Nr. 40/2015 vom 01.10.2015

«Meine eigene Behörde ist Feindesland»

Ein Film über den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer rekonstruiert, wie dieser den SS-Offizier Adolf Eichmann verfolgte. Gegen erhebliche Widerstände kämpfte Bauer in der jungen BRD dafür, den Verantwortlichen des Holocaust den Prozess zu machen.

Von Rahel Locher

Ob er sich für die Jagd interessiere? «Ja, aber nicht auf Tiere», sagt der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Dieser kurze Wortwechsel im Treppenhaus des Frankfurter Gerichts markiert die Fronten im fiktionalisierten historischen Film «Der Staat gegen Fritz Bauer». Bauer (Burghart Klaussner) interessiert sich zwölf Jahre nach dem Ende der NS-Zeit sehr wohl für die Jagd – jene nach den Tätern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Und ruft damit Widersacher auf den Plan: den Oberstaatsanwalt Ulrich Kreidler (Sebastian Blomberg) etwa, dem durchaus zuzutrauen ist, Bauer bei einem fingierten Jagdunfall endgültig zu beseitigen.

Lars Kraumes Film «Der Staat gegen Fritz Bauer» zeigt den vielfachen Widerstand, den Bauer mit seinem unermüdlichen Einsatz für die strafrechtliche Verfolgung der NS-Täter hervorrief: anonyme Drohungen in der Form eines Zettels mit der Aufschrift «Jude verrecke» oder eine Patrone, eingehüllt in eine Hakenkreuzfahne. Für die Gegner in der eigenen Behörde bietet Bauers sexuelle Neigung einen Ansatzpunkt. «Der Jude ist schwul», verkündet Kreidler einem Kollegen mit angewidertem Gesicht.

Im Gegensatz zur Religion und zur politischen Haltung Bauers, der unter den Nazis als Jude und Sozialdemokrat verfolgt wurde, bot seine Homosexualität auch nach dem Ende des NS-Regimes eine Angriffsfläche – gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen standen damals unter Strafe. Im Film versagt sich Bauer sexuelle Kontakte. Nicht jedoch sein Mitstreiter, der Staatsanwalt Karl Angermann (Ronald Zehrfeld), dem seine Homosexualität zum Verhängnis wird. Angermann ist eine fiktive Figur und steht stellvertretend für die «junge Garde» an unbelasteten Staatsanwälten, die Bauer in seinen Ermittlungen unterstützten.

Die alte Garde am Ruder

Die älteren Semester hingegen hatten ihre Posten oft schon im NS-Regime inne. Die Altnazis schützten sich gegenseitig und waren interessiert daran, einen Mantel des Schweigens um die Vergangenheit zu hüllen. Bis auf die Regierungsebene reichte die nationalsozialistische Kontinuität: Hans Globke, Staatssekretär und enger Vertrauter des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer, gehörte zu den Verfassern der antisemitischen Rassengesetze. Adenauer selbst soll schon 1952 gesagt haben: «Wir sollten jetzt mit der Naziriecherei einmal Schluss machen, denn, verlassen Sie sich darauf, wenn wir damit anfangen, weiss man nicht, wo es aufhört.»

Bei Hauptdarsteller Burghart Klaussner, geboren 1949, weckt dieses Stillschweigen Kindheitserinnerungen: «Wir haben nicht über die Nazis gesprochen. Es herrschte eine Art Familiengeheimnis. Das galt für das ganze Land.» In einem solchen Umfeld stand Fritz Bauer ziemlich alleine da, als er 1949 voller Hoffnungen aus dem Exil zurückkehrte. «Dass Deutschland in Trümmern liegt, hat auch sein Gutes, dachten wir», erinnert er sich in einem 1968 aufgezeichneten Gespräch. «Da kommt der Schutt weg, dann bauen wir Städte der Zukunft, hell, weit, menschenfreundlich.» Diese Zuversicht wich bald Zweifeln, auch an der Nachkriegsjustiz.

