Nr. 45/2015 vom 05.11.2015

«Die halten uns wohl für Vollidioten»

Im Januar hob die Schweizerische Nationalbank den Euromindestkurs auf. Der Entscheid wirkt sich verheerend auf den Industriestandort Schweiz aus. Gegen 10 000 Stellen gehen allein dieses Jahr verloren. Was Gewerkschaften, der Arbeitgeberverband und ein Direktbetroffener dazu sagen.

Von Andreas FagettiMail an Autor:in

Mehr als sechzig Firmen haben in diesem Jahr den Abbau von insgesamt gegen 10 000 Stellen gemeldet. Rieter ist eine dieser Firmen. Im Oktober gab das einstige Winterthurer Traditionsunternehmen, das Textilmaschinen herstellt, den Abbau von 209 Stellen bekannt.

Thomas D. arbeitet seit einigen Jahren in der Abteilung, die nun geschlossen und deren Arbeit ins Ausland ausgelagert werden soll. Er ist einer von 59 temporär Angestellten, die nach dem gegenwärtig laufenden Konsultationsverfahren wahrscheinlich gehen müssen – ohne Sozialplan. Wer Glück hat, wird in einer anderen Abteilung weiterbeschäftigt oder frühpensioniert. Thomas D. sitzt in seiner Stammbeiz. Ehe er zu einem Vorstellungsgespräch aufbricht, redet er mit der WOZ. Er findet es wichtig, dass man in dieser Angelegenheit nicht nur die Stimmen der Chefs in der Öffentlichkeit hört.

Zwanzig Jahre temporär

Allerdings will Thomas D. seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung sehen. Zu gross ist die Angst vor Nachteilen auf dem Arbeitsmarkt. Er rechnet sich grosse Chancen auf die Stelle aus, um die er sich beworben hat. Thomas D. ist gut ausgebildet. Und er trägt neuerdings Verantwortung für eine Familie. «Es gibt Kollegen, die arbeiten seit mehr als zwanzig Jahren als Temporäre bei Rieter, sie profitieren nicht vom Sozialplan. Auch mir hat man immer wieder eine Festanstellung in Aussicht gestellt, daraus ist aber nie etwas geworden.» Daher wartet Thomas D. das Konsultationsverfahren gar nicht erst ab und bewirbt sich. Dabei, sagt er, habe er gedacht, der Job bei Rieter werde sein letzter sein. Er habe keine Erwartungen mehr an Rieter und mit der Firma abgeschlossen. So etwas habe er allerdings in seinem Arbeitsleben noch nie erlebt: Eine Firma schreibt schwarze Zahlen und macht eine ganze Abteilung dicht. «Hier geht es doch bloss noch um das grosse Geld. Uns Arbeiter lässt man im Stich und lagert Arbeitsplätze nach China und Indien aus. Für solche Unternehmen möchte ich gar nicht mehr arbeiten. Ich habe den Eindruck, die halten uns für Vollidioten, die das Spiel nicht durchschauen, bloss weil wir uns bei der Arbeit die Hände schmutzig machen.»

Über seine Kollegen und Chefs in der Abteilung verliert D. jedoch kein schlechtes Wort. Der Zusammenhalt sei gut. Schon seit Anfang des Jahres allerdings nagte die Ungewissheit an der Belegschaft. Gerüchte über einen Stellenabbau machten die Runde. «Das schlägt aufs Gemüt», sagt Thomas D. Am frühen Morgen des 20. Oktober informierte Rieter-Chef Norbert Klapper schliesslich die Belegschaft. Die Angelegenheit dauerte einige Minuten. Danach ging Rieter an die Öffentlichkeit. «Vorher hatten wir Stress, weil wir nicht wussten, was geht, und jetzt haben wir Stress, weil wir kurz vor Weihnachten wissen, dass die Arbeitsplätze weg sind. Seit wir es wissen, reden alle nur noch darüber. Es gibt Kollegen, die sind zu jung für die Frühpensionierung und zu alt für den Arbeitsmarkt. Darunter sind auch Kollegen mit Familie.»

«Für immer verloren»

Thomas D. ist kein Einzelfall. Tausende bangen derzeit in der Exportindustrie um ihren Arbeitsplatz und ihre Existenz. Und ein Ende der Misere ist nicht absehbar. Bis im nächsten Jahr könnten laut Gewerkschaften bereits über 20 000 Stellen vernichtet sein. Die Frankenstärke wirkt wie ein Virus, der in naher Zukunft auch die Zulieferer und die Dienstleister der Exportwirtschaft schwächen wird. Über die Auswirkungen des starken Frankens auf die Exportwirtschaft ist viel geschrieben worden. WirtschaftsvertreterInnen nehmen die fatale Aufhebung des Frankenmindestkurses der Nationalbank-Oberen um Thomas Jordan von Anfang des Jahres hin, als handle es sich um ein Naturereignis. Sie betonen die geldpolitische Unabhängigkeit der Nationalbank – und sehen ihr Heil in Arbeitszeitverlängerung, Lohnkürzungen, Restrukturierung und einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit, als würde die Exportindustrie ohnehin schwächeln.

«Das ist nicht der Fall. Die Exportindustrie ist an sich sehr konkurrenzfähig, die Lohnstückkosten sind relativ tief, die Unternehmen innovativ», sagt der Berner SP-Nationalrat und Unia-Industriechef Corrado Pardini. Der starke Franken führe zu einem Investitionsstopp, zu Stellenabbau und Jobverlagerungen ins Ausland. «Leider ist die Unia in der Exportbranche bislang die einzige Kraft, die sich gegen diese einsetzende Deindustrialisierung stemmt. Die Arbeitsplätze, die wir jetzt verlieren, sind für immer verloren.» Klar ist für Pardini, dass Arbeitsplatzverluste und Betriebsauslagerungen nicht nur die Industriebranche treffen. Zulieferer und Dienstleistungsbetriebe würden ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen, wenn die Politik nicht handle und Druck ausübe. Die Nationalbank sei dafür verantwortlich, wenn sie den Franken nicht entscheidend abwerte. «Wie sie das bewerkstelligt, ist ihre Sache, sie ist unabhängig, hat aber einen gesetzlichen Auftrag zu erfüllen, nämlich die Schweizer Volkswirtschaft zu schützen.» Auch im Bundesparlament werde der Ernst der Lage nicht erkannt. Die Bürgerlichen schwadronierten von Bürokratieabbau. Das sei im Vergleich zum Frankenschock ein irrelevantes Thema. Und Pardini wiederholt, was die Unia seit Jahren fordert: eine Industriepolitik, wie sie alle umliegenden Länder und selbst die USA betreiben. «Die Schweiz muss die ganze Wertschöpfungskette im Land behalten, von der Forschung bis zur Produktion.»

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) wird am Freitag an seiner Delegiertenversammlung einen Forderungskatalog unter anderem auch gegen die Auswirkungen des Frankenschocks verabschieden. Darin geht es um den Schutz der Löhne und älterer Angestellter oder um Anstrengungen in der Weiterbildung. Chefökonom Daniel Lampart sieht schwere Zeiten auf die Angestellten zukommen. Die Aufhebung des Mindestkurses sei eine schwere Hypothek für den Werkplatz. Auch das Gastgewerbe bekomme ihn zu spüren. «Es gibt zudem klare Anzeichen, dass auch der Detailhandel betroffen ist.» Und er sieht dunkle Wolken am Horizont aufziehen: «Im neu gewählten Parlament sind jene Kräfte gestärkt worden, die jede Gelegenheit nutzen, um die sozialen Errungenschaften und die Arbeitnehmerrechte anzugreifen.» Der Druck auf die Löhne werde zunehmen.

Vertrauensbruch der Unia?

Tatsächlich sieht der Arbeitgeberverband die Aufhebung des Mindestkurses nicht als Fehler, wie Kommunikationschef Fredy Greuter gegenüber der WOZ bestätigt: «Der Schweizerische Arbeitgeberverband hat vollstes Vertrauen in die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank, und er respektiert den verfassungsmässigen Auftrag zu einer unabhängigen Geldpolitik.» Und wie wollen die Firmen den Wettbewerbsnachteilen durch den starken Franken und dem Abbau von Stellen begegnen? Die Antwort bestätigt, was Daniel Lampart befürchtet: Der Arbeitgeberverband wolle auf politischer Ebene dafür sorgen, dass die «Anpassungsfähigkeit der schweizerischen Wirtschaft» nicht weiter beschnitten werde. Besonders der Arbeitsmarkt sei vor «einer weiteren Deflexibilisierung durch kurzsichtige, regulierungsgläubige Politiker» zu schützen. In den Betrieben könnten Lohnsenkungen und Arbeitszeiterhöhungen kurzfristig dazu beitragen, einen Stellenabbau zu verhindern.

Den sozialen Frieden sieht der Verband deswegen nicht gefährdet. Dieser sei – neben einem flexiblen Arbeitsmarkt – einer der grössten Standortvorteile der Schweiz. Daher liege dem Verband «sehr viel» an einer funktionierenden Sozialpartnerschaft. Dann teilt Greuter einen Seitenhieb gegen die kämpferischste Gewerkschaft, die Unia, aus: Der Verband bedauere, «dass etwa die Unia die traditionell geheimen Verhandlungen über einen Gesamtarbeitsvertrag publik gemacht» habe. «Solche Vertrauensbrüche haben zu einem Riss in der Sozialpartnerschaft geführt.»

Wer übrigens genau wissen möchte, weshalb der Arbeitgeberverband auf die Unia nicht gut zu sprechen ist, dem sei die Lektüre von Oliver Fahrnis Buch «Heavy Metal» (Seismo-Verlag, Zürich 2014) ans Herz gelegt.

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