Nr. 37/2015 vom 10.09.2015

Die Luchsingers im blutigen Streit mit den Mapuche

Wie eine Familie aus dem Kanton Glarus dabei half, ein indigenes Volk zu unterwerfen – und Jahrzehnte später bitter dafür bezahlte.

Von Toni Keppeler, Temuco

Es war eine laue Sommernacht, sternenklar. Eine Stunde nach Mitternacht schlich eine Gruppe junger Männer auf das Haus von Werner Luchsinger zu. Die Ermittlungen gingen später von bis zu zwanzig Tätern aus. Das Haus steht auf dem vierzig Hektaren grossen Landgut Lumahue, abgeschieden ein paar Kilometer ausserhalb von Vilcún im Süden Chiles. Man muss es kennen, sonst findet man es nicht. Auf Schotterpisten und Erdwegen mit tief ausgefahrenen Rillen geht es durch flaches Land über Viehweiden, an Kartoffel- und Weizenfeldern vorbei und durch Wäldchen. Nach vielen Kurven und Abzweigungen steht man in einer parkartig angelegten Idylle mit Blumenrabatten und alten Bäumen, die Schatten spenden. Ein tief in den Boden geschnittener Fluss kühlt die Luft. Mitten in diesem Park steht die Ruine dessen, was früher das Wohnhaus Werner Luchsingers war.

Nur das Erdgeschoss war gemauert, die Wände unter den Giebeln und der Kamin; der Rest war aus Holz gebaut. Die Mauern stehen noch immer weiss in der Sonne, die ausgebrannten Balken und Dielen sind längst weggeräumt. Erst wenn man nahe herantritt, sieht man Einschüsse im Verputz. «Wir wollen es so erhalten, als Mahnmal», sagt Ewald Luchsinger, ein Neffe des früheren Besitzers.

Überfälle auf einsame Gehöfte kommen in dieser Gegend häufig vor. Üblicherweise dringen die Täter ins Haus ein, wecken die BewohnerInnen und fordern sie mit vorgehaltener Waffe auf, sich ins Freie zu retten. Dann vergiessen sie Benzin in den Räumen, zünden es an und ziehen sich schnell in die Nacht zurück. Kleine Kommandos von jungen Männern aus dem Volk der Mapuche kämpfen so um das Land, das ihren Vorfahren vor über hundert Jahren geraubt wurde.

Der Überfall in der Nacht zum 4. Januar 2013 verlief nicht nach Plan. Werner Luchsinger, ein gross gewachsener, hagerer Mann mit immer noch vollem Silberhaar, hatte sich offenbar im Schlafzimmer im Obergeschoss zur Ruhe gelegt und dort Geräusche gehört. Er war aufgestanden, hatte nach seiner Flinte gegriffen und war bereit, sich und seine krebskranke Frau Vivianne Mackay zu verteidigen. Einer der Maskierten brach die rückwärtige Tür zur Küche auf. Von dort führte eine Holztreppe hinauf ins Obergeschoss. Oben an der Treppe stand Luchsinger mit dem Gewehr, schoss hinab und verletzte den Eindringling.

Es ist unklar, ob der bereits Benzin verschüttet hatte oder ob es ihm erst danach trotz der Schussverletzung noch gelang. Unklar ist auch, wann ein längerer Schusswechsel zwischen Luchsinger und den Angreifern begann – schon vor dem Eindringen ins Untergeschoss oder erst danach. Jedenfalls wurde im hinteren Eingangsbereich gleich unter der Treppe Feuer gelegt. Luchsinger hatte keine Chance, seine bettlägerige Frau ins Freie zu bringen.

Vivianne Mackay hatte während des Schusswechsels ihren in der Nähe wohnenden Sohn Jorge angerufen und nur gesagt: «Komm, sie haben Papa erwischt.» Offenbar hatte auch Werner Luchsinger einen Schuss abbekommen. Eine Viertelstunde später stand der Sohn vor dem lichterloh brennenden Haus, die Angreifer hatten sich bereits zurückgezogen. Er schlug ein Fenster ein und rief nach seinen Eltern. Doch die beiden Alten waren im Qualm des Feuers erstickt.

