Nr. 43/2015 vom 22.10.2015

Rotzig und angepisst

Von Jan JirátMail an Autor:in

Die Lausanner Rapperin La Gale hat vor drei Jahren mit «La Gale» ein furioses Debüt veröffentlicht. Das Album war selbstbewusst, laut, dreckig und dringlich. Ein Versprechen. Nun hat La Gale mit «Salem City Rockers» nachgelegt, und im Vergleich zum aufregenden Debüt ist alles noch eine Spur besser geworden: das Timing beim Sprechgesang, ihre herrlich angepisste Ausdrucksweise, der Druck und die Raffinesse der Beats, die diesmal von den französischen Produzenten Al’Tarba und I.N.C.H. stammen, und die Überraschungsmomente, wenn in «Qui m’aime me suive» plötzlich ein Gitarrensolo erklingt oder «Petrodollars» von arabischen Folkloresamples vorangetrieben wird.

Obschon alles besser ist, bleibt beim ersten Anhören eine leichte Enttäuschung zurück, denn La Gale bleibt auf «Salem City Rockers» bei sich selbst. Insgeheim war da die Hoffnung auf eine Öffnung: raus in die Welt, raus aus dem Underground. La Gale als breit gehörte wütende Stimme gegen die Missstände in diesem engen Land, in dieser irren Welt. Doch mit jedem Hördurchgang verfliegt die Enttäuschung ein bisschen mehr, denn nur weil La Gale im Underground bleibt (und sich um Aussenwirkungen einen Dreck schert), bleibt ihr jener Punch, der direkt aus der Lausanner HäuserbesetzerInnenszene kommt, in der die Künstlerin bis heute verkehrt. Die Rotzigkeit, die Explosivität ihres Auftritts und dieses soziale Umfeld sind nicht zu trennen. Konsequenterweise bildet die alternative Lebensform auf «Salem City Rockers» auch inhaltlich den Mittelpunkt. So ist das neue Album zu einem eigentlichen Manifest für die BesetzerInnenszene geworden, die nicht nur in Lausanne massivem ökonomischem und politischem Druck ausgesetzt ist.

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