikerInnen, weshalb die Sip für diese oder jene Aufgabe die richtige Adresse sei, erhält man in der Regel zwei Antworten: «Besser die Sip als die Securitas», wie etwa im Fall des Asylzentrums, und «Wer solls denn sonst machen?».

Die grüne Gemeinderätin Katharina Prelicz-Huber, Präsidentin der Offenen Jugendarbeit (OJA), erklärt: «Die Sip handelt problemorientiert. Sie geht dorthin, wo es gerade brennt. Dafür findet sich politisch leichter Unterstützung als für die präventive Arbeit bei der OJA. Wir müssen ihre Wirkung gut erklären, um genügend Budget zu erhalten.» Dennoch unterstützt Prelicz-Huber die Arbeit der Sip: «Pinkelt einer betrunken an eine Hauswand, finde ich es legitim, wenn die Sip ihm sagt, dass das nicht erwünscht ist. Sie übernimmt die Rolle der Zivilcourage, an der es leider in unserer städtischen Wohlstandsgesellschaft mangelt.»

Die Sip als Mittel gegen eine zivilisatorische Mangelerscheinung – das ist, als ob ein Arzt eine Pille gegen Kopfschmerzen verschreibt, ohne die Ursache zu kennen: reine Symptombekämpfung. Braucht es wirklich eine staatliche Institution, die neben einem steht und jeden auf seine Fehltritte aufmerksam macht? Sip: Sitten-Interventionspolizei. Und die Sip sagt nicht nur, wenn etwas stört, sondern auch gleich, was das ist: «Keine Belästigung von anderen Nutzenden, keine Ansammlungen, die andere an einer Nutzung hindern, kein Abfall im Umfeld von Nutzergruppen, kein öffentliches Urinieren, keine übermässige Lärmbelästigung und keine Gewalt oder Drohung», wie in einer Broschüre zu lesen ist.

«Madame» kriegt fast täglich Besuch von der Sip. Die Frau verbringt Tag und Nacht auf einer Sitzbank in der Nähe des Hauptbahnhofs. Zum Schlafen legt sie den Kopf auf ihre zwei grossen Koffer. Ihre Lederjacke behält sie auch bei dreissig Grad an. Madame, die vor 25 Jahren vor dem Krieg im Kongo in die Schweiz floh, sagt: «Ici, je me sens en sécurité, hier fühle ich mich sicher. Hier sind ständig Leute, von hier habe ich den Überblick.» In einer geschlossenen Wohnung fürchtet sie sich. Doch in den Augen der Sip ist Madame ein Problem, weil sie sich auch zum Pinkeln neben die Bank kauert. Das irritiert PassantInnen und ärgert die Verkehrsbetriebe.

Warum stört ein Obdachloser, wenn er rumschreit, aber ein sich lauthals streitendes Paar nicht? Warum «monopolisieren» Jugendliche einen Raum, wenn sie laut sind und ihre Bierdosen am See nicht wegräumen, während die Horden von Partygängern an der Langstrasse jedes Wochenende dasselbe tun? Obdachlose können oder wollen sich nicht in eine Wohnung zurückziehen. Ähnlich verhält es sich mit Jugendlichen, die sich draussen treffen: Sie wollen Freiraum. Mangels Alternativen stünden ihnen eigentlich Sonderrechte im öffentlichen Raum zu. Doch die Sip behandelt alle «NutzerInnen» gleich: aufgrund ihres Verhaltens. Erlaubt ist, was die Stadtregierung, ja die Mehrheitsgesellschaft nicht stört.

Während die «Schärfung des Profils» und die Debatte im Gemeinderat noch ausstehen, expandiert die Sip weiter. Seit Juli patrouilliert sie im Auftrag der Gemeinde Kloten am Flughafen Zürich, um die rund fünfzig Obdachlosen dort «präventiv mit ihren Heimatgemeinden zu vernetzen». Kloten will kein «Hafen» für gestrandete Obdachlose rund um den Flughafen sein. Doch auch den BetreiberInnen des Flughafens waren die rund fünfzig Obdachlosen ein Dorn im Auge. «Der Flughafen hat die Leute lange geduldet, versucht nun aber, sie zu vertreiben. Zum Beispiel mit dem Verbot, sich auf Sitzbänke zu legen», sagt Erika Hüsler von den Sozialwerken Pfarrer Sieber (SWS). Die SWS patrouillieren seit Jahren am Flughafen, sie kennen jeden dort. «Die Situation am Flughafen ist seit Jahren stabil. Die Obdachlosen, die sich den Flughafen als Ort ausgesucht haben, sind in der Regel aus freien Stücken dort. Sie stören niemanden und fallen unter den Reisenden kaum auf», sagt Hüsler.

«Der Flughafen ist keine Notschlafstelle», heisst es seitens der Sip. Das Interesse der Organisation gilt nicht in erster Linie dem Wohl ihrer KlientInnen und auch nicht dem Zusammenleben von Obdachlosen und Reisenden. Die Sip dient ihren Auftraggeberinnen: der Gemeinde Kloten, der AOZ als Betreiberin des Asylzentrums, der Stadt Zürich.

Die Sip-Patrouille an jenem Freitag endet ohne grössere Zwischenfälle: drei «Interventionen» mit Jugendlichen, zwei enden in längeren Gesprächen über einen Überfall auf einen Pizzaboten oder über das Thema Herkunft, die dritte mit der Massregelung einer lärmenden Jugendgruppe im Friesenberg. Um 2 Uhr geht es zurück in die Zentrale, draussen ist tote Hose. Zürich ist zu brav geworden für die Sip.

Nachtrag: Letzte Woche in der Nacht auf Freitag brannten hinter der Sip-Zentrale drei Autos der Sip. Ein Passant meldete das Feuer um 2.45 Uhr der Polizei. Diese geht von Brandstiftung aus.

Überall mehr Sip

Die Allzweckwaffe

«Sip Züri» wurde vor fünfzehn Jahren als befristetes Pilotprojekt zur Verhinderung von Drogenszenen ins Leben gerufen, 2002 hat der Gemeinderat ihre definitive Einführung bewilligt. 2009 kam mit dem Projekt «Züricourage» die Jugendarbeit als zusätzlicher Schwerpunkt hinzu. Seit 2012 können auch andere Gemeinden im Kanton Leistungen bei der Sip beziehen. 2014 patrouillierte die Sip auch in Dietikon, Dübendorf, Oberengstringen und Wädenswil. 2013 beauftragte Grün Stadt Zürich die Sip, auf der Werdinsel und bei der Allmend Brunau regelmässig präsent zu sein. Im selben Jahr eröffnete der neue Strichplatz, den die Sip nachts beaufsichtigt. 2014 übernahm die Sip den Auftrag, die Eingänge des Asylzentrums zu kontrollieren, das Projekt läuft Ende September aus. Seit Juli patrouilliert sie am Flughafen.

Das Konzept der Sip wurde von diversen Schweizer Städten übernommen. In Luzern, Biel und Langenthal gibt es heute eine Sip, in Bern gibt es Pinto, die ähnlich arbeitet. Sip Züri kostete die Stadt 2014 knapp 5,2 Millionen Franken, rund 3 Millionen mehr als ursprünglich vom Gemeinderat bewilligt.

Meret Michel

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