Im Morgengrauen fand die Polizei in einem Wald in der Nähe einen Verletzten: Celestino Córdoba, ein 25-Jähriger aus einer benachbarten Mapuche-Gemeinde. Obwohl letztlich nicht nachgewiesen werden konnte, ob und wie Córdoba an dem Überfall beteiligt war – der Angeklagte schwieg bei der Gerichtsverhandlung –, wurde er ein Jahr später zu achtzehn Jahren Haft verurteilt. Mapuche-Organisationen sagen, er habe mit dem Tod des alten Ehepaars nichts zu tun.

Ein Anschlag auf Werner Luchsingers Gut lag in dieser Nacht in der Luft. Genau fünf Jahre zuvor, am 3. Januar 2008, war dort der 22-jährige Student Matias Catrileo erschossen worden. Er war an einer Landbesetzung beteiligt gewesen, bei der Mapuche die Rückgabe von Land verlangt hatten. Bei der Räumung war er vom Polizisten Walter Ramírez hinterrücks erschossen worden. Ramírez wurde danach nur für kurze Zeit vom Dienst suspendiert und später wegen «ungerechtfertigter Gewalt mit Todesfolge» zu drei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Am Vorabend des nächtlichen Brandanschlags, dem fünften Todestag von Córdoba, waren in den Mapuche-Gemeinden der Gegend Mahnwachen abgehalten worden. In den folgenden vier Nächten kam es zu weiteren fünf Brandanschlägen, die jedoch ohne Todesopfer blieben.

Raus aus dem verarmten Glarus

Die Vorfahren der Luchsingers waren am 3. Dezember 1883 nach Chile gekommen. Sebastian Luchsinger aus Engi im Kanton Glarus hatte am 23. Oktober 1883 bei einer in Basel ansässigen Anwerbeagentur der chilenischen Regierung einen Vertrag unterschrieben. Weitere solche Agenturen gab es damals in Fribourg und Genf. Der Vertrag sicherte ihm und seiner Familie eine Schiffspassage von Bordeaux zum Hafen Talcahuano bei Concepción zu, mit «guten Betten, gutem Essen etc.», dazu «vollkommen gratis mehr oder weniger hundert Acres gutes Land für Getreide für das Familienoberhaupt und zusätzlich mehr oder weniger vierzig Acres für jeden Sohn über zehn Jahren». Umgerechnet sind das gut vierzig Hektaren allein für das Familienoberhaupt. Für das erste Jahr, in dem noch keine Ernte zu erwarten war, wurde ein monatliches Familiengehalt von drei britischen Pfund pro Monat vereinbart, medizinische Behandlungen samt den nötigen Medikamenten sollte es zwei Jahre lang umsonst geben. Dazu «dreihundert Bretter und Balken nebst Nägeln und notwendigem Werkzeug als Baumaterial, ein Joch Ochsen, Saatgut etc., um das Land zu bebauen».

Die Kosten für Überfahrt, Baumaterial, Werkzeug und Saatgut mussten später in fünf jährlichen Raten zurückerstattet werden, wobei die erste Rate am Ende des vierten Jahres fällig wurde. Bis dahin mussten ein Haus gebaut und mindestens zehn Hektaren eingezäunt sein, dann wurde das Land endgültig auf den Namen des Siedlers überschrieben.

Für einen armen Mann wie Sebastian Luchsinger, der in der Schweiz seine Familie mehr schlecht als recht ernähren konnte, war dies ein verlockendes Angebot. Heute würde man die Luchsingers ArmutsmigrantInnen nennen. So reiste Sebastian (damals 42 Jahre alt) mit seiner Frau Barbara (43), den Töchtern Magdalena (20), Regula (17), Barbara (14) und Elisabeth (9) und den Söhnen Melchior (19), Adam (15), Sebastian (11), Heinrich (7) und Jakob (5) nach Bordeaux und schiffte sich ein.

