Nr. 08/2021 vom 25.02.2021

«Wir sind wie Ameisen»

Im Stadtpark Chur hat sich eine offene Drogenszene etabliert. PolitikerInnen und Fachleute fordern daher einen Konsumraum, wie ihn andere Städte seit langem haben. Das wäre Sache der Kantonsregierung. Diese aber schläft seit Jahren.

Von Andreas FagettiMail an AutorIn, Sarah Schmalz (Text) und Ursula Häne (Foto)

Seit Jahrzehnten auf der Gasse: René Frei im Churer Stadtgarten.

Der Churer Stadtgarten war einst ein Friedhof. Vor einem der einzigen noch verbliebenen Grabsteine liegen Blumen, Bierbüchsen stehen davor. Die im Stadtpark verkehrende Drogenszene hat sich das alte Grab angeeignet: Es ist ihr Gedenkort für die verstorbenen FreundInnen.

René Frei, violettes Leinenhemd, langes graues Haar, Totenkopfring, beginnt seinen Tag immer gleich. Er säubere den Park, sagt er. «Dann geb ich ein Schlückchen Bier auf das Grab.» Der 53-Jährige ist seit Jahrzehnten auf der Gasse. Zwei Jahre habe er auf dem Zürcher Platzspitz verbracht, Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre die grösste offene Drogenszene Europas; nach der Rückführung von Heroinsüchtigen wie ihm durch die Zürcher Polizei etablierte sich auch in Chur eine Szene. Mal offener, mal verdeckter, einst im nahe liegenden Fontanapark, bis sich die Szene nach dessen Renovierung in den Stadtgarten verlagerte. Frei, der sich im Park an einen Tisch gesetzt hat, sagt: «Wir sind wie Ameisen, man kriegt uns nicht weg.»

«Base» dominiert

Der Samstag ist sonnig, im Park haben sich vielleicht zwanzig Menschen versammelt. Immer wieder verschwindet jemand in den öffentlichen WC-Anlagen, ein junger Mann, grauer Kapuzenpulli, violette Mütze, streicht um die Picknicktische. Frei sagt: «Der sucht hier jeweils den ganzen Tag nach auf den Boden gefallenem Stoff.»

Seit einigen Jahren dominiert «Base» die Churer Drogenszene, mit Ammoniak aufgekochtes Kokain. Auch Frei, der seine Heroinsucht dank Methadonprogramm im Griff hat, konsumiert die Droge. Er beschreibt die Wirkung als intensiven, zwei-, dreiminütigen Flash mit sofort folgendem hartem Herunterkommen. «Man raucht im Fünfminutentakt, jagt zwei, drei Tage lang dem ersten guten Gefühl nach, ohne es je wieder zu erreichen.» Die Droge bedeutet Stress, und dieser bildet sich im Park ab. Eine junge Frau mit Fahrrad kreuzt mehrmals den Park, der Mann im Kapuzenpulli begleitet sie schnellen Schrittes zum Eingang. Die Dealer stünden oft oben an der Strasse, sagt Frei.

KonsumentInnen der alten Generation beklagen, die Stimmung sei in den letzten Jahren härter geworden, aggressiver. Zu Frei an den Tisch hat sich ein alter Bekannter gesetzt: Chris Andak hat seine Heroinsucht vor knapp zwanzig Jahren überwunden, hält aber Kontakt zu seinen alten Bekannten. Andak sagt: «Die Szene ist so kaputt, das hat es früher nicht gegeben.» Frei berichtet, es werde heute schneller körperlich: «Wenn jemand auf dem Tisch Ammoniak kocht und das leert aus, weil du dich etwas unvorsichtig hinsetzt, hast du schon mal eine Faust im Gesicht.»

Weltfremde PolitikerInnen

Die Szenen in Chur erinnern an überwunden geglaubte Zeiten: offener Konsum, Süchtige jeden Alters, Aggressionen. Carlo Schneiter, Betriebsleiter des Vereins Überlebenshilfe, erklärt die Situation am Telefon unter anderem mit der Geografie des Kantons, der neben der Stadt Chur als Zentrum aus weitverzweigten Tälern besteht. Vielen KantonspolitikerInnen fehle der Bezug zur städtischen Lebensrealität, sagt Schneiter. Doch ist der Kanton für die Suchthilfe zuständig. Als die Heroinwelle in den Neunzigern nach Chur überschwappte, finanzierte der Kanton zwar Einrichtungen wie eine Notschlafstelle, eine Gassenküche oder eine niederschwellige Tagesstruktur. Dagegen fehle es an einem Konsumraum sowie an aufsuchender Sozialarbeit. Beim Kanton habe lange die Auffassung geherrscht, man habe die Sache im Griff, «während sich die Situation in der Stadt immer weiter zuspitzte».

