Nr. 45/2015 vom 05.11.2015

Integration am Stadtrand?

Die Autonome Schule Zürich ist einmal mehr ohne Obdach. Die Stadt will sie bei der Suche nach einer neuen Bleibe unterstützen. Ihre Vorschläge zeigen jedoch, dass es ihr vor allem um das Angebot kostenloser Deutschkurse geht.

Von Cathrin Caprez

Die Räume an der Bachmattstrasse 59 in Zürich Altstetten stehen nun leer. Die Zwischennutzung durch die Autonome Schule Zürich (ASZ) lief Ende Oktober aus. Die ASZ steht zum wiederholten Mal auf der Strasse. Seit Monaten sucht das Kollektiv aus MigrantInnen, Sans-Papiers, AsylbewerberInnen und BleiberechtsaktivistInnen nach neuen Räumen, in denen die Schule längerfristig bleiben kann. Dringend gesucht sind etwa 500 Quadratmeter an gut erreichbarer, zentraler Lage.

Als die ASZ im Frühahr 2013 bei der Stadtverwaltung eine Petition mit 10 000 Stimmen einreichte, sicherte ihr die Stadtpräsidentin Corine Mauch Unterstützung bei der Suche nach einer neuen Bleibe zu. Seither stehen Stadt und VertreterInnen der ASZ regelmässig im Gespräch. Ein Gebäude, das die Stadt vorschlägt, befindet sich in Zürich Schwamendingen, in den Räumen des Wirtschaftsförderprojekts Werkerei. Vor wenigen Wochen wurden VertreterInnen der ASZ zu einer Besichtigung eingeladen und durch die Räume des dort noch eingemieteten Start-up-Unternehmens Blue Lion Incubator geführt. Wenig später sickerte die neue Adresse für das Start-up-Unternehmen durch: Sihlquai 131/133.

Für ebendiese Räume hatte sich auch die ASZ im vergangenen Sommer beworben. Die beiden Häuser am Sihlquai 125 und 131/133 waren frei geworden, nachdem die Zürcher Hochschule der Künste ins neu umgebaute Toni-Areal umgezogen war. Der Kanton übergab die Gebäude daraufhin der Stadt, um dort eine Zwischennutzung zu organisieren. Auch die ASZ meldete damals ihr Interesse an den Räumlichkeiten an. «Doch der Mietzins von mehr als 3500 Franken pro Monat lag dermassen über unseren Möglichkeiten, dass es gar nicht zu weiteren Verhandlungen kam», sagen ASZ-VertreterInnen der Arbeitsgruppe Raumsuche.

Kein zufälliger Adresswechsel

Diese Raumrochade ist alles andere als ein Zufall, wie verschiedene Zürcher GemeinderätInnen inoffiziell erfuhren. «Das Unternehmen Blue Lion Incubator scheint in der Werkerei nicht rentiert zu haben», sagt eine von ihnen, möchte in der WOZ aber nicht namentlich genannt werden. Infolgedessen habe die Stadt das Konzept der Werkerei überarbeitet und unter anderem den Umzug des Unternehmens an eine zentralere Lage beschlossen. Den dadurch frei werdenden Platz will die Stadt der ASZ anbieten. Der Stadtrat halte dies anscheinend für einen Glücksfall, so die Gemeinderätin.

Doch die Lage am nordöstlichsten Stadtrand ist alles andere als glücklich. Denn die ASZ ist längst mehr als Anbieterin kostenloser Deutschkurse. Seit ihrer Gründung 2009 hat sie ihr Angebot über die Jahre sukzessive ausgebaut. An der letzten Adresse in Zürich Altstetten organisierte sie regelmässig kulturelle Veranstaltungen, Vorträge und Diskussionen. Bei einem der letzten Anlässe im vergangenen Oktober kamen rund 400 Leute zum Vortrag des französischen Philosophen Alain Badiou (siehe WOZ Nr. 42/2015). Bei der ASZ gab es auch einen Frauenraum, mehrere Computer und Musikinstrumente zur freien Verfügung. «Paradoxerweise nimmt uns die Stadt durchaus als Integrationsstelle wahr», sagt eine Vertreterin der ASZ. «Aber als Begegnungsort funktioniert die ASZ nicht am äussersten Stadtrand.»