Die Überfahrt dauerte damals 35 Tage. Die Luchsingers wurden in Concepción für ein paar Tage in einer Militärkaserne untergebracht, dann ging es mit dem Zug nach Angol im Landesinneren. Nach ein paar weiteren Tagen in einer Kaserne wurde die Familie im Ochsenkarren in das Dorf Quechereguas gebracht. Dort bekam sie 74 Hektaren Land.

Als vier Jahre später der Pfarrer François Grin aus Fribourg Schweizer SiedlerInnen in dieser Gegend besuchte, war er beeindruckt vom Gut der Luchsingers. In seinem Bericht heisst es:

«Die Ländereien von Luchsinger sind immens. Weil ein tief eingeschnittener Fluss durch das Gelände geht, hat man ihm ein paar Hektaren mehr gegeben. ‹Alle Hügel, die ihr seht und die jetzt mit Weizen bestanden sind, waren vor drei Jahren noch ein einziger Wald›, erzählt uns dieser Siedler. ‹Ein so grosses Stück Land urbar zu machen, hat viel Arbeit gekostet. Die ersten Jahre waren hart, und erst jetzt beginnen wir langsam durchzuatmen.› Mit Überraschung sehe ich auf der gegenüberliegenden Seite einen kleinen Rebberg, der vor zwei Jahren angelegt worden ist. Luchsinger ist stolz auf seinen Erfolg und zeigt gerne die Stärke dieser jungen Weinstöcke, die bereits die ersten Trauben haben.»

Mit dem Dekret 1465 vom 1. Dezember 1893 wurde Sebastian Luchsinger endgültig rechtmässiger Besitzer des ihm übertragenen Landes.

Die helvetische Einwanderungswelle dauerte von Ende 1883 bis 1890. In dieser Zeit wurden 22 708 Ankömmlinge aus der Schweiz registriert. Sie wurden ausnahmslos in der Provinz Araucanía angesiedelt. Ein Schweizer Landgut grenzte damals ans nächste, ein Teil der Immigranten liess sich als Handwerker in den Städten nieder. Die Regierung wollte sich mit der Anwerbung von SchweizerInnen eine Region untertan machen, die sie eben erst in einem blutigen Krieg erobert hatte. SchweizerInnen und auch Deutsche sollten sie nun landwirtschaftlich erschliessen. Sie hatten den Ruf, fleissig, diszipliniert und effizient zu sein.

UreinwohnerInnen kämpfen um ihr Land

Die Mapuche, die in dieser Region seit mindestens 2000 Jahren lebten, hatten sich 400 Jahre erfolgreich gegen Eroberer gewehrt. Sie waren Nomaden, kleine und eher gedrungene Menschen mit pechschwarzem, struppigem Haar. Sie waren in Familienverbänden von selten mehr als hundert Mitgliedern organisiert und kannten keine Zentralgewalt. Nur zu Verteidigungszwecken schlossen sich mehrere solcher Verbände zusammen. An der Küste lebten sie vom Fischfang und von Algen, im Landesinneren gingen sie auf die Jagd nach Pumas, Lamas und Guanacos, den kleinen Verwandten der Lamas. Wichtigstes Lebensmittel aller Mapuche aber war der Samen der Araukanie, eines hohen Nadelbaums in den damals noch ausgedehnten Wäldern. Sie lebten in Rukas, einer Art von Laubhütten, die sie einfach stehen liessen, wenn sie weiterzogen.

