Nr. 46/2015 vom 12.11.2015

Bekenntnisse eines Heimatmüden

Die Rechten haben den Heimatbegriff gekapert, schreibt Filmemacher Benny Jaberg. Es sei höchste Zeit, dass wir ihnen die Deutungsmacht über unsere Selbstbilder streitig machen.

Von Benny Jaberg

Ein «echter» Schweizer, ein gebrochener Patriot: Benny Jabergs Grossvater (1927–1995) auf einer Automatenfotoserie, aufgenommen 1953/54. Foto: Archiv Benny Jaberg

Der Film war ein Meisterwerk der Abschreckung im Auftrag des Militärdepartements. Ich sehe meinen Grossvater noch vor mir, wie er uns «Wehrhafte Schweiz» (1964) zeigte, einen kurzen Propagandafilm der Schweizer Armee. Die Trainerhose bis zum Bauchnabel hochgezogen, grinste er während der Vorführung schelmisch. Bei aller Begeisterung für das magistrale filmische Handwerk konnte er das Theater so gar nicht ernst nehmen.

«Wehrhafte Schweiz» war für einen Oscar nominiert, gedreht hatte den Film eine internationale Crew. Dass es Fremde waren, die hier das Traumschloss der wehrhaften Schweiz zementierten, passt wunderbar zu unserem Land. Unsere biedere, im Ernstfall sicher unzureichende Milizarmee musste also von ausländischen Fachkräften zur schlagfertigen Rambotruppe frisiert werden, um das nationalkonservative Selbstbewusstsein zu befeuern. Ich war noch ein Kind, aber ich fragte mich schon damals, gegen was die Schweiz sich denn so martialisch zu wehren habe.

Mein Grossvater war ein «echter» Schweizer, der einzige unter meinen Grosseltern. Er war der erfolgreichste Schütze im örtlichen Verein, in seinem Keller stand, wenn auch unfertig und verstaubt, eine Modelleisenbahn. Doch museale Abbilder der Wirklichkeit behagten ihm so wenig wie blindes Patrouillieren durch die Idylle. Auf unzähligen Fotos aus seiner Militärlaufbahn schneidet er Grimassen. Er war ein gebrochener Patriot und kleinbürgerlicher Kosmopolit: schwankend zwischen Tradition und Progression, Konservativismus und Emanzipation. Er sprach sechs Sprachen und war ein begnadeter Fremdenführer. Er heiratete eine Holländerin, sein Sohn – mein Vater – später eine Deutsche. Mein Grossvater liebte «das Ausland» – die Länder, die er bereiste – ebenso wie seine vermeintlich singuläre Heimat, die Schweiz.

Risse im Spiegel

Heute, zwei Generationen später, beheimatet «seine» Heimat längst eine postmigrantische Gesellschaft. Manche haben mehr als eine Heimat, andere tragen die Heimat, derer sie beraubt wurden, als Trennungsschmerz in sich, als unstillbare Wunde. Und wenn ich mir die Frage nach meiner eigenen Herkunft und Heimat stelle, drehe ich mich bald im Kreis und finde keine Antworten, nur Fragen. Brauche ich diese viel gerühmten ortsbezogenen oder genealogischen Wurzeln überhaupt? Und wenn ja, wozu? Verweigert man sich nicht einer selbstständigen Persönlichkeitsbildung, wenn man die eigene Identität auf seine nationale Zugehörigkeit abstellt? Ich fühle mich als zufälliger Schweizer und somit vielleicht tatsächlich nicht als «echter». Ich bin wohl ein Heimatmüder, denn die eindeutige Heimat, derer ich müde bin, existiert gar nicht.

Wenn aber Heimat mehr ist als ein Gefühl von Sehnsucht und Nostalgie, mehr als ein Stück Land, das durch eine Landesgrenze nach innen zusammengehalten und gegen aussen abgegrenzt wird, wenn sie auch ein utopischer Ort ist, der tatsächlich etwas zu tun hat mit unserer Lebensrealität, so sind wir zwangsläufig Gast in der gemeinsam hervorgebrachten Imagination «Heimat».

Heimat ist eine Frage, keine Antwort.