«Meine eigene Behörde ist Feindesland», stellt Bauer im Film fest. Und betraut folgerichtig nicht die deutschen Behörden mit der Jagd nach SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der sich im nationalsozialistischen Deutschland an vorderster Front für die sogenannte «Endlösung der Judenfrage» eingesetzt hatte. Bauer muss befürchten, dass Eichmann von jenen Beamten frühzeitig gewarnt würde, die dem «Dritten Reich» gedient hatten – und im Fall eines Prozesses von ihm belastet werden könnten.

So wendet sich Bauer schliesslich an den israelischen Geheimdienst Mossad, als er den entscheidenden Hinweis auf Eichmanns Aufenthaltsort in Argentinien erhält. In einer stürmischen Gewitternacht im Mai 1960 zerren Agenten des Mossad Adolf Eichmann in ein Auto. Die Blitze in «Der Staat gegen Fritz Bauer» unterstreichen es: Diese Festnahme in Buenos Aires ist von historischer Bedeutung. Wenn schon nicht in Deutschland, wie es Bauers Ziel war, wurde Eichmann doch in Jerusalem der Prozess gemacht.

Vergebliches Warten auf Reue

Der einsame Kampf für die juristische Aufarbeitung der Vergangenheit bringt Zorn und Enttäuschungen mit sich. Davon zeugt Bauers ganze Körpersprache, von Burghart Klaussner brillant gespielt. Die fahrigen Bewegungen, wenn er sich eine Zigarette anzündet, kontrastieren mit seiner Sprache. Da sitzt jedes Wort. Trotz der vielen Hindernisse bewahrt sich Bauer seinen trockenen Humor.

«Jetzt kann mich nichts mehr aufhalten.» Bauers Schlusssatz weist über den Film hinaus. Die Mühe lohnte sich: Schliesslich gelang es dem historischen Fritz Bauer doch noch, deutsche Täter vor deutsche Gerichte zu bringen und so Deutschland mit der NS-Vergangenheit zu konfrontieren. Seinen Verdiensten um die Festnahme Eichmanns folgte ein weiterer Meilenstein in der juristischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus: der erste Auschwitz-Prozess in Frankfurt zwischen 1963 und 1965. Das grösste deutsche Nachkriegsverfahren durchbrach das Schweigen und liess Auschwitz zum Synonym für die Vernichtungsmaschinerie der Nazis werden. Eine Hoffnung Bauers sollte sich jedoch nicht erfüllen. Seit Dezember 1963 hätten die Staatsanwälte darauf gewartet, dass einer der Angeklagten ein menschliches Wort zu den Zeugen und Zeuginnen finden würde, die überlebt hatten, während ihre ganzen Familien ausgerottet worden waren, sagte er damals in einem Interview. Auf Schuldbekenntnisse oder gar Reue warteten sie indes vergeblich.

Wie damals in Deutschland geht auch in andern Ländern die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nur schleppend voran. Burghart Klaussner erinnert sich an einen Zuschauer aus Chile, der nach einer der ersten Filmvorführungen sagte: «Wir bräuchten auch einen Fritz Bauer, um die Verbrechen der Militärdiktatur aufzuarbeiten.» Auch in Deutschland ist Adenauers Forderung nicht vom Tisch: Die Mehrheit der Bevölkerung möchte inzwischen einen «Schlussstrich» unter die Geschichte ziehen. Dies ermittelte die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie im Januar dieses Jahres. Vor diesem Hintergrund leisten Filme wie «Der Staat gegen Fritz Bauer» einen wesentlichen Beitrag, die Geschichte eben nicht zu vergessen. Diesen Juli wurde übrigens ein weiterer SS-Unteroffizier wegen seiner Tätigkeit in Auschwitz verurteilt – zu vier Jahren Haft.

Ab 1. Oktober 2015 im Kino.

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