Die Mapuche verstanden die Welt nicht als etwas ihnen Fremdes, das man sich untertan machen müsse, sondern sich selbst als Teil dieser Welt. «Die Alten sagen uns, dass wir, bevor wir einen Baum fällen, den Berg um Erlaubnis fragen müssen, und dass wir, bevor wir trinken, das Wasser um Erlaubnis fragen müssen.» So zitiert eine Studie der staatlichen Universität von Temuco einen alten Mapuche, der Lonko in seiner Gemeinde war. Ein solcher Lonko ist so etwas wie der Älteste eines Familienverbands, geistlicher und politischer Führer zugleich. Ihm zur Seite steht die Machi, eine Art Schamanin, Heilerin und Hebamme, über die das Wissen über die Wirkung von Kräutern und Räucherwerk weitergegeben wird.

Die Inkas konnten bei ihrem Versuch, ihr Reich in den Süden auszudehnen, die Mapuche nicht bezwingen. Weiter als bis zum Bío-Bío-Fluss stiessen sie nie vor. Auch die Spanier erkannten nach zwei erfolglosen Feldzügen 1641 den Bío-Bío als Grenze an.

Das Erfolgsrezept der Mapuche war denkbar einfach; man nennt es heute Guerillakrieg. Die Spanier trafen auf keine Städte, die sie hätten erobern können, auf kein ordentliches Heer und auch nicht auf einen König, den man hätte gefangen nehmen können. Sie trafen auf eine unüberschaubare Zahl von kleinen Kampfverbänden, und selbst wenn sie eine dieser Gruppen geschlagen hatten – es stand sofort die nächste bereit.

Als Chile 1818 von Spanien unabhängig geworden war, ignorierten die neuen Herren in Santiago die Grenze am Bío-Bío und erklärten das ganze Land bis hinunter nach Feuerland zu chilenischem Staatsgebiet. Seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts versuchten sie, das Mapuche-Gebiet mit SiedlerInnen zu unterwandern. Wieder kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den UreinwohnerInnen. So wurde 1859 im chilenischen Parlament über ein Vorhaben diskutiert, das bis heute in der offiziellen Geschichtsschreibung die «Befriedung von Araukanien» genannt wird, tatsächlich aber ein geplanter Völkermord war. Der wurde zehn Jahre später in einem langen Vernichtungsfeldzug des chilenischen Heers ins Werk gesetzt: Dörfer wurden niedergebrannt, Frauen vergewaltigt, Kinder geraubt. Von vorher rund einer Million Mapuche waren 1883 nur noch 100 000 am Leben.

Sie wurden in Reservate gepfercht, die zusammengenommen gerade noch knapp eine halbe Million Hektaren gross waren. Vorher lebten sie auf einer Fläche, die mehr als zehnmal so gross war. Der Boden, der den Mapuche in diesem Krieg geraubt worden war, wurde entweder an in Europa angeworbene SiedlerInnen übergeben oder in Santiago versteigert.

Trugbild vom harmonischen Zusammenleben

Der dafür begangene Völkermord wird bis heute geleugnet. Nach der offiziellen Geschichtsklitterung gab es bei der «Befriedung von Araukanien» keine Toten; SiedlerInnen, Soldaten und Mapuche lebten danach von Anfang an friedlich beieinander. Ein Denkmal auf dem zentralen Platz in der Provinzhauptstadt Temuco feiert das noch heute. Da stehen eine Machi, ein chilenischer Soldat, ein spanischer Ritter, ein Mapuche-Krieger und ein europäischer Siedler friedlich beisammen. Auch die Schweizer EinwanderInnen pflegen das Trugbild eines harmonischen Zusammentreffens. Auf der Plaza Suiza hat der Schweizer Club von Temuco 2007 eine Gedenktafel anbringen lassen, auf der die Nachkommen der ImmigrantInnen ihr «Verschmelzen mit chilenischen Siedlern und dem tapferen Volk der Mapuche» feiern.