Auch Werner Erb kennt diese Entwicklung aus dem Effeff. Er arbeitete ab 1998 bis zu seiner Pensionierung als Sozialpädagoge für den Verein Überlebenshilfe. Auch im Ruhestand kümmert er sich um die Menschen im Park. Seit acht Jahren betreibt er dort mittwochnachmittags einen Stand. Erb offeriert Grilladen, Sandwiches und Kaffee für alle. «Auch am Sonntagabend bin ich oft dort», sagt er. Mit dem Angebot will er die Bevölkerung und die Abhängigen miteinander in Kontakt bringen und das gegenseitige Verständnis fördern.

Werner Erb fordert seit langem, was es in anderen Schweizer Städten längst gibt: eine Anlauf- und Kontaktstelle mit Konsumraum. In zehn Schweizer Städten funktioniert das Angebot, es verhindert Drogentote, Ansteckungen (HIV, Hepatitis) und unterdrückt die Bildung offener Drogenszenen (vgl. «Die Fixerstübli» im Anschluss an diesen Text). «Es kann doch nicht sein, dass die Leute ihren Stoff wegen Razzien und Verhaftungen hinter Bäumen und im WC nehmen müssen», sagt Erb. Er nennt diesen Zustand eine «ständige Gratwanderung zwischen Überleben und Überdosis». «Daran», sagt er, «sterben jedes Jahr Menschen.»

Die Stadtregierung greift ein

Der zuständige Regierungsrat Marcus Caduff (CVP) weiss um die Versorgungslücke. Dennoch hat er es nicht eilig. Für die WOZ ist er nicht zu sprechen. Als sich 2018 die Lage im Stadtpark zuspitzte, reichte SP-Grossrat Tobias Rettich im Kantonsparlament einen Antrag ein. Er forderte darin einen Konsumraum und eine Bedarfsabklärung. Achtzig GrossrätInnen unterschrieben den Vorstoss. Rettich wies auf die enormen Probleme hin, die durch diese Versorgungslücke verursacht würden und die den Kanton und die Gemeinden auch viel Geld kosteten.

Das lässt sich belegen. Die Schweizerische Koordinations- und Fachstelle Sucht (Infodrog) hat errechnet, dass die Konsumräume und andere «schadensmindernde Angebote» in der Schweiz jährlich rund 60 Millionen Franken kosten, sich damit aber 400 Millionen Franken an Folgekosten einsparen lassen.

Weil der zuständige Regierungsrat nicht rasch handelt, springt die Stadt Chur vorerst in die Lücke. Seit vergangenem Frühjahr beschäftigt sie vier StreetworkerInnen. Es handelt sich um ein auf ein Jahr befristetes Pilotprojekt. Doch bereits heute ist klar, dass die Stadt es um ein Jahr verlängert. Das sagt der zuständige Stadtrat Patrik Degiacomi (SP). «Dass der Kanton seit Jahren nicht handelt, ist eine Schande. Das ist eine Form unterlassener Hilfeleistung. Und für die Stadtbevölkerung sind diese Zustände ebenfalls nicht mehr zumutbar.» Er macht auch kein Hehl daraus, dass die Stadt hier investiert, um den Kanton unter Druck zu setzen. «Wir mussten handeln, weil wir beim Kanton seit Jahren auflaufen.» Das Stadtparlament hat überdies einen Kredit von 100 000 Franken für einen Konsumraum bewilligt. Nimmt der Kanton eine solche Einrichtung endlich in Betrieb, beteiligt sich die Stadt mit dieser Summe daran.

