Nr. 39/2015 vom 24.09.2015

«Der Teufel soll das alles holen!»

Im Oktober 1915 erschien Franz Kafkas Erzählung «Die Verwandlung». Darin verbirgt sich eine auch heute noch gültige radikale Gesellschaftskritik.

Von Adrian Riklin

1912, als Franz Kafka «Die Verwandlung» schrieb, arbeitete der 29-jährige Jurist schon vier Jahre bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag und stand kurz vor der Beförderung zum Vizesekretär. Als Unfallverhütungsexperte wurde er immer wieder auf Dienstreisen nach Nordböhmen geschickt.

Auch Gregor Samsa, der Protagonist in der «Verwandlung», der «eines Morgens aus unruhigen Träumen» erwacht und sich «zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt» sieht, ist Reisender: Wie der Tuchhändler so daliegt «auf seinem panzerartig harten Rücken», derweil ihm «seine vielen (…) kläglich dünnen Beine» vor den Augen flimmern und er vergeblich versucht, sich aus dem Bett zu hieven, flucht er: «Ach Gott, was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise, (…) die Sorgen um die Zuganschlüsse, das unregelmässige, schlechte Essen, ein (…) nie herzlich werdender menschlicher Verkehr. Der Teufel soll das alles holen!»

Man kann «Die Verwandlung» psychologisch, philosophisch, theologisch interpretieren. Doch so grandios kafkaesk sich die Erzählung von der fortschreitenden Isolation und Entmenschlichung des Protagonisten durch die Familie und seine Vorgesetzten bis zu seinem jämmerlichen Tod auch zuspitzt: Sichtbar werden reale familiäre, betriebliche und gesellschaftliche Machtverhältnisse, in denen ein Angestellter im damaligen Prag durchaus hat gefangen sein können.

Als Versicherungsbeamter, der sich als Sechzehnjähriger zum Sozialismus bekannte und oft eine rote Nelke im Knopfloch trug, setzte sich Kafka akribisch mit den Arbeitsbedingungen in den Fabriken auseinander; zugleich brachte ihn diese Tätigkeit selber an den Rand der Verzweiflung. Umso erstaunlicher, wie produktiv er als nebenberuflicher Autor in den zwei Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs war: Im selben Jahr, 1912, schrieb er die Entwürfe für das Romanfragment «Der Verschollene» und die ebenso berühmte Erzählung «Das Urteil» nieder; wenig später, 1914/15, das Romanfragment «Der Prozess». Der Weltkrieg war da schon ausgebrochen.

Seit seiner posthumen Nobilitierung zum Jahrhundertautor ab den fünfziger Jahren rätselt die Wissenschaft darüber, wie jemand fast versicherungstechnisch genau das Hereinbrechen des Ungeheuerlichen vorstellbar machen konnte. Ja, natürlich ist da, wie im «Urteil», die Figur des strengen Vaters, die sich aus Kafkas Biografie ableiten lässt. Vor allem aber die Ohnmacht des Protagonisten, der sich vergeblich aus patriarchalen Strukturen zu befreien versucht. Nun könnte man diese Grunddisposition als Ausdruck einer fatalistischen Weltsicht interpretieren – genauso gut aber als luzide Analyse gesellschaftlicher Mechanismen: So scheinbar demütig sich Kafka in sein «Schicksal» als Angehöriger zweier Minderheiten (der deutschsprachigen und der jüdischen), als Sohn eines despotischen Vaters und Angestellter eines «dunklen Bürokratennests» fügte, so sehr sympathisierte er nachweislich mit libertär-sozialistischen Ideen und wohnte anarchistischen Zirkeln bei.

Vielleicht war Kafka, der Visionär, vor allem ein hellsichtiger Realist. Und machtkritischer Skeptiker. Zu den Organisationen der Arbeiterbewegung sagte er dem Gymnasiasten Janouch: «Die Leute beherrschen die Strasse und meinen darum, dass sie die Welt beherrschen. In Wirklichkeit irren sie doch. Hinter ihnen sind schon die Sekretäre, Beamten, Berufspolitiker, alle die modernen Sultane, denen sie den Weg zur Macht bereiten. (…) Die Revolution verdampft, und es bleibt nur der Schlamm einer neuen Bürokratie.» Und zu Max Brod sagte er über die Unfallversicherten: «Statt die Anstalt zu stürmen und alles kurz und klein zu schlagen, kommen sie bitten.»

Am 3. Juni 1924, sieben Jahre nachdem er wegen einer Lungentuberkulose um Pensionierung gebeten hatte, starb Kafka knapp 41-jährig. All den metaphysischen Interpretationen sei ein Satz von Theodor W. Adorno in seinem Essay über Kafka (1953) entgegengestellt: «Sein Werk hat den Ton des Ultralinken: Wer es auf das allgemein Menschliche reduziert, verfälscht ihn bereits konformistisch.»

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