Der Landraub ging auch nach 1883 weiter. Deutsche und Schweizer SiedlerInnen eigneten sich Flächen aus den Reservaten an, die Mapuche verloren noch einmal ein Drittel des verbliebenen Bodens. Auch die Familie Luchsinger wollte mehr. Adam, der Sohn von Sebastian Luchsinger, zog 1906 in die Nähe des Städtchens Vilcún und kaufte dort von einem deutschen Siedler sechzig Hektaren Land. Er und sein Sohn Konrad erweiterten dieses Gut in den kommenden Jahren auf rund 1200 Hektaren. Wie das vonstattenging, hat der Mapuche Moisés Quidel aufgezeichnet. Sein Grossvater hatte es ihm so erzählt:

«Erst war da Adam Luchsinger und dann Konrad. Damals war diese Gegend sehr arm, die Leute hatten nichts, und es gab keine Zäune. Aber die Luchsingers hatten Geld und stellten Zäune auf, wo immer es ihnen beliebte. Danach kamen dann die Vermesser und haben das eingezäunte Land in Dokumente aufgenommen. Nach der Kolonisierung waren viele Mapuche bitterarm und hatten keine Tiere mehr. Selbst ihre Ernte und ihr Saatgut hatte man ihnen genommen, sie konnten nicht einmal mehr säen. Vor allem im November und Dezember gab es immer viel Hunger, und viele Leute starben. Konrad Luchsinger aber hatte einen Kaufladen. Wer zu ihm kam, weil er Hunger hatte und Weizen suchte, den liess er anschreiben. Als dann die Zeit des Bezahlens kam, ging er mit Polizisten von Siedlung zu Siedlung und sagte: Du schuldest mir so und so viel, und wenn du kein Geld hast, bezahlst du mich mit Land. So machte er es in allen Gemeinden und verleibte sich mehr und mehr Boden ein.»

Die Güter der Luchsingers sind umgeben von zehn Mapuche-Gemeinden. Ein grosser Teil des Familienbesitzes gehörte früher zu deren Reservaten. Nur einmal, Anfang der siebziger Jahre während der Landreform der Linksregierung unter Salvador Allende, musste ein Enkel von Adam Luchsinger 56 Hektaren an verschiedene Mapuche-Gemeinden zurückgeben. Er hat sie nach dem Militärputsch Pinochets wieder zurückbekommen.

Unterschiedliche Vorstellungen von Land

Erst seit 1993 wird wieder Land an die Mapuche zurückgegeben. Damals, drei Jahre nach dem Ende der Diktatur, wurde die Indígena-Behörde Conadi geschaffen, die unter anderem dafür sorgen soll, dass Land, das ursprünglich zu den Reservaten von 1883 gehörte, wieder an Mapuche-Gemeinden übertragen wird. Juristisch ist das kein einfacher Vorgang: Die SiedlerInnen verfügen in der Regel über rechtlich einwandfreie Besitzurkunden. Das Indígena-Gesetz sieht deshalb vor, dass Mapuche-Gemeinden ihr Land mit der Hilfe staatlicher Kredite von den heutigen BesitzerInnen zurückkaufen können, wenn die verkaufswillig sind. Nur im Konfliktfall greift der Staat ein, kauft das Land auf und übergibt es den Mapuche.

«Das ist eine Einladung, Streit vom Zaun zu brechen», empört sich Ewald Luchsinger, der Neffe des getöteten Werner Luchsinger. Warum sollten die Mapuche Land kaufen, wenn es ihnen vom Staat im Konfliktfall geschenkt wird? Für Luchsinger sind die rund 50 000 Hektaren, die seit 1993 wieder in Indígena-Besitz kamen, «die Umwandlung von produktivem in unproduktives Land». Denn die Mapuche seien in aller Regel «nicht an der kommerziellen Nutzung des Bodens interessiert», es gehe ihnen nur um ihr Territorium.

Für Siedler wie Luchsinger ist der Boden schlicht eine wirtschaftliche Ressource. Wenn Mapuche von ihrem «Territorium» reden, meinen sie viel mehr. «Das fängt damit an, dass wir bestimmen, wo eine Strasse gebaut wird und wo nicht; dass wir über die Wasserrechte entscheiden und auch über die Bodenschätze», erklärt Galvarino Raimán von der Asociación Mapuche im nahen Provinzstädtchen Traiguén. «Wir müssen bestimmen, welche Schulen wir wollen, welche Lehrpläne und welche Lehrer.»

Zu den Anschlägen auf Landgüter von SiedlerInnen will sich Raimán nicht äussern. Er erinnert aber daran, dass die Eskalation nach den ersten Landbesetzungen von paramilitärischen Gruppen ausgegangen ist, die von Siedlern und grossen Forstbetrieben aufgestellt worden waren, und dass heute mehr Mapuche gezwungen sind, im Untergrund zu leben, als zu Zeiten der Pinochet-Diktatur.

Polizeiposten auf dem Landgut

Ewald Luchsinger verwaltet zusammen mit seinem Bruder das Gut Santa Margarita, das sein Urgrossvater Adam einst einem deutschen Siedler abgekauft und dann Stück für Stück erweitert hat. Die Ländereien wurden in der Familie aufgeteilt, Ewald und sein Bruder sind Herren über 290 Hektaren Wiesen und Felder. Er ist sich der Rolle bewusst, die den Schweizer EinwanderInnen zugedacht war: «Das war unwirtliches Land hier, der Wilde Westen, und wir waren die Speerspitze», sagt er. «Dieses Land musste unterworfen und entwickelt werden, und das haben wir für die Chilenen getan.»

Santa Margarita liegt ein paar Kilometer abseits der Strasse von Temuco nach Vilcún. Auf Feldwegen fährt man an armseligen Mapuche-Höfen vorbei, oft führt die Holperpiste zwischen hohen Hecken hindurch, was die Orientierung schwierig macht. Nach einer Biegung steht man unvermittelt vor einem versteckt liegenden Landhaus, davor englisch gestutzter Rasen, unterbrochen von akkurat eingefassten, rot blühenden Rabatten. Grosse Wachhunde schlagen an. «Wir protzen nicht mit dem, was wir haben», sagt Ewald Luchsinger. «Wir haben die Schweizer Art und sind nach innen gewandt. Wir wollen ein schönes Heim schaffen, mit eisernem Willen und harter Arbeit.»

Luchsinger ist 55 Jahre alt, trägt eine braune Joppe aus grobem Stoff, ein kariertes Hemd, Jeans und Stiefel. Er spricht fast akzentfreies Deutsch und sogar ein bisschen Schweizer Mundart; er ist in Temuco in die deutsche Schule gegangen. Er war mehrmals in der Heimat seiner Vorfahren, geschäftlich. Ausser der Landwirtschaft betreibt er eine Agentur, die Schweizer und französische Unternehmen vertritt und deren Maschinen für die Textilindustrie vertreibt. Hier in Santa Margarita ist er aufgewachsen, hier ist er zur Grundschule gegangen; «zusammen mit den Kindern der Mapuche, sie waren meine Freunde». Er habe nichts gegen dieses Volk. «Wir haben von ihrer Kultur viel gelernt und immer in guter Nachbarschaft mit ihnen gelebt.»

2001 war das vorbei. Damals wurde das Haus von Ewalds Urgrossvater Adam niedergebrannt. Es war nicht mehr bewohnt, diente nur noch als Ort für Familientreffen. Aber gerade deshalb «war es ein Attentat gegen uns alle». Seither hat es jedes Jahr neue Anschläge gegeben. Sein Onkel Jorge wurde bedroht. Erst wurden seine Autos abgebrannt, dann Schuppen und Getreidespeicher. Jorge Luchsinger war ein Heisssporn unter den Siedlern, hatte öffentlich über «Mapuche-Terroristen» hergezogen und das ganze Volk als «faules Pack» beschimpft.

Ewald Luchsinger wägt seine Worte vorsichtiger ab. Es gebe in den Mapuche-Gemeinden rund um sein Land «schwierige, sehr extreme Leute», sagt er. Es gebe bewaffnete Kommandos, die in Nicaragua in Guerillataktik ausgebildet worden seien. Nicht alle seien Mapuche; es seien auch Holländer dabei und Basken, und es gebe gute Verbindungen zur Farc-Guerilla in Kolumbien. Rechte Medien kolportieren immer wieder solche Verschwörungstheorien; bewiesen wurde nie etwas. Ewald Luchsinger aber ist überzeugt: Die Mapuche würden «aufgehetzt von internationalen Nichtregierungsorganisationen».

Auch auf seine Güter gab es Anschläge. Zwei seiner Landmaschinen wurden abgefackelt, in einem Schuppen mit Saatkartoffeln wurde Feuer gelegt. Die Flammen erstickten, bevor sie grösseren Schaden anrichten konnten. Aber die Hütte des Wächters wurde genauso ein Opfer der Flammen wie dessen Auto. Zäune wurden niedergerissen, Vieh gestohlen, und während der Erntezeit würden so gut wie jede Nacht die Reifen von ein paar Landmaschinen aufgeschlitzt. Luchsinger lässt sie deshalb nicht mehr auf dem Feld, sondern stellt sie bei einem Polizeiposten ab, der 2006 auf seinem Landgut eingerichtet worden ist. Er ist Tag und Nacht besetzt. Die jungen Carabineros, die dort ihren Dienst tun, tragen Tag und Nacht schusssichere Westen.

Sein Onkel Jorge hat nach vielen Anschlägen aufgegeben und sein Land an die Indígena-Behörde Conadi verkauft. Man schätzt den Kaufpreis auf über fünf Millionen US-Dollar. Die Güter wurden an Mapuche-Gemeinden verteilt. Ewald sieht sein eigenes Gut als nächstes Ziel. Santa Margarita ist von Mapuche-Land umgeben. Das ein paar Kilometer entfernt liegende Landgut Lumahue, wo sein Onkel Werner starb, war einst ein Teil des in sich geschlossenen Luchsinger-Imperiums. Heute fährt man von einem Gut zum anderen an einem halben Dutzend Höfen von Mapuche vorbei. «Wenn sie ihr Territorium ausweiten wollen, dann trifft es als Ersten mich», sagt er. Rund eine halbe Million US-Dollar Sachschaden habe er schon zu beklagen. Aufgeben will er aber nicht.

Das Problem mit den Mapuche habe der Staat durch das Indígena-Gesetz von 1993 geschaffen, sagt Luchsinger. Damit sei ein doppelter Rechtsstandard entstanden. Die Mapuche berufen sich auf dieses Gesetz, «aber auch wir haben unsere Rechte. Wir haben ganz legale Besitzurkunden für unser Land. Wir wollen, dass das respektiert wird.»

Auch dem Mapuche Galvarino Raimán geht es im Grunde um Respekt – um Respekt vor der Identität seines Volks, das schon mindestens zwei Jahrtausende länger dort lebt als die SiedlerInnen. «Wir hatten unsere Identität schon fast verloren», sagt er. Seit der Widerstand aber militanter geworden sei, kämen immer mehr junge Leute, die in die Städte abgewandert waren, zurück aufs Land. «Das alte Prinzip der gegenseitigen Hilfe lebt wieder auf, es gibt eine sich rückbesinnende Erneuerung des Denkens und der Kultur.» Zu kultischen Versammlungen kämen heute bis zu tausend Menschen. In vielen Dörfern gebe es wieder eine Machi – die heilende Schamanin –, und der Lonko, der Älteste, werde wieder respektiert. «Es sind vor allem die jungen Leute, die unsere Kultur wieder aufleben lassen.» Und zu dieser Kultur gehört eben auch das freie Land ohne Zäune.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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