Bericht spricht für Konsumraum

Inzwischen liegt der vom Grossen Rat verlangte Bericht vor. Er bestätigt, was Fachleute, Tobias Rettich und die Stadt Chur seit langem sagen. Die zunehmende Repression im Stadtpark – Razzien und Verhaftungen – bringt die offene Drogenszene nicht zum Verschwinden. Die sogenannte Bedarfsabklärung, die Infodrog im Auftrag des Kantons erstellt hat, kommt zum Schluss, dass eine Anlaufstelle mit Konsumraum, abgestimmt mit den bestehenden Angeboten, die Lage entschärfen würde. Was zudem fehle, sei etwa stationäre Sozialtherapie. Lücken gebe es auch bei schadensmindernden Massnahmen wie Drug Checking und aufsuchender Sozialarbeit. Doch der Kanton behält sein gemächliches Tempo bei. Ob er das Projekt eines Konsumraums vorantreiben will, lässt er offen.

Susanna Gadient, Leiterin des kantonalen Sozialamts, schreibt auf Anfrage der WOZ, aus dem regulären Budget liessen sich neue Angebote nicht finanzieren. Darüber und über eine nötige Gesetzesänderung müsse erst der Grosse Rat entscheiden. Das wird wohl frühestens im nächsten Jahr der Fall sein.

Dieses Zeitlupentempo kommt in Chur gar nicht gut an. Stadtrat Patrik Degiacomi verweist darauf, dass die Bündner Stiftung für Suchthilfe über ein Kapital von fast einer Million Franken verfüge. Geld sei also kein Problem. Und fügt an: «Der Kanton kann rasch handeln. Wenn er nur will.»

Drogenpolitik

Die Fixerstübli

Offene Drogenszenen sind mittlerweile ein weitgehend historisches Phänomen, die Verhältnisse in Chur sind gewissermassen eine Anomalie, die Folgen eines Versagens der kantonalen Politik. Gesellschaft und Politik standen dem Elend und Chaos in den Innenstädten von Zürich, Bern, Genf oder St. Gallen, der Beschaffungskriminalität und den zahlreichen Drogentoten noch Anfang der neunziger Jahren hilflos gegenüber. Polizeiliche Repression und das Ziel der totalen Suchtfreiheit funktionierten nicht.

Dann erfand die Schweiz die sogenannte Vier-Säulen-Politik: Repression, Therapie, Schadensminderung und Prävention. Im Vordergrund steht seither nicht mehr die Behandlung der schwerabhängigen Menschen, sondern ein möglichst beschwerdefreies und selbstbestimmtes Leben und die Vermeidung bleibender gesundheitlicher Schäden. Alle grösseren Schweizer Städte, auch Chur, bieten ein breit gefächertes niederschwelliges Angebot, etwa Notschlafstellen, Gassenküchen, medizinische Versorgung, aufsuchende Sozialarbeit oder Arbeitsangebote und die Vermittlung von Therapien.

Zehn Schweizer Städte setzen zudem auf einst höchst umstrittene Fixerstübli beziehungsweise Konsumräume. In Basel (zwei Räume), Bern, Biel, Genf, Lausanne, Luzern, Olten, Schaffhausen, Solothurn und Zürich (drei) können Abhängige ihren mitgebrachten Stoff kontrollieren lassen und ihn fachlich beaufsichtigt konsumieren. Sie müssen ihn nicht irgendwo im öffentlichen Raum oder zu Hause zu sich nehmen.

Gemäss einer aktuellen Erhebung der Schweizerischen Koordinations- und Fachstelle Sucht (Infodrog) suchen täglich tausend Personen die dreizehn Konsumräume in der Schweiz auf, davon sind 75 Prozent Männer, 25 Prozent Frauen. Ihr Durchschnittsalter beträgt 46 Jahre. Auch die Konsumformen haben sich verändert. Während sich Anfang der neunziger Jahre die Mehrheit den Stoff spritzten, tun das heute in den Konsumräumen bloss noch 21 Prozent, 59 Prozent rauchen ihn, 20 Prozent schnupfen die Substanzen.

Der Effekt der Konsumräume ist überzeugend: Seit ihrer Einführung gab es dort keine tödliche Überdosierung – und sie dämmen übertragbare Krankheiten wie HIV und Hepatitis ein. Die Zahl der jährlichen Drogentoten hat seit Anfang der neunziger Jahre von mehr als 400 auf rund 150 deutlich abgenommen. Die Konsumräume wirken der Bildung von offenen Drogenszenen entgegen, die es in Ansätzen nach wie vor gibt. Aber die Zeiten des Zürcher Platzspitzes oder des Berner Kocherparks sind vorbei.

Andreas Fagetti

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