Ich muss mir bloss meinen Grossvater vergegenwärtigen, um zu begreifen: Das Vielseitige, das Ambivalente und Widersprüchliche ist bereits in uns selbst angelegt – und umso mehr in einer zeitgenössischen Gesellschaft. Die Frage, ob wir in einer fragmentierten Gesellschaft leben, stellt sich heute gar nicht mehr. Der Spiegel dessen, was man früher «nationale Seele» nennen mochte, ist von Rissen durchzogen, das Bild der Heimat diffus. Zum Glück, denn eine glasklare Spiegelung wäre verdächtig und regte uns auch nicht zum Denken an.

Dieser eigentlich so vielschichtige Begriff der Heimat in all seinen Facetten und Ambivalenzen wird heute bedroht durch eine Allianz nationalkonservativer, neoliberaler Storyteller. Die Vordenker der Rechten laborieren erfolgreich an der demagogischen Umdeutung von Sprache und Geschichte und schaffen so veränderte Wirklichkeiten. Dabei erzeugen sie eine begriffliche Polarität, in der alle, die nicht beipflichten, zu Ausverkäufern der Heimat werden. Darin besteht der vielleicht perfideste Angriff auf einen pluralistischen Heimatbegriff. Wer der Sprache die Doppeldeutigkeiten nimmt, lässt auch in der Realität keine Vielschichtigkeit mehr zu.

«Es gibt eine Wahrheit, die steht über der Realität», sagte Christoph Blocher im Zusammenhang mit Gottfried Kellers Gedicht über die Tellenschüsse. Der Geschichtenerzähler in mir geht mit ihm einig, aber als politisches Fundament ist das eine gefährliche Maxime. So hält sich die Rechte am Rockzipfel der Mythen und idealisiert das Bild einer Schweiz von gestern. Da erstrahlt die Schweiz dann einmal mehr als Willensnation – wobei sich diese Nation heute vornehmlich durch ihren Willen zur Maximierung des Eigennutzes auszeichnet. Man zelebriert Swissness in Abziehbildern des Alpenstaats, aber das Portemonnaie giert nach Globalisierung.

Da und dort wird deshalb der Ruf nach einem linken Patriotismus als Korrektiv laut. Nationalstolz für alle – ebenso lächerlich. Was wir brauchen, ist ein Pragmatismus, der sich uneingeschränkt der Menschenwürde verpflichtet. Heimat und Herkunft taugen nicht als Selbstvergewisserung einer authentischen Identität. Eindeutige Selbstbilder und Rollenmodelle funktionieren nicht als Versicherung, wir brauchen eine Befreiung der Identitäten, ein ernsthaftes Spiel mit ihnen.

«Wehrhaft» einmal anders

Es droht uns nicht nur Isolation gegen aussen, sondern auch untereinander. Wir leben nebeneinander her, verlassen kaum je unser eigenes Soziotop. Im Siegeszug des kapitalistisch induzierten Individualismus tanzt jeder nur noch um sich selbst: Egoismus allenthalben, Solidarität nur in Randstunden. Dazu die schleichende, alles Fremde negierende, oligarchisch anmutende Revolution von rechts – so konstatieren wir alle und sind doch oft zu faul, um diesem Wissen auch Taten folgen zu lassen. Offenbar lässt uns die fortschreitende gedankliche Einbunkerung unserer Opponenten paralysiert zurück.

Dabei verfolgt die Rechte eine hoch selektive Auslegung dessen, was sie für heimatliche Tradition hält. Als «Die Zeit» Toni Brunner fragte, wie viele Flüchtlinge die Schweiz problemlos pro Jahr aufnehmen könne, antwortete der Präsident der grössten Partei des Landes: «100.» Er belegte damit nichts Geringeres als den Wunsch der SVP nach einem Bruch mit der humanitären Tradition der Schweiz.

Es gilt, den notorischen VereinfacherInnen die Deutungshoheit über unsere Selbstbilder zu entreissen. «Wehrhafte Schweiz» für einmal anders. Denn die tatsächlichen AusverkäuferInnen der Heimat sind wohl jene, die uns dessen so laut bezichtigen, die unerbittlichen ProtektionistInnen des eigenen Besitzstands, die darauf erpicht sind, so vielen hier Ansässigen den Gang an die Urne zu verwehren. Wir brauchen einen Heimatbegriff, der dem real existierenden Pluralismus in diesem Land gerecht wird. Einer, der uns alle befreit. Heimat muss eine Frage bleiben, denn sie trägt keine schlüssige Antwort für unsere Zukunft in sich.

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