Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

«Vom Himmel Bomben und unten Messer»

Ein Aktivist von «Raqqa is Being Slaughtered Silently» erzählt, warum nicht einmal seine Familie von seinem Widerstand gegen den IS weiss und wo in Rakka ein Parisattentäter heimlich rauchte.

Interview: Merièm Strupler

WOZ: Aus Sicherheitsgründen möchten Sie dieses Interview anonym via Twitter führen. Wie halten Sie bei der Widerstandsgruppe «Raqqa is Being Slaughtered Silently» (RBSS) Ihren Aktivismus vor dem Islamischen Staat (IS) geheim?
Tim Ramadan*: Die Mitglieder vom Team in Rakka selbst kennen sich untereinander nicht – zu ihrer eigenen Sicherheit, damit sie einander unter Folter nicht verraten können. Sie stehen nur in Kontakt mit jenen, die ausserhalb von Rakka aktiv sind. Nicht einmal unsere Familien dürfen wissen, dass wir bei der Gruppe dabei sind. Wir müssen unsere Identität auf eine besondere Weise verstecken, mehr kann ich dazu aber nicht sagen.

Wann haben Sie entschieden, sich RBSS anzuschliessen?
Ich bin seit dem Gründungstag im April 2014 dabei. Zuvor hatten wir vor allem die Verbrechen des Islamischen Staats dokumentiert. Aber dann hat der IS einen Freund von uns hingerichtet. Deshalb haben wir beschlossen, dass wir der Welt von den Verbrechen erzählen müssen, die hier in Rakka geschehen.

Sie berichten täglich über Twitter von neuen Toten und Verletzten, von Bombenangriffen und der vom IS ausgeübten Gewalt. Wie sieht der Alltag in Rakka aus?
Das Leben ist sehr hart, denn es fehlt an allem. An vielen Orten gibt keinen Strom, kein Wasser. Die Menschen versuchen, die Gegend zu verlassen, aber der IS hindert sie daran. Jeden Tag verhaften die IS-Milizen Frauen und Männer. Wir leben hier in einem grossen Gefängnis. Vom Himmel werfen die russischen Flugzeuge Bomben auf uns, am Boden schlitzen uns die Messer der Dschihadisten auf.

Wie viele stehen in Rakka hinter dem IS?
Die meisten sind weder für uns noch für den IS. Aber von etwa zehn Prozent kann man sagen, dass sie die Dschihadisten lieben respektive dass sie wirklich hinter ihnen stehen. Leider glauben viele in Westeuropa, dass die Bevölkerung in Rakka und der ostsyrischen Provinz Deir al-Sur nur aus IS-Anhängern besteht. Aber das ist nicht wahr. Hier leben noch immer Hunderttausende Zivilisten unter der Herrschaft des IS. Während der Anschläge auf Paris haben wir für die Opfer gebetet. Ich habe mein Leben riskiert und vor Anschlägen in Frankreich gewarnt, um unschuldige Menschen zu beschützen. Ich hoffe, dass die Europäer auch mit uns mitfühlen.

Zu den Pariser Anschlägen möchte ich noch etwas erzählen: Im Oktober 2014 war Abdelhamid Abaaoud hier [der belgische Islamist, der die Anschläge in Paris am 13. November organisiert haben soll, Anm. der Red.]. In Deir al-Sur war er verantwortlich für die Überwachung von Internetcafés und Patrouillen. Er war ein ganz normaler Typ, eher zurückhaltend. Er wirkte nicht, als ob er eine Führungsposition innehätte. Aber er trug immer einen Gürtel mit Sprengstoff.

Sie haben erwähnt, dass Sie im Februar via Twitter vor weiteren Anschlägen gewarnt haben. Konnten Sie mit Abdelhamid Abaaoud über den IS und seine Pläne sprechen?
Ich habe nur mitbekommen, wie er per Skype telefonierte. Ich sass im Raum nebenan und hörte zu – es ging aber die ganze Zeit nur um Frauen und Sex. Ich habe ihn durch einen Bekannten kennengelernt, dem er anscheinend sehr vertraut hat, denn er kam zu ihm nach Hause, um zu rauchen. Diesem Bekannten erzählte er einmal, wie er mehrere Kämpfer gefoltert und umgebracht habe.

Ihr kämpft ja nicht nur gegen den IS, sondern auch gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.
Der IS und Assad sind zwei Seiten derselben Medaille. Beides sind radikale Regimes, die unschuldige Menschen töten und uns die Freiheit rauben. Alle Mitglieder von RBSS sind auch gegen Assad. Wir haben schon 2011 gegen sein Regime protestiert, wir verlangten Freiheit und Demokratie. Fast hätten sich einige unserer Forderungen erfüllt, aber dann tauchte der IS auf und nahm uns diese Hoffnung wieder.

Wie haben Sie sich in den vier Jahren seit den Aufständen 2011 verändert?
Die Revolution 2011 hat uns erwachsen werden lassen und uns vor eine grosse Verantwortung gestellt. Nun bekämpfen wir gewaltlos die Ideologien der gefährlichsten Terrorgruppen der Welt – jene des Assad-Regimes und des IS, aber auch jene der Hisbollah, der YPG [kurdische Volksschutzeinheiten, Anm. der Red.] und der Al-Nusra-Front. Denn zu einer friedlichen Lösung in Syrien tragen sie alle nicht bei.

Was denken Sie: Worum geht es den westlichen Mächten in diesem Konflikt?
Ich verstehe nicht, warum die westlichen Politiker so unfähig sind, sei es im Kampf gegen den Islamischen Staat, gegen das Regime von Saddam Hussein oder gegen Muammar al-Gaddafi. Es ist bizarr. Manche dieser mächtigen Länder wollen, dass die Welt in einem Zustand von unaufhörlichen Konflikten verharrt, denn sie profitieren vom Krieg. Russland zum Beispiel hat enorm von der Situation im Nahen Osten profitiert. Von den Waffenexporten und von den Militärstützpunkten in der Region, die Russland errichtet hat. Alles nur dank des Kriegs.

Rakka ist die Hauptbasis des IS in Syrien. Erst Ende Oktober hat der IS wieder zwei RBSS-Mitglieder getötet. Haben Sie keine Angst?
Doch, ich habe Angst. Ich habe Angst davor, dass der IS in der Region bleibt. Ich habe Angst davor, dass die Welt beginnt, in Assad einen Kämpfer gegen den Terror zu sehen. Aber vor den Verbrechen des IS und des Assad-Regimes habe ich keine Angst. Auch wenn sie mich umbringen – der Mensch lebt nur einmal, aber sein Wirken überdauert den Tod. Ich will nicht, dass mein Sohn unter der Kontrolle extremistischer Gruppen leben muss.

Haben Sie eine Utopie?
Syrien, aber ohne den Islamischen Staat und ohne Assad. Es wird sehr schön sein. So schön wie Zürich oder Venedig.

* Der RBSS-Aktivist Tim Ramadan (26, Name geändert) warnte schon im Februar vor weiteren Anschlägen in Frankreich, nachdem er zwei IS-Kämpfer in einem Internetcafé belauscht hatte.

Widerstand in Rakka

Weder still noch leise

Sie sind die Einzigen, die noch aus den vom IS besetzten Gebieten in Syrien berichten: die Gruppe «Raqqa is Being Slaughtered Silently» (Rakka wird still und leise abgeschlachtet, RBSS). Die rund ein Dutzend Mitglieder dokumentieren die Gewalttaten in Rakka und publizieren diese auf ihrer Website und via Twitter. Ausländische JournalistInnen meiden die Region um Rakka schon seit längerem.

Die Gruppe wurde im April 2014 gegründet, um gegen die totalitären Ideen des IS und des Regimes von Baschar al-Assad zu kämpfen. Die Gruppe arbeitet gewaltfrei: Ihre Mitglieder verbreiten heimlich Flugblätter und sprühen in der Nacht «Nieder mit Assad! Nieder mit ISIS!» an die Wände ihrer Stadt.

2014 enttarnten und töteten IS-Kämpfer den 21-jährigen RBSS-Mitbegründer Motas Billah. Vor knapp einem Monat wurden in der Türkei zwei weitere 20-jährige RBSS-Aktivisten von einem Spitzel des IS erstochen.

Gegenüber Kontaktanfragen sind sie äusserst vorsichtig. Die Fragen der WOZ wollte Tim Ramadan aus Sicherheitsgründen nicht am Telefon beantworten.

Gemäss Schätzungen leben heute in Rakka bis zu 400 000 Menschen. Bevor der IS im August 2013 die Stadt unter seine Gewalt brachte, galt Rakka lange als sicherer Hafen: Bis im März 2013 flüchteten rund 800 000 Vertriebene in die nordsyrische Stadt. Dann übernahm der IS Rakka Schritt für Schritt: Al-Nusra-Kämpfer vor Ort liefen zur IS-Miliz über, die Freie Syrische Armee wurde aus Rakka vertrieben. Mittlerweile bombardieren die USA, Russland, Frankreich und die syrische Armee die IS-Hauptbasis. Als Antwort auf die Anschläge in Paris hat Frankreich die Luftangriffe massiv verstärkt.

«Raqqa is Being Slaughtered Silently» erhielt am Dienstag in New York den International Press Freedom Award 2015.

Merièm Strupler

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