Nr. 16/2020 vom 16.04.2020

Vom Haus aufs Boot, vom Boot auf die Strasse

Musikliebhaber Franco schläft lieber draussen, als in Notschlafstellen zu übernachten – sogar wenn es stürmt. Wie viele Menschen in der Schweiz wie er obdachlos sind, weiss niemand so genau.

Von Pablo Rohner (Text) und Florian Bachmann (Fotos)

Draussen ist schönes Wetter. Das Licht, das durch die trüben Fenster des «Chrischtehüsli» fällt, lässt den Dampf über den Tassen leuchten. Ich sitze in der Gassenstube der evangelisch-methodistischen Kirche an der Cramerstrasse in Zürich und trinke mit Elena* und Marcel* Kaffee. Es ist Mitte Januar. Ob sie noch rausgehen, frage ich sie, mit dem Gedanken, mich dann einfach anzuschliessen. Marcel, der sich als wandernder Oldtimer-Restaurateur aus Deutschland vorstellt, muss mich enttäuschen: «Wenn du im Winter obdachlos bist, bleibst du drinnen, solange du kannst.» Da sei das Wetter egal.

«‹Würde› wäre ein guter Titel für deinen Artikel!», ruft plötzlich einer durch den Raum. Franco*, der eine blaue Daunenjacke von The North Face trägt und mich an Jean Reno im Film «Léon – Der Profi» erinnert, schläft seit etwas mehr als einem Jahr draussen. Er bezeichnet sich als Künstler, hauptsächlich Skulpturen habe er gemacht, aber auch Radio. Und wirklich: Schon bei der Zigarette vor dem «Chrischtehüsli» höre ich ihm gern zu, wie er mit tiefer Stimme in italienisch gefärbtem Englisch den nächsten Song ansagt. Massive Attack, Nils Petter Molvaer, Thievery Corporation aus der Boombox: Wer mit Franco unterwegs ist, hört ständig gute Musik. Wir ziehen los in Richtung Studio von Radio Lora. Er will die Radioleute davon überzeugen, irgendwann eine Sendung mit Obdachlosen zu machen.

Mit seiner Frau und seinem Sohn hat Franco lange in der Toskana gelebt. «Als wir uns trennten, habe ich alles hinter mir gelassen», sagt er. Vor ein paar Jahren kam er nach Zürich, um zu arbeiten, lebte in einem Haus am Zürichsee. Mit der Zeit verdiente er immer weniger, bis er irgendwann auf der Strasse stand. «Zürich ist eine schöne Falle», sagt Franco, der hier zur Welt kam, die Mutter Schweizerin, der Vater Italiener.

Sein Aufenthaltsstatus würde es ihm erlauben, Sozialhilfe und Arbeitslosengeld zu beantragen. Das habe er aber nie gemacht, weil er die damit einhergehenden Verpflichtungen, zum Beispiel die regelmässigen Termine auf den Ämtern, nicht erfüllen wolle. «Ich habe mich Schritt für Schritt von der Gesellschaft entfernt», sagt Franco. Er spielt die Aussteigerhymne «Society» von Eddie Vedder. Dort heisst es im Refrain an die Adresse der Gesellschaft: «Ich hoffe, du bist nicht einsam ohne mich.» «Dieser Song, das bin ich», sagt Franco.

Nach dem Haus am See kam das Boot. Er habe es vom Haus aus zwei Jahre lang beobachtet und deshalb gewusst, wann die Besitzer nicht da waren. Zwei Monate habe er auf dem Boot übernachtet und jeden Morgen nach dem Aufstehen die Vögel gefüttert. Dann sei er an Land geschwommen, um den Tag in Zürich zu verbringen. Das Boot habe er stets blitzblank verlassen. Irgendwann kam dann doch die Polizei, und Franco musste drei Tage in Haft.

