Nr. 09/2019 vom 28.02.2019

Wer ist hier das Monster?

So befreiend, so animalisch und verstörend: Das schwedische Horrormärchen «Gräns» von Regisseur Ali Abbasi ist eine schaurig-schöne Liebesgeschichte unter Freaks.

Von Florian Keller

Starke Triebe, beidseitiges Begehren: Tina (Eva Melander) und Vore (Eero Milonoff) in «Gräns». Still: Stark & Kärnfilm

Was ist denn das für eine? Plump steht sie da in ihrer Uniform, das Haar wächst ihr wie strähniges Unkraut auf dem Kopf, und dann diese Fresse: unförmig, grob, brutal. Eine Person, so unansehnlich, dass man den Blick nicht von ihr abwenden kann.

So hält sie am Fährhafen die Stellung, die Zöllnerin Tina (Eva Melander), und filzt mit ihren Blicken die Reisenden, die hier passieren. Gelegentlich zuckt ihre Oberlippe, wie bei einem Tier, das Witterung aufnimmt. Denn Tina hat eine besondere Gabe, dank der sie am Zoll unschätzbare Dienste leistet: Sie riecht den Schweiss des schlechten Gewissens. Sie wittert Scham und Schuld.

Grenzen geraten ins Rutschen

Mensch, Monster, Missgeburt? Es ist eine Wahnsinnsfigur, mit der uns der gebürtige Iraner Ali Abbasi in seinem zweiten Spielfilm «Gräns» konfrontiert. Nicht nur, weil diese Tina so ausgesprochen hässlich ist und weil wir sie gerade in ihrem grobschlächtigen Äusseren so schwer einordnen können. Sondern vor allem auch, weil die Kamera von Beginn weg eine grosse Zärtlichkeit entwickelt im Blick auf dieses menschliche Ungetüm in seiner bodenlosen Einsamkeit.

Tina lebt abgeschieden im Wald, nicht allein zwar, aber daheim erwartet sie nur das lästige Gebell von Kampfhunden und ihr Freund, ein schmächtiger Hundenerd mit Pferdeschwanz – eine Art von Zweckgemeinschaft offenbar, aber so trist, dass man nicht mal einen Zweck darin erkennen kann. Ab und zu besucht Tina ihren Vater im Altersheim. Aber so richtig bei sich und im Einklang mit ihrer Welt wirkt sie nur, wenn sie allein durch ihren Wald streift, barfuss über moosigen Boden und so tänzerisch leicht, wie man ihr das gar nicht zutrauen würde: ein feinnerviges Naturmädchen in seinem Element.

Bis dann eines Tages dieser schmierige Fremdling (Eero Milonoff) vor ihr am Zoll steht, genauso ungeschlacht wie sie selbst, es könnte ihr Zwillingsbruder sein. In seinem Koffer führt er seltsames Zeug mit sich, nichts Verbotenes. Aber als der Mann von Tinas Kollege gefilzt wird, kommt der Zöllner danach etwas verstört von der Leibesvisitation zurück. Er, sie, es? Diesem Kerl mit Namen Vore fehlt offenbar etwas da unten, und von hier an geraten die Grenzen und Kategorien in diesem Film immer mehr ins Rutschen, nicht nur, was die geschlechtlichen Zuschreibungen angeht.

Erfunden hat diese queeren Figuren der schwedische Schriftsteller John Ajvide Lindqvist, der dem Kino schon eins der schönsten Schauermärchen der letzten zwanzig Jahre geschenkt hat. Das war sein Roman «Let the Right One In» in der Verfilmung von Tomas Alfredson, eine warmherzige Horrorfantasie in einem winterkalten schwedischen Wohnquartier. Auch dort sahen wir die Annäherung zweier, die nicht so recht dazugehörten: Ein schüchterner Bub freundet sich da mit seinem neuen Nachbarsmädchen an, einem Nachtschattenkind, das von einem unersättlichen Blutdurst getrieben ist. Eine zart-finstere Liebesgeschichte unter ungleichen Freaks war das, ganz ähnlich wie jetzt «Gräns», der auf einer Kurzgeschichte von John Ajvide Lindqvist beruht. Nur dass hier viel stärkere Triebe wirken.

Weil Tina und Vore einander so ähnlich sehen, wittert man zunächst irgendeine inzestuöse Liebe unter verworfenen Geschwistern, die vor langer Zeit vielleicht getrennt wurden, ohne dass sie sich daran erinnern könnten. Wie unter dem Einfluss einer Naturgewalt zieht es die zwei immer enger zusammen, und so naturgewaltig entlädt sich schliesslich auch ihrer beider Begehren: Draussen im Wald, auf dem Moos, kommen sie zusammen, wie es noch keine zwei Menschen je miteinander getrieben haben. Es ist eine Sexszene, so befreiend und so animalisch und verstörend, wie man das im Kino kaum je gesehen hat.

Mit Schauergeschichten ist es ja wie mit dem Sex: Sie bringen die festgefügte Ordnung der Körper und der Begriffe, die wir für sie haben, ins Wanken. Die besten Horrorfilme, wie nun «Gräns», fordern uns heraus, die Grenzen zu erkunden und neu zu denken, die wir zwischen dem ziehen, was wir für das Eigene halten, und dem unheimlichen oder monströsen Anderen. Was macht uns zu dem, was wir sind? Wo hört der Mensch auf, wo beginnt das Tier?

Mit stiller Wucht

Die untergründige Spannung in «Gräns» flacht ab, wo der Film solche Fragen zwar nicht gleich ausformuliert, aber allzu deutlich vorführt. Etwa in einem Nebenplot, als Tina wieder einmal ein böses Geheimnis wittert, bei einem adretten Geschäftsmann, der den Zoll passieren will. Sie nimmt so die Fährte zu einem Kinderpornoring auf: lauter propere Mittelstandsmenschen, die hinter ihren properen Mittelstandsfassaden wirklich ungeheuerliche Dinge tun. Wer also sind hier die Monster?

Seine stille Wucht entfaltet «Gräns» vielmehr dort, wo der Film ganz bei seiner Hauptfigur ist und ihr Schicksal in Bilder fasst, die keine Worte nötig haben. Wie wenn Tina allein durch ein abgeholztes Waldstück stapft, als wärs das Trümmerfeld ihrer Biografie. «Ich hatte so viele Ideen, was ich sein könnte», so schildert sie, wie es war, daheim wie eine Aussätzige aufzuwachsen. «Aber ich bin einfach nur ein Mensch mit einem Chromosomenfehler.»

Als Tina endlich ihresgleichen gefunden hat und erfährt, was es wirklich auf sich hat mit ihr und ihrem Geschlecht, da ist sie zwar nicht mehr fremd in ihrer Haut und nicht mehr allein – aber irgendwie auch einsamer als je zuvor.

Jetzt im Kino.

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