Nr. 40/2015 vom 01.10.2015

An die Schulter genagelt

Von Florian Keller

Was ist das denn? Ein Waldstück im Regen, vernebelt, behaart: Die Landschaft sieht irgendwie unrasiert aus, und das ist doppelt merkwürdig. Denn diese Landschaft hat die Form eines menschlichen Gehirns, und so ein Hirn, würde man meinen, ist ja eigentlich nicht so haarig.

Da sind wir schon mittendrin in den schaurig verknoteten Fantasien des Andy Fischli. Bis vor fünf Jahren hat er regelmässig auch für die WOZ gezeichnet, in seinem neuen Buch schliesst er nun die Naturkulisse eines grimmschen Schauermärchens mit griechischer Mythologie kurz. Orion, der Sohn des Poseidon, ist hier ein vierschrötiger Hinterwäldler mit Waffenfetisch. Jeden Tag versucht er sein Glück als Jäger im tiefen Wald, aber so ein Wildschwein zu erlegen, ist gar nicht so einfach, wenn dein rechter Arm nur eine dürre, notdürftig an der Schulter festgenagelte Prothese ist. Sein Kollege Aktaion hat auch nur Spott für den lausigen Jäger übrig. Doch dann steigt der Sohn des Apollo in den Zuber von Göttin Artemis, die als Hure in einer Baracke im Gehölz haust – und der notgeile Waidmann wird selber zur Beute.

Ein wunderprächtig finsterer Comic ist das, Fischli nennt es einen «illustrierten Teufelskreis». Manchmal schiebt er dabei ganze Doppelseiten ein, auf denen nichts passiert ausser: Wald, schwarz und schweigend. Man sieht die mächtigen Tannen atmen in diesem Buch, man riecht förmlich den modrigen Boden, und manchmal hört man ihn gar reden. Denn da und dort liegen ein paar halb verweste Leichen herum, die allzu menschlich über das Dasein streiten und darüber, ob man sich damit abfinden soll, dass das Leben nun mal beschissen ist, oder ob man ihm trotz allem etwas Positives abgewinnen soll.

Bei Andy Fischli hat man nicht mal im Tod Ruhe vor den existenziellen Fragen. Oder wie irgendein restlos behaartes Waldwesen einmal sinngemäss sinniert: Der Ballast, von dem wir glauben, dass wir ihn bis ans Ende mit uns herumtragen, das sind wir selber.

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