Nr. 39/2015 vom 24.09.2015

Blackbox mit Beruhigungspillen

Von Andreas Fagetti

Mein politischer Gegenspieler Peter Keller bezeichnete mich in der «Basler Zeitung» als «politische Blackbox» – da hat er, der einer strammen Parteilinie folgt und so berechenbar ist wie der Lauf der Sonne, ja nicht unrecht. Ich folge meiner Linie. Da sind Überraschungen nicht ausgeschlossen. In meiner Blackbox finden sich aber auch ein paar Beruhigungspillen: Unabhängigkeit, soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und ein Freiheitsbegriff, der individuelle Freiheit nicht mit plumpem Egoismus verwechselt.

Auch ich werde in diesen Tagen immer wieder überrascht. Aus den USA erreichte mich ein E-Mail. Ein Nidwaldner, der in den Staaten arbeitet, wollte mehr über meine politische Haltung erfahren. Ein Mailwechsel entspann sich. Schliesslich antwortete er: «Normalerweise stimme ich eher Mitte/Mitte-rechts; dank Ihnen habe ich nun endlich wieder einmal die Möglichkeit, überzeugt links der Mitte zu wählen.» Ein E-Mail aus Stans: «Endlich gibt es Aufhellungen am politischen Himmel von Nidwalden! Nidwalden braucht keinen Nationalrat im bestickten Hirtenhemd (…), der nach der Pfeife der SVP oder der Wirtschaftslobby tanzt.» Und da war noch eine Nachricht in der Mailbox: «Danke herzlichst, dass Sie sich in NW als NR-Kandidat zur Verfügung stellen! So muss ich nicht leer einlegen und kann wählen.»

Inzwischen sind auch die Wahlunterlagen bei den 32 000 Wahlberechtigten. Und damit mein Wahlflyer. Auf dem Flyer sind meine Handynummer und meine Mailadresse angegeben. Als ich gestern in Zürich mit dem Tram zu meiner Wohnung fuhr, klingelte das Handy. Ein junger Mann wollte wissen: «Wo stehen Sie politisch?» – «Links der Mitte.» – «Ok, alles klar», sagte er und hängte auf. Es klang nicht so, als würde er mir seine Stimme geben. Dann erreichte mich ein SMS: «Hi Andreas. Wenn du mal in Stans eine Bleibe zum Übernachten suchst oder eine Mahlzeit brauchst, dann komm doch zu uns. Wir unterstützen dich gerne.» Der Radiojournalist, der ein Statement einholte, konnte hingegen seine Häme in der Stimme kaum unterdrücken: «Die Nidwaldner nehmen Ihre Kandidatur nicht ernst. Fürchten Sie nicht um Ihren guten Ruf?» Ich habe mich gefragt, welchen Ruf er meint.

www.fagettiandreas.ch

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