In der Stadtverwaltung will zu einer beabsichtigten Rochade niemand Stellung nehmen. «Wir suchen intensiv nach Lösungen und stehen mit der ASZ in regem Kontakt», sagt Michael Rüegg, Kommunikationsleiter vom Sozialdepartement. «Wir haben über verschiedene Objekte diskutiert. Nun liegt der Ball bei der ASZ.»

ASZ im Zwiespalt

An der letzten Vollversammlung diskutierten die ASZ-Mitglieder heftig über die Raumangebote der Stadt. Noch liegt kein offizielles Angebot mit genauen Mietbedingungen vor. Doch die Stadt liess durchblicken, dass sie der ASZ in Schwamendingen einen vergünstigten Mietpreis anbieten würde. Dadurch würde die ASZ von der Stadt subventioniert. Aus dem Umfeld der ASZ ist zu vernehmen, dass eine solche finanzielle Abhängigkeit vielen Mitgliedern nicht behagt. Sie befürchten, die Selbstverwaltung des Kollektivs würde dadurch allzu stark eingeschränkt.

Zugleich will man es sich mit der Stadt auch nicht verderben. Die jetzige Situation der ASZ erinnert an jene der Wohlgroth-BesetzerInnen Anfang der neunziger Jahre. Damals war ein ganzes Häusergeviert auf dem Wohlgroth-Areal nahe dem Zürcher Hauptbahnhof zweieinhalb Jahre lang besetzt. Mit ihren farbig bemalten Aussenwänden, einem Kino, Konzerträumen, einer Bibliothek und einer Beiz wurde die Wohlgroth zu einem Zentrum der Zürcher Alternativkultur und genoss Sympathien weit über die BesetzerInnenszene hinaus. Als im Herbst 1993 die Räumung drohte, bot die damalige Stadträtin Ursula Koch den mittlerweile etwa hundert BewohnerInnen eine Fabrikhalle in Seebach als neue Bleibe an. Die Wohlgroth-Leute lehnten dieses Angebot ab, da sich die abgelegene Halle nicht als Wohnraum eignete. Daraufhin kippte die Stimmung in der Zürcher Bevölkerung gegen die BesetzerInnen. Sie wurden als wählerisch und undankbar bezeichnet.

Diesen Eindruck möchte die ASZ vermeiden. Viel eher möchte sie darauf hinweisen, dass sie mit ihrem Bildungs- und Beschäftigungsangebot zu einer wichtigen Unterstützung für die MigrantInnen in der Stadt Zürich geworden ist. Nicht ohne Grund weisen selbst die offiziellen städtischen und kantonalen Behörden ihre KlientInnen auf die ASZ hin. «Wir betonen gegenüber der Stadt immer wieder, dass wir mehr sind als ein kostenloser Anbieter von Deutschkursen», heisst es seitens der ASZ. «Aber als Begegnungs- und Integrationsort sind wir auf einen Ort an zentraler Lage angewiesen.»

Nachtrag von 12. November 2015

Autonome Schule: Neue Adresse für die ASZ

Die Autonome Schule Zürich (ASZ) stand auf der Strasse, nachdem die Zwischennutzung in Zürich Altstetten Anfang November ausgelaufen war. Daraufhin verlegte das MigrantInnenkollektiv seinen Unterricht auf den Sechseläutenplatz und in den Lichthof der Universität Zürich. Nun hat die ASZ Räumlichkeiten am Sihlquai 125 bezogen. Sie sucht weiterhin nach einer längerfristigen Lösung.

Eine zusätzliche erfreuliche Nachricht: Die Paul-Grüninger-Stiftung in St. Gallen hat der ASZ soeben einen Anerkennungspreis von 10 000 Franken zugesprochen.

Cathrin Caprez

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