Nr. 50/2011 vom 15.12.2011

Ist wirklich der starke Franken schuld?

Swissprinters, die grösste Druckerei der Schweiz, schliesst ihren Tochterbetrieb und stellt in Zürich und St. Gallen über 300 Leute auf die Strasse. Für St. Gallen ist das die grösste Massenentlassung der jüngeren Geschichte.

Von Andreas Fagetti

Zollikofer war einst eines der grössten Traditionsunternehmen St. Gallens und eine der ältesten Druckereien der Schweiz. Als es 1798 gegründet wurde, verdiente es zunächst Geld mit dem Druck von revolutionären Flugschriften, später gab es das «St. Galler Tagblatt» heraus. Das Unternehmen, im Volksmund kurz «Z» genannt, war bis zum Ausverkauf nach Zürich das Flaggschiff des St. Galler Freisinns und eine unternehmerische Topadresse, die hoch qualifizierte Stellen anbot und technologisch immer mit an der Spitze war. Wer hier einen Ausbildungsplatz ergatterte, wurde darum beneidet. Mittlerweile ist das Ostschweizer Unternehmen nicht mehr das, was es einmal war: Es wurde zerlegt und wird heute von Zürich aus dirigiert. Das «St. Galler Tagblatt» gehört mittlerweile zur NZZ-Gruppe, die Druckerei Zollikofer ging im Jahr 2005 im Druckereiunternehmen Swissprinters auf, an dem Ringier als Mehrheitsaktionärin, sowie die NZZ-Gruppe und Tamedia beteiligt sind. Die lokalen freisinnigen Fürsten haben nicht mehr viel zu melden. Oder geben sich jetzt bei der Betriebsschliessung der ehemaligen Druckerei Zollikofer machtlos.

Erodierende Margen

Im Oktober kam für die Belegschaft der Hammerschlag. Swissprinters gab die Schliessung ihrer Druckereien in St. Gallen und Zürich bekannt. 300 Stellen fallen dem Kahlschlag zum Opfer. In Zürich sollen bestehende Aufträge ab Januar durch die Neidhardt und Schön Group ausgeführt werden, 46 Swissprinters-MitarbeiterInnen werden dort weiterbeschäftigt. Die sechzehn Lernenden, so hiess es in einer Medienmitteilung, sollen ihre Ausbildung beenden können. In St. Gallen, wo 150 Stellen wegfallen, stoppen spätestens Mitte nächsten Jahres die Druckmaschinen. Die Unternehmensleitung stellt den Stellenabbau als zwingend dar, damit das Überleben von Swissprinters gesichert werden könne. Überkapazitäten im Schweizer Markt, sinkende Auftragsvolumen, die Stärke des Frankens und erodierende Margen sind die Hauptargumente. Michael Ringier persönlich erklärte Anfang November in einem Brief an die Gewerkschaft Syndicom die Gründe: «In den letzten achtzehn Monaten hat der Franken gegenüber den meisten Währungen um zirka zwanzig Prozent zugelegt. Das ist ein Mehrfaches der Marge, die man vorher bei guten Auslandsaufträgen noch erzielen konnte. Aufträge aus dem Ausland sind beim heutigen Preisniveau praktisch nicht mehr zu akquirieren, und einheimische Druckaufträge werden ins Ausland vergeben oder können nur unter Inkaufnahme von Verlusten gehalten werden. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass Swissprinters mittlerweile erhebliche Verluste schreibt, und dies seit einiger Zeit. Wenn nicht grundlegende Veränderungen herbeigeführt werden, hat dies zur Folge, dass das ganze Unternehmen in seiner Existenz gefährdet ist.»

Längst beschlossene Sache

Die Belegschaft in St. Gallen nahm den Schliessungsentscheid nicht widerstandslos hin und machte Druck. Unterstützt wurde sie dabei von der Gewerkschaft Syndicom und Gewerkschaftsbundpräsident Paul Rechsteiner. Dass die Betriebsschliessung allein auf die Stärke des Frankens, den Margendruck und einen Rückgang der Aufträge zurückzuführen sei, glaubt sie ohnehin nicht. Bereits im Jahr 2009 hatte die Gewerkschaft Comedia publik gemacht, dass die Schliessung des Swissprinters-Standortes St. Gallen eine längst ausgemachte Sache war. Der Verwaltungsrat von Swissprinters beschloss damals ein Szenario mit dem Ziel, «St. Gallen zum frühest möglichen Zeitpunkt zu schliessen». Mit dem Kauf der Druckerei Zollikofer, so sagen Mitarbeiter, sei ein Konkurrent mit dem Ziel aufgekauft worden, ihn aus dem Weg zu räumen. Um eine Durststrecke durchzustehen, wäre reichlich Geld vorhanden. Ringier, Tamedia und NZZ-Gruppe wiesen im Jahr 2010 einen Gewinn von insgesamt 200 Millionen Franken aus. Doch der kommt nun nicht diesen Arbeitsplätzen zugute, sondern den Aktionären.

Zwei Demonstrationen

Mit zwei Demonstrationen an der Olma in St. Gallen und vor dem Ringier-Hauptsitz in Zürich sowie Gesprächen mit der Geschäftsleitung und einer Arbeitsniederlegung erreichte die St. Galler Belegschaft eine Verlängerung der Konsultationsfrist. Die Belegschaft schlug vor, die gut ausgelastete und technisch auf dem neuesten Stand ausgestattete Druckerei in St. Gallen in abgespeckter Version mit noch siebzig Arbeitsplätzen weiterzubetreiben. Die Geschäftsleitung lehnte den Vorschlag ab. Schliesslich kam es Ende November zu einer Arbeitsniederlegung – immerhin soll jetzt über eine Abgangsentschädigung weiterverhandelt werden. Die Kündigungen sind inzwischen ausgesprochen.

Die grösste Massenentlassung seit langem lässt die bürgerliche Seite kalt. Anders als in Bellinzona (SBB) und in Nyon (Novartis), wo sich eine ganze Region geschlossen hinter die von Arbeitsverlust bedrohten Menschen stellte, stahl sich in der Ostschweiz die bürgerliche Seite aus der Verantwortung und blieb untätig. Der St. Galler Stadtrat und die St. Galler Regierung unternahmen nichts. Volkswirtschaftsdirektor Beni Würth (CVP) tat zunächst bloss, wozu er gesetzlich verpflichtet ist: die Betroffenen bei der Wiedereingliederung unterstützen. Auf Druck von Gewerkschaftschef Paul Rechsteiner empfing er eine Delegation aus Belegschaft und Gewerkschaft zu einem einstündigen Gespräch und unterhielt sich ausserdem pro forma mit der Geschäftsleitung von Swissprinters. Ergebnis: null, leeres Geschwätz. Der zuständige Gewerkschaftssekretär Dominik Dietrich, der einst selbst bei Zollikofer eine Lehre absolvierte, sagt: «Das war kaum mehr als eine PR-Aktion.» Auch der millionenschwere Privatbankier Konrad Hummler, immerhin NZZ-Verwaltungsratspräsident, rührte keinen Finger für die Belegschaft und verweigerte ein Treffen.

Schlaflose Nächte

Markus Walser, 55, der jahrzehntelang Rotationsdrucker im Dreischichtbetrieb war, steht vor einer ungewissen Zukunft. Er hatte viele schlaflose Nächte und Existenzangst. «Die Entlassung ist ein herber Schlag», sagt Walser. In der Ostschweiz wieder eine Stelle als Rotationsdrucker finden, sei aussichtslos. Hinzu komme sein Alter. Er habe sich vom ersten Schock erholt, sei zum Berufsberater gegangen und sehe jetzt wieder etwas Licht am Ende des Tunnels, sagte er: «Ich habe vor Jahren eine Ausbildung als Betriebsfachmann absolviert, die kann ich wieder auffrischen.» Immerhin ist er familiär nicht mehr unter Druck, sein Sohn ist aus der Lehre. «Ich denke an meine Kolleginnen und Kollegen, die Familie haben. Sie stehen auf der Strasse, für sie ist der Druck enorm.»

Jetzt hofft Markus Walser auf eine anständige Abgangsentschädigung für seine Kollegen und sich. «Wir haben im Betrieb während Jahren alles gegeben, waren stolz auf ihn, dafür haben wir eine Entschädigung verdient. Wir müssen uns schliesslich auf eine neue berufliche Zukunft vorbereiten.» Noch ist offen, wie viel es sein wird.

Vorläufig wird an der Fürstenlandstrasse in St. Gallen weitergearbeitet. Derzeit, sagt Walzer, «haben wir so viel Arbeit, dass wir im Sechsschichtbetrieb arbeiten könnten».

Der starke Franken

«Nach wie vor überbewertet»

Die Meldungen tönen unterschiedlich, aber im Kern ist die Botschaft immer die gleiche: Stellenabbau wegen des starken Schweizer Frankens. In den vergangenen Wochen und Monaten kam es in verschiedenen Branchen immer wieder zu grösseren Entlassungen: Das Druckereiunternehmen Swissprinters entlässt 300 Angestellte in Zürich und St. Gallen (vgl. Haupttext), die Cham Paper Group verlagert 200 Arbeitsplätze nach Italien, der Verpackungsmaschinenhersteller Bobst streicht rund 400 Stellen, die meisten davon in Lausanne … Der starke Franken macht der Schweizer Volkswirtschaft schon seit vergangenem Jahr zu schaffen, doch in den letzten Monaten hat sich der Druck auf die Unternehmen verstärkt.

Seit die Nationalbank am 6. September verkündete, dass sie die Untergrenze des Euro-Kurses bei 1.20 Franken verteidigen werde, liess der Druck auf den Franken ein wenig nach. Allerdings sei der Franken nach wie vor überbewertet, sagt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB). Die Gewerkschaften fordern seit langem, dass die Nationalbank eine Untergrenze von 1.40 Franken anstreben müsste. Die Exportwirtschaft leide extrem unter dem starken Franken, man befinde sich in einer schwierigen Situation. «Die Vorstellung, dass die Schweiz eine Insel in Europa ist, halte ich für naiv», sagt Daniel Lampart. Man stelle ausserdem fest, dass insbesondere bei Neueinstellungen der Druck auf die Löhne zugenommen habe. Vor dem Hintergrund, dass sich die Konjunktur weiter verschlechtert und die Arbeitslosigkeit (auf tiefem Niveau) ansteigt, scheint die Forderung nach einem höheren Franken-Euro-Kurs umso dringender. 

Am Erscheinungstag dieser WOZ wird die Nationalbank die geldpolitische Lage neu beurteilen. In welche Richtung die Währungshüterin gehen wird, ist ungewiss. Der Entscheid der Nationalbank wird aber auch Einfluss auf die politischen Diskussionen haben. Denn am 21. Dezember findet in Bundesbern eine Sondersession zum starken Franken statt. ch

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