Hass am Helvetiaplatz

Eigentlich bin ich ja ins «Chrischtehüsli» gekommen, um Elena wiederzutreffen. Ich habe sie zwei Monate zuvor am Helvetiaplatz kennengelernt. Elena sass auf einer Sitzschale bei der Tramhaltestelle, daneben stand ihr mit Taschen gefüllter Einkaufswagen. Die Sonne schien, doch es war kalt, um null Grad. Elena bezieht eine Rente aus ihrem Berufsleben als Taxifahrerin und Ergänzungsleistungen. Sie hatte zwei Zimmer, in denen sie jedoch nur im Notfall übernachtete, weil sie mit ihren Sachen vollgestellt seien. Wo sie stattdessen schlief, umschrieb sie vage: «im Gang» oder «in einem anderen Haus».

Zwei Sitze weiter sass ein Mann zusammengesunken auf seinem Sitz. Neben ihm lehnten Krücken, er hustete, und auch sonst ging es ihm offensichtlich schlecht. Nach einem besonders böse klingenden Hustenanfall holte Elena einen Weisskabis und eine Mütze aus ihrem Wagen und bot sie dem Mann an. Als Reaktion auf das Angebot begann dieser sie wie aus dem Nichts frauen- und fremdenfeindlich zu beschimpfen, einmal spuckte er knapp an Elenas Kopf vorbei an die Wand. Trotz Zurufen, er solle Abstand halten, rückte er dabei immer näher. Doch Elena wehrte sich. Erst drohte sie ihm mit der Faust, dann versetzte sie ihm einen Schlag auf den eingegipsten Arm. Das wirkte. Er nahm seine Krücken und zog fluchend ab.

Zurück im «Chrischtehüsli» im Januar. Kurz nach dem Mittagessen, das von einem jungen Freiwilligen mit einem Gebet eingeleitet wurde, ist Elenas Schlafsack plötzlich weg. Der Typ neben ihr habe ihn mitgehen lassen, ist sie sicher. Sie steht auf, um in der Kleiderausgabestelle im Untergeschoss einen neuen zu suchen. Marcel erzählt, dass ihm von anderen Obdachlosen schon drei Schlafsäcke geklaut wurden. Noch krass, dass das so oft vorkomme, sage ich. «Das kann auch nur von jemandem kommen, für den das hier nur ein Ausflug ist», sagt Marcel. Elena kommt zurück an den Tisch. Einen Schlafsack hat sie nicht gefunden, dafür ein dickes Kissen. Mit den Decken gehe das, meint sie. Vor ein paar Tagen wurden ihr die Zimmer gekündigt, von denen sie mir an der Busstation erzählt hatte. Sozialdiakonin Birgit Usche holt sie deshalb zur Beratung ab.

Per Flixbus in die Toskana

Matthias Drilling leitet das Institut Sozialplanung und Stadtentwicklung an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er sagt, Obdachlosigkeit müsse wieder als Problem der Wohnpolitik auf die Agenda kommen. «Obdachlosigkeit wird in der Schweiz nicht dort verhandelt, wo sie aus unserer Sicht hingehören würde, nämlich als eine besonders prekäre Form der Armut, die mit dem Ausschluss aus ganz vielen Lebensbereichen einhergeht.»

Einer dieser Bereiche ist das selbstbestimmte Wohnen. Der Uno-Pakt I formuliert das Recht auf angemessenes Wohnen als Menschenrecht. «Also als etwas, was man sich nicht verdienen muss», sagt Drilling. Die Schweiz wird von der Uno immer wieder für die sozialen Folgen ihrer Wohnpolitik kritisiert. Erst kürzlich hat sich die Sonderberichterstatterin für das Recht auf Wohnen, Leilani Farha, nach Massenkündigungen in Basel und Zürich beim Bundesrat zur Wohnungssituation in den Städten erkundigt.

«Wenn Wohnen ein Menschenrecht ist, müssen wir für jede soziale Lage angemessene Wohnmöglichkeiten garantieren», sagt Drilling – also sozialen Wohnungsbau betreiben und genossenschaftliches und selbstverwaltetes Wohnen fördern. Zentral sei auch ein besseres Monitoring für Menschen, die ihre Wohnungen verlören. Denn: Je länger jemand aus dem Wohnungsmarkt ausgeschlossen sei, desto schwieriger werde es, wieder reinzukommen.

Sozialdiakonin Usche hat eher mit Fragen des Umgangs als mit Ursachen zu tun. Es brauche mehr kleine Initiativen von Vereinen oder Privatpersonen, von «Leuten, die eine Liegenschaft zum Übernachten zur Verfügung stellen», ist sie überzeugt. Solche Projekte könnten dann von der Politik gefördert werden. Usche erzählt von «Ä Nacht schänke»: Obdachlose können immer am Mittwoch in der evangelisch-methodistischen Kirche übernachten. Davor werde gemeinsam gekocht und ein Abendprogramm gestaltet. Es gehe darum, über das «nackte Bereitstellen von Schlafplätzen» hinauszukommen. «Das Gefühl von Gemeinschaft zu erleben, kann den Menschen helfen, die Probleme anzupacken, die am Anfang ihrer Obdachlosigkeit standen.» Auch Franco schläft mittwochs manchmal in der Kirche. Er schätzt das Angebot, auch wenn ihn der religiöse Hintergrund manchmal anstrenge.

Einige Tage nach dem Sturm Sabine im Februar: Ich habe mit Franco abgemacht, ihn während einer Nacht zu begleiten. Es ist wieder Sturm angesagt. Wir treffen uns um halb zehn in der Xenix-Bar. Franco bestellt einen Kaffee. «Wir bleiben so lange drinnen, wie es geht», sagt er. Ein junger Mann, der sich als Klaus vorstellt, sonst aber nicht viel redet, ist auch dabei. Er kenne ihn seit zwei Wochen, sagt Franco. «Ich habe aber keine Ahnung, wer er ist.» Temporäre Gemeinschaften wie diese entstünden oft auf der Strasse. Man verbringt während ein paar Wochen Zeit miteinander, hilft sich bei allem, was so anfällt. Bis eineR im begleiteten Wohnen oder in einer Sozialwohnung unterkommt. Oder einfach nicht mehr auftaucht.

Wie viele Menschen in Zürich draussen schlafen, ist unklar. Der SIP Zürich (Sicherheit Intervention Prävention), die laut Eigenbeschreibung «aufsuchende Sozialarbeit mit ordnungsdienstlichen Aufgaben» kombiniert, sind rund ein Dutzend Personen bekannt, die das ganze Jahr über die Nächte im Freien verbringen. Obdachlose sprachen im Januar von mehr als hundert Menschen. Sozialgeograf Drilling und sein Kollege Jörg Dittmann arbeiten an einer Erhebung zu Obdachlosigkeit in den acht grössten Städten der Schweiz, in zwei Jahren sollen Resultate vorliegen. Bereits in der Vorstudie hat sich gezeigt: Es existieren keine vergleichbaren Zahlen, in keiner Stadt. Ein Problem sei, dass in der Schweiz nicht mit der in der EU gängigen Ethos-Typologie für Wohnungslosigkeit gearbeitet werde, sagt Drilling. Innerhalb der vier Oberkategorien «obdachlos», «wohnungslos», «ungesichertes Wohnen» und «unzureichendes Wohnen» unterscheidet diese insgesamt dreizehn Kategorien von Wohnungslosigkeit. So werden auch Menschen erfasst, die temporär und unfreiwillig bei Bekannten oder in Wohnwagen leben oder in ihrer Wohnung von Gewalt bedroht sind. In der Schweiz hingegen gelte gemeinhin als obdachlos, wer sichtbar auf der Strasse lebe, sagt Drilling.

Vor dem «Xenix» regnet es quer, aber Franco ist in Hochstimmung. Am nächsten Morgen werde er im Gassencafé Sunestube des Sozialwerks Pfarrer Sieber frühstücken, mit seinem Lieblingszivildienstleistenden Pearl Jam hören und dann den Flixbus nach Florenz nehmen. Zwei Wochen Toskana seien jetzt genau das, was er brauche. Besonders freut er sich, seinen fünfzehnjährigen Sohn zu sehen, aber auch auf das Meer und die heissen Quellen im Wald: «Das Wasser fliesst über weissen Stein, erst im Fallen kühlt es ab. Oben ist es so heiss, dass du den Fuss nicht reinhalten kannst.»

«Zur Randposition runterdiskutiert»

«Es wird interessant, dich zu beobachten.» Offenbar befürchtet Franco, dass ich eine Sturmnacht auf Karton und Isomatte in einem Velounterstand – so viel verrät er schon mal – nicht aushalte. Ich bin mir auch nicht sicher und habe darum einen Freund in Zürich gebeten, die Tür offen zu lassen. Franco stimmt mich ein, mit Sätzen, die klingen wie gedruckt: «In einem Haus hast du immer die gleiche Ruhe.» Auf der Strasse dagegen veränderten sich die Geräusche ständig, auch an stillen Plätzen; Trams, das Rasseln von Hoftüren, Gesprächslärm. «Wenn du im Winter einen ruhigen Platz findest, hörst du manchmal den Schnee fallen», sagt Franco, der Notschlafstellen meidet, wenn es geht.

Er komme mit den anderen, die dort Matratze an Matratze übernachten, oft nicht klar. «Einer schreit rum, ein anderer springt plötzlich auf dich drauf, und am Morgen musst du früh aufstehen und gehen.» Franco entspricht damit ein Stück weit dem sozialpolitischen Klischee: Obdachlose, die draussen schlafen, tun das freiwillig. Und es stimmt ja auch: Die Entscheidung, auf der Strasse zu schlafen, klingt in Francos Fall auch wie ein Akt der Selbstermächtigung. Wenn er aus seinem Leben erzählt, hat das oft Züge eines Hemingway-Romans: ein heroischer Mann, der sich stilsicher durch unwegsames Gebiet schlägt. Trotzdem ist es höchstens die halbe Wahrheit. Auf ein Dach über dem Kopf verzichtet Franco auch aus dem Mangel an Möglichkeiten, selbstbestimmt und «in Würde und Frieden» zu wohnen, wie er sagt.

Dass sich in den wohltätigen Einrichtungen zuweilen schwierige ZeitgenossInnen tummeln, hat auch strukturelle Ursachen. «Obdachlosigkeit wird in anderen Politikfeldern zur Randposition runterdiskutiert», sagt Matthias Drilling. Wie in der Medizin gilt auch in der Psychiatrie seit einigen Jahren das Prinzip «ambulant vor stationär». Das habe dazu geführt, dass viele PatientInnen zwischen ihren ambulanten Behandlungen sich selbst überlassen seien und zum Beispiel in Gassenküchen auftauchten. Manche Einrichtungen seien damit überfordert, sagt Drilling.

Ein anderes Feld, in dem die strukturellen Ursachen von Obdachlosigkeit gemäss Drilling gleichzeitig hervorgerufen und zum Verschwinden gebracht werden, ist die Migrationspolitik. WanderarbeiterInnen wie Marcel – die meisten aus Osteuropa – werden nach Ablauf der allgemeinen Aufenthaltserlaubnis von drei Monaten «illegal». Wenn sie dann bei den Behörden um Unterstützung ersuchen, droht ihnen die Abschiebung und im schlimmsten Fall ein Verfahren. Deshalb tauchen viele auf der Strasse «unter».

Die Suppe und der Nazi

«Lust auf eine Thaisuppe, fast gratis?» Inzwischen ist es zehn Uhr, und der Sturm hat etwas nachgelassen. Jetzt, wo die Restaurants allmählich schliessen, bekomme man leicht noch Resten aus den Küchen, sagt Franco. Über die Strasse leuchten uns die Karten dreier Restaurants entgegen. Im ersten werden wir von der Serviceangestellten freundlich empfangen. Doch als sie in die Küche fragt, ob sie drei Suppen für zehn Franken rausgeben dürfe, blickt der Koch nur stumm geradeaus.

Ähnlich läuft es im nächsten Lokal, und auch im dritten sieht es zuerst so aus, als würde das heute nichts mit der Suppe. Zehn Franken seien zu wenig, sagt der Koch; für zwanzig könne er zwei Portionen gebratenen Reis rausgeben. Ein verwirrt wirkender Gast mischt sich ein, fragt Franco, warum er eine Markenjacke trage, die könne er ja auch nicht essen. Nach einem kurzen Wortwechsel die überraschende Wende: Bevor er geht, drückt er Franco eine Zehnernote in die Hand. Wenig später dampfen vor uns drei Teller mit gedämpftem Reis, Gemüse und Geflügel.

Bevor wir uns in den Velounterstand legen, wird es nochmals ungemütlich. Nach dem Essen stellt sich heraus: Klaus ist ein Nazi; volles Programm mit Holocaustleugnung und Stolz auf den Opa, der bei der SS war. In Zürich sei er, weil er in Deutschland einen Gerichtstermin habe, den er nicht wahrnehmen wolle. Zum ersten Mal an diesem Abend sagt Franco eine Weile nichts. Mit ungläubigem Blick hört er seinem Begleiter zu, mit dem er in den letzten Wochen unterwegs war. Dann lächelt er ihn an und sagt: «Du bist also ernsthaft ein verdammter Nazi.» Francos Vater war kommunistischer Partisan in Norditalien.

Der Nazi kommt noch mit zum Velounterstand, auf einen letzten Schluck Weisswein. Irgendwann sagt Franco: «Ich glaube, du bist ein netter Junge, auch wenn du ein Nazi bist.» Das regt den anderen offenbar auf. Er boxt ein paar Mal in den Boxsack, der ein paar Meter entfernt hängt. Dann muss er auf den letzten Zug zu seinem Schlafplatz. Seine letzten Worte an diesem Abend: «Komm gut durch die Nacht, Herr Reporter.»

Der Velounterstand befindet sich neben einem schmucken Backsteingebäude im Kreis 4. Franco hat mit den MieterInnen vereinbart, dass er vier Nächte hier schlafen darf, heute ist die letzte. Wenn er einen Schlafplatz gefunden habe, versuche er immer, mit den AnwohnerInnen zu reden. Dann gehe es meistens gut. Hier werde ihm am Morgen manchmal sogar Kaffee gebracht.

Bis auf Kirchengeläut in der Frühe sei es hier schön ruhig. Tatsächlich klingen die Geräusche der hinter dem Zaun und einem kleinen Park durchfahrenden Trams und Autos wie von weit weg. Nachdem wir uns hingelegt haben, holt Franco Laptop und Boombox aus seinem Rucksack. Auch während des Sturmtiefs Sabine habe er die Nächte im Velounterstand verbracht, sagt Franco. Dazu habe er sich als Unterlage einen dicken Karton aus dem Altpapier geholt und als weitere Deckschicht die Abdeckung eines Pingpongtischs. Es habe schräg reingeregnet, und einmal seien seine Duvets weggeflogen, sodass er sie wieder einsammeln musste. Dazwischen sei es aber auch gemütlich gewesen, und er habe den Film «Dead Man» auf dem Laptop geguckt.

Die Abdeckung zieht er auch jetzt über unsere Beine: «Unter dem Plastik trocknen Schuhe und Kleider schneller.» Feuchte Kleider seien weit schlimmer als minus zehn Grad bei trockener Witterung. Genau über Franco hat das Wellblechdach ein kleines Loch, aus dem es auf seinen Kopf tropft. Während King Crimsons «Indiscipline» schläft er ein.

Ich höre Gegenstände aus Metall, die der Wind über den Innenhof rollt, Tore, an denen der Wind rüttelt, immer wieder Schritte und Schlüssel, die sich im Schloss drehen. Bald wird Franco im Flixbus nach Italien sitzen. Ich bleibe wach und nehme den ersten Zug.

Wegen Corona geschlossen

Fünf Wochen später ist Franco aus der Toskana zurück und die Coronakrise voll da. Wir facetimen. Er wohnt inzwischen bei einer Freundin im Zürcher Randbezirk Holzerhurd. Er helfe ihr im Haushalt und koche. Nach zwei Wochen mit Meer und heissen Quellen sei es ohnehin nicht einfach gewesen, zurückzukommen. Und jetzt das. Zum ersten Mal seit Monaten verbringt Franco den Grossteil des Tages in einer Wohnung. Doch die Krise treibt ihn wieder raus. Bevor er sich verabschiedet, sagt er: «Ich will mit ein paar Leuten ein Team bilden, Essen sammeln und an die Leute verteilen.»

Die vom Bundesrat verordnete Schliessung aller Einrichtungen, in denen sich Menschen üblicherweise versammeln, hat die Lage der Obdachlosen nochmals verschärft. Viele Gassencafés und Gassenküchen sind zu, so auch das «Chrischtehüsli» und die Kirche zum Übernachten am Mittwoch. Wie andere Einrichtungen haben sie das Problem, dass ihre Freiwilligen altershalber zur Risikogruppe gehören.

Auch die meisten Betriebe des Sozialwerks Pfarrer Sieber (SWS) sind bis auf Weiteres geschlossen. Das «Nemo», die Notschlafstelle des SWS für junge Obdachlose, kann weiterbetrieben werden. Der «Pfuusbus» wurde auf Tagesstruktur umgerüstet. Wo sonst Betten sind, stehen jetzt Festbankgarnituren, im Vorzelt wird Essen ausgegeben, und es gibt ein Angebot für Seelsorge. Um unter Einhaltung der geforderten räumlichen Distanzierung tagsüber möglichst viele Leute aufnehmen zu können, wurde ein zweites Zelt aufgebaut. Mitarbeitende messen eintreffenden Obdachlosen die Temperatur, und ÄrztInnen überwachen, ob jemand Symptome zeigt. «Die Angst vor der Erkrankung ist da», sagt Walter von Arburg, Kommunikationsverantwortlicher des SWS. Einige Obdachlose verbrächten ihre Zeit deshalb derzeit lieber im Wald. Täglich seien die Kältepatrouillen des SWS mit Getränken, Snacks und Schlafsäcken unterwegs.

Im Ambulatorium des Fachspitals Sune-Egge an der Konradstrasse seien bisher zwei PatientInnen positiv auf Covid-19 getestet worden und inzwischen auf dem Weg der Besserung. Im Sune-Egge könnten fünf leichte Fälle isoliert und behandelt werden.

Die städtische Notschlafstelle habe auf 24-Stunden-Betrieb mit Tagesstruktur umgestellt, heisst es in einer Medienmitteilung des Sozialdepartements. Genauso wie der Treffpunkt City, ein Aufenthaltsort mit Duschen, steht sie weiterhin nur ZürcherInnen offen. Im begleiteten Wohnen werden neue KlientInnen nur noch bei «akuter oder unmittelbar bevorstehender Obdachlosigkeit» aufgenommen.

In den medizinisch-sozialen Ambulatorien der Stadt Zürich gebe es derzeit eine hohe Anzahl an Untersuchungen, jedoch kein Testangebot für Covid-19, teilt Stadtarzt Daniel Schröpfer auf Anfrage mit. Wenn der Verdacht auf eine Erkrankung bestehe, weise man die Obdachlosen dem für ihren Wohnsitz zuständigen Spital zu. Zudem würden SIP und Stadtpolizei Wohnungslose, bei denen sie eine «etwaige Erkrankung erkennen, zur weiteren Abklärung zuweisen».

Ein paar Tage später ruft Franco aus dem Zelt beim «Pfuusbus» an. Ein Mann im Hintergrund trägt eine Atemschutzmaske mit Totenkopf drauf. Die Freundin, bei der er wohnte, sei psychisch zusammengebrochen, es sei dann nicht mehr gegangen. Wie es mit dem Essensammeln lief, will ich wissen. «Haben wir gemacht», sagt er, «we did it.» Jetzt hat er ein neues Projekt. Er will eine WLAN-Leitung ins Zelt ziehen. «Damit die Menschen hier Kontakt nach draussen haben können.»

* Namen geändert.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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