Nr. 37/2015 vom 10.09.2015

Die Vermessung der Schweiz

Von Rahel Locher

«Kann man ein guter Schweizer sein und Kommunist?» Diese Frage sollte an der Expo 64 in Lausanne gestellt werden, bot mitten im Kalten Krieg jedoch zu viel Zündstoff. Als Akt der geistigen Landesverteidigung kürzte der Bundesrat kurzerhand den Fragebogen des Projekts «Un jour en Suisse» von 310 auf 80 Fragen und schickte später einen Grossteil der ausgefüllten Bogen in den Schredder. Bekannt wurde der Zensurfall als «Affäre Gulliver».

Heute schüren Meinungsumfragen keine Umsturzängste mehr. Die «aktuelle schweizerische Befindlichkeit» mit einer repräsentativen Umfrage ermitteln: Darum geht es im Projekt «Point de Suisse» des Künstlerduos Com&Com. Die Premiere vor einem Jahr in Lausanne verstand das Duo als Reenactment der Volksbefragung an der Expo 64. Nun wird Basel Schauplatz des diesjährigen «Point de Suisse». Im öffentlichen Raum hängen Plakate mit Fragen aus der Umfrage, gestaltet im Stil von Abstimmungsmaterial. Das Museum für Geschichte lädt zur Ausstellung und zu einer Diskussionsreihe, die mit Wissenschaftlerinnen und Politikern bestückt ist. Die Analysen der Volksbefragung aus der Perspektive von Soziologie und Kulturwissenschaft sind online zugänglich.

Pünktlich zu den eidgenössischen Wahlen entnehmen wir den Resultaten, dass sich 39 Prozent der Befragten durch keine Partei vertreten fühlen. Gleichwohl zeigt sich bei den meisten Themen: Die Bewahrung der bestehenden Strukturen und Normen wird gewünscht. Für die Sozialpolitik ergeben sich hingegen durchaus interessante Perspektiven: Mit 58 Prozent spricht sich eine deutliche Mehrheit für einen zweijährigen Elternurlaub aus. Drei Viertel der Befragten befürworten höhere Löhne im Verkauf und in der Altenpflege. Das könnte sich das neu zu wählende Parlament doch zu Herzen nehmen!

«Point de Suisse» in: Basel, Museum für Geschichte. Bis 18. Oktober 2015. Teilnahme an der Umfrage: www.pointdesuisse.ch.

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