Nr. 45/2015 vom 05.11.2015

Die Katzenleben des Bill Drummond

Mit The KLF eroberte er einst die Hitparaden und verbrannte eine Million Pfund. Im neuen Dokumentarfilm des Schweizer Regisseurs Stefan Schwietert («Heimatklänge») ist Bill Drummond jetzt als Chorleiter zu erleben.

Von Benedikt Sartorius

Was bleibt übrig, wenn die Musik weg ist? Bill Drummond in Stefan Schwieterts Film «Imagine Waking Up Tomorrow and All Music Has Disappeared». Foto: Look Now!

Bill Drummond ist tot – sagt der Mann, der vor einigen Minuten noch Bill Drummond war und nun auf den Namen Tenzing Scott Brown hört. Er trägt dabei ein buntes Kleid, das er bei einem nigerianischen Händler erstanden hat, und erzählt eine Geschichte, die man im Genre des höheren Blödsinns verorten könnte: Denn Tenzing sei die Reinkarnation der Katze, die einst in das Haus von Drummonds Kindheit eingedrungen war, dort sehr alt wurde und hier nun, in einem Berner Kino, ihre Auferstehung feiert.

Mit dieser bizarren Verwandlung in eine Katze im Afrokostüm sabotiert Bill Drummond das angekündigte Publikumsgespräch, das auf die Vorpremiere des Films «Imagine Waking Up Tomorrow and All Music Has Disappeared» hätte folgen sollen. Aber es wäre ja auch enttäuschend gewesen, wenn Bill Drummond, dieser Meister des Doppelbödigen, der zuweilen an der Grenze zur Hochstapelei zu agieren scheint, denn wirklich Fragen beantwortet hätte. Weil eine Regel, zumindest für diejenigen, die ihn zum Interview treffen möchten, lautet: Bill Drummond beantwortet keine Fragen.

Als er früher am Abend in Bern aus dem Intercity aus Zürich steigt, trägt er seine klassische Bill-Drummond-Uniform: Bauarbeiterschuhe, hochgekrempelte Bluejeans, ein Hemd mit Malerspuren. Ausgemacht war ein Spaziergang durch die Stadt, doch Drummond verspürt Lust auf ein Gespräch in einem Café. Denn er habe da ein paar Fragen, und allenfalls könne ich ihm diese beantworten. Ob ich schon mal daran gedacht hätte, einen Roman zu schreiben? Welchen Onlinedienst ich ihm empfehlen würde, damit er seine Spoken-Word-Aufnahmen veröffentlichen könnte? Oder auch: Wie ich den Filmtitel empfände, den der Schweizer Regisseur Stefan Schwietert gewählt hat, nachdem er, der Protagonist dieses Dokumentarfilms, den ursprünglichen Arbeitstitel «Off the Record» abgelehnt hatte? Und ob ich wisse, dass «disappeared» das einzige Wort des Filmtitels sei, das sich nirgends in der Bibel finden lasse?

Auf Stimmenfang

Drummond erzählt auch von einer Besprechung, die moniert, dass es dem Film besser getan hätte, wenn der Regisseur auf die biografischen Punkte gänzlich verzichtet hätte. Vermutlich, so Drummond, habe der Kritiker recht. Aber was würde das für den Film bedeuten? Nun, es wäre einfach ein sehr schön fotografierter Film über «The17». So nennt Drummond sein Chorprojekt, das in Zeiten der konstanten Verfügbarkeit, in denen die Musik an Wert verloren hat, an den Nullpunkt der Musik zurückführt. Dabei klingen die Merksätze von «The17» gar nicht so kulturpessimistisch: «Stell dir vor, du wachst morgen auf, und die Musik ist verschwunden. Alle Musikinstrumente, alle Musikaufnahmen – weg. Eine Welt ohne Musik. Du weisst nicht mal mehr, wie die Musik klang oder wie sie gemacht wird. Du weisst nur noch: Sie war wichtig für dich und deine Zivilisation.» Was übrig bleibt? Die menschlichen Stimmen. Und diese sucht Bill Drummond zusammen, damit sie seine offen gestalteten, in träfen Slogans formulierten Partituren umsetzen.

Regisseur Stefan Schwietert, bekannt für Musikfilme wie «Accordion Tribe» (2004) und «Heimatklänge» (2007), begleitet Drummond auf dieser Stimmenfangreise, die entlang eines Breitengrads die Britischen Inseln von Küste zu Küste durchmisst. So begegnen wir Farmarbeitern, Rentnerinnen, Taxifahrern, Nonnen und Pubgästen, die den rudimentären musikalischen Anweisungen des charmanten Menschenfängers Drummond folgen. Schliesslich baut ein zottelbärtiger Assistent die Stimmen am Computer zu einem Chor zusammen – doch wer das Resultat hören will, der hat nur genau eine Chance und muss am vereinbarten Ort zur vereinbarten Zeit sein. Wer es verpasst, der hats verpasst – danach werden die Soundspuren gelöscht. Für immer.

Die gescheiterte Revolution

Als Bill Drummond Mitte der Nullerjahre mit «The17» anfing, wollte er damit eine Revolution gegen Programme und Gadgets wie iTunes oder den iPod anzetteln. Damit ist er grandios gescheitert, aber womöglich erschliesst sich die Tragweite seiner Aktion auch erst aus dem biografischen Hintergrund ihres Erfinders. Stefan Schwieterts Entscheidung, die Eckpunkte von Drummonds Karriere in den Film einzubauen, war deshalb schon richtig. Denn Bill Drummond: Das ist doch der Kunstschulabgänger, der in Punkbands mitspielte, später Manager von Bands wie Echo & The Bunnymen wurde, bei einem Majorlabel eine Unmenge an Geld in erfolglose Acts steckte – ehe er die Seiten wechselte und The KLF gründete. Mit seinem Bandpartner Jimmy Cauty zitierte, klaute und baute er bekannte Popsongelemente zu Metahits zusammen, die die Ravemusik ins Stadion hievten.

Die postmodernen Spielereien von The KLF sind bis heute im kollektiven Bewusstsein gespeichert – und zwar nur dort (abgesehen von Youtube, wo die ikonischen Clips noch herumgeistern). Denn nach dem Ende von The KLF untersagten Drummond und Cauty jeglichen weiteren Gebrauch ihrer Musik. Auch für «Waking Up …» gab Drummond dieses Prinzip nicht auf – dem Regisseur blieb als kreative Lösung nichts anderes übrig, als ein paar Passanten zu The KLF zu befragen, die nun deren unverschämten und eigentlich unsäglichen Hit «Doctorin’ the Tardis» in die Kamera grölen.

Später im Film fragt ein Schulkind Bill Drummond, warum er mit seinem Bandpartner einst eine Million Pfund verbrannt habe. «Warum?», fragt der heute 62-Jährige zurück. Und: «Gib mir einen guten Grund, eine Million Pfund zu verbrennen. Damit ich es meinen Kindern erklären kann.» Es ist vielleicht die einzige Aktion am Gesamtkunstwerk namens Bill Drummond, die der Brite rückgängig machen möchte. Denn die Fragen nach dem Warum – ein Fragewort, das er grundsätzlich ablehnt – suchen ihn, der nie zurückschauen möchte, noch immer heim.

«Ein Kuchen für Sie!»

«Ich hasse Nostalgie», sagt Drummond in unserem Gespräch einmal. Aber wohin steuern wir denn? Und was wäre eine denkbare Revolution? Die sozialen Experimente nach seiner Zeit als Popstar geben schon Aufschluss darüber, wie sich Bill Drummond die Zukunft oder zumindest eine bessere Gegenwart erträumt. Es wäre eine Zeit, in der nicht mehr jede und jeder einen Kopfhörer auf dem Kopf hätte und das Zusammenleben mit unbekannten Menschen wieder selbstverständlicher würde. Denn nach dem Chorprojekt «The17», das er pünktlich zu seinem 60. Geburtstag beendet hat, backt Drummond nun Kuchen, klopft an die Türen von Wohnhäusern und sagt den Spruch: «Ich habe Ihnen einen Kuchen gebacken, hier ist er.» Viele Leute wirkten bei dieser Konfrontation befremdet, einige dankbar. Andere – wie in einer libanesischen Community in Schweden – hiessen den Mann, der im Film einmal aus einer Teetasse mit der Aufschrift 
«I love real life» trinkt, einfach herzlich willkommen.

Natürlich: Der Mann, der Kuchen vorbeibringt, trägt die Bill-Drummond-Uniform. Zurück im Kino, teilt sein katzenhaftes Alter Ego namens Tenzing Scott Brown dem Publikum mit, dass er zurzeit an einem Roman schreibe. Wie der heisse? «Bill Drummond is dead.»

Ab 5. November 2015 im Kino.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch