Nr. 37/2015 vom 10.09.2015

«Ich will drei Millionen»

Bernard Schmid über ein diskreditiertes Enthüllungsbuch

Von Bernard Schmid

«Das ist kein Journalismus mehr, das ist Gangstertum!», schrieb der prominente marokkanischstämmige Autor Tahar Ben Jelloun, der in Frankreich lebt, am Abend des 30. August in einer Onlinezeitung in Marokko. – «Wir sind in eine Falle gelockt worden!», verteidigten sich die von Ben Jelloun solcherart angegriffenen französischen JournalistInnen Eric Laurent und Catherine Graciet in verschiedenen Medien ihres Landes. Was war passiert?

Am 27. August waren die beiden Medienschaffenden am Ausgang eines Pariser Luxushotels durch französische Beamte verhaftet und für zwei Tage in Gewahrsam genommen worden. Seitdem läuft ein Strafverfahren gegen Laurent und Graciet, Vorwurf: Erpressung. Das – nicht gerade als unbedarft, geschweige denn als untadelig geltende – Opfer dieser Straftat soll das marokkanische Königshaus sein. Laut den ErmittlerInnen wurde die Tat dadurch begangen, dass die JournalistInnen mit einem «empfindlichen Übel» drohten, nämlich der Veröffentlichung eines Enthüllungsbuchs, um auf diese Weise Geld zu erpressen.

Nun kennt das französische Strafrecht zweierlei Formen der Erpressung: einerseits die «extorsion des fonds», die auf Androhung von Gewalt beruht, und den «chantage», die mit anderen Mitteln arbeitende Erpressung. Beide setzen aber voraus, dass das angedrohte Übel auch rechtswidrig ist. Wer nur androht, ein ihm oder ihr zustehendes Recht wahrzunehmen, handelt noch nicht «erpresserisch». Worin im Fall einer Buchpublikation die gesetzeswidrige, strafwürdige Handlung liegen soll, mit der gedroht worden wäre, ist daher nicht ersichtlich, und das Vorgehen von Polizei und Justiz erweckt den Anschein des vorauseilenden Gehorsams gegenüber dem marokkanischen Regime.

Unschuldig sind Laurent und Graciet andererseits nicht. Beide räumen folgenden Sachverhalt ein: Am 11. August hatte Laurent erstmals einen Emissär des marokkanischen Regimes getroffen, den mit allen Wassern gewaschenen Wirtschaftsanwalt Hicham Naciri. Dieser zeichnete das Gespräch heimlich auf, und am 30. August veröffentlichte der Pariser «Journal du Dimanche» einen Mitschnitt. Darin hört man Eric Laurent sagen: «Ich will drei.» Gegenfrage: «Drei was? 3000 Euro? Oder Dirham?» Worauf der Journalist antwortet: «Ich will drei Millionen Euro.»

Was in dem Gespräch zuvor gesagt wurde, ist nicht zu hören. Die ermittelnde Polizeibehörde räumte gegenüber «Le Monde» mittlerweile ein, die Tonaufnahme sei teilweise frisiert. Die fraglichen Worte sind zwar unstreitig gefallen, doch andere Passagen wurden aus dem Mitschnitt entfernt. Es ist sehr gut möglich, ja wahrscheinlich, dass der Anwalt des Regimes als Erster die Rede aufs Geld gebracht hat.

Sowohl Eric Laurent als auch Catherine Graciet geben zu, sie seien bereit gewesen, gegen Geld auf die Veröffentlichung des kritischen Buchs über das marokkanische Regime zu verzichten. Laurent spricht von einer «Versuchung», in die er geführt worden sei, seine Kollegin klagt sich selber einer «Schwäche» an.

Das Buch hätte 2016 erscheinen sollen, am 31. August wurde es vom Verlag Le Seuil aus dem Programm entfernt, weil mit den beiden AutorInnen wegen der Affäre «keine Vertrauensbasis» mehr bestehe. Das Vorgehen der zwei ist wohl nicht strafbar, sicher aber journalistisch höchst bedenklich. Politisch hat zumindest in der ersten Runde das mafiöse marokkanische Königshaus gewonnen.

Bernard Schmid schreibt 
für die WOZ aus Paris.

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