Nr. 27/2015 vom 02.07.2015

Attentate mit einer Botschaft

Ein Jahr nach der Ausrufung des Kalifats verbreitet der Islamische Staat zwar viel Angst und Schrecken. Er wäre zu besiegen – zumindest militärisch.

Von Alfred Hackensberger

Sie werden als Barbaren und Schlächter bezeichnet, als Feinde der Humanität oder auch als die Repräsentation des Bösen schlechthin. Beim Phänomen des sogenannten Islamischen Staats (IS) ringen im Westen die meisten um passende Begrifflichkeiten. Es ist eine schier endlose Reihe von Grausamkeiten, die die radikalsunnitische Organisation begeht und die nur schwer in Worte zu fassen sind: die Versklavung und Vergewaltigung von Tausenden Jesidinnen; die Exekution von JournalistInnen, Mitarbeitenden von Hilfsorganisationen, ChristInnen, irakischen Soldaten, von vermeintlichen Ehebrecherinnen und Gotteslästerern.

Vor einem Jahr, am 29. Juni 2014, hatte IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi in der irakischen Stadt Mosul das «Reich aller Muslime» ausgerufen. Am vergangenen Wochenende wollte die Terrororganisation zum einjährigen Jubiläum ihres Kalifats ein Zeichen setzen. Deshalb mussten in Kuwait, Tunesien und Frankreich fast hundert Menschen sterben. Fast zeitgleich wurden in Kobane 200 ZivilistInnen getötet, als ein Selbstmordkommando von etwa fünfzig IS-Kämpfern in die nordsyrische Grenzstadt eindrang. Und am Montag verloren im Jemen dreissig Menschen bei einem IS-Bombenanschlag ihr Leben.

Allerdings steht der IS mittlerweile in Syrien und im Irak unter Druck und hat bis zu dreissig Prozent des eroberten Territoriums wieder verloren. In Nordsyrien steht die Kurdenmiliz YPG nur vierzig Kilometer vor Rakka, der IS-Hauptbasis. Im Irak verlor der IS Tikrit, Baidschi und Gebiete bei Bagdad.

Mit den Anschlägen der vergangenen Woche will der IS eine klare Botschaft aussenden: Wir sind noch lange nicht erledigt; wir können überall und jederzeit zuschlagen. Die Attentate in Frankreich und Tunesien enthalten noch eine zusätzliche Botschaft: Ihr Europäer könnt euch nicht sicher fühlen – wir töten euch, wo immer ihr auch seid. Angst und Schrecken zu verbreiten, ist eine typische IS-Strategie. Und die Strategie ging schon mehrfach auf. In Mosul, Ramadi und Palmyra sind irakische und syrische Truppen davongelaufen, obwohl sie zahlenmässig überlegen waren. Jeder Soldat hat Angst, geköpft oder in einem Käfig verbrannt zu werden, wie dies in IS-Propagandavideos zu sehen ist.

Das ist der Unterschied zu anderen KriegsverbrecherInnen, die möglichst im Geheimen peinigen und morden. Die IS-DschihadistInnen dagegen lieben die Öffentlichkeit und senden ihre mörderischen Bilder in die Welt hinaus. Damit wollen sie bei ihren AnhängerInnen Sympathien verstärken und bei Feinden den Angstfaktor erhöhen. In der Werbung würde man von «branding» und «corporate identity» sprechen: Der IS will sich als Marke von der Konkurrenz – etwa al-Kaida – absetzen und den Dschihadmarkt dominieren. Der hierarchisch strukturierte IS legt den Islam noch extremer aus als al-Kaida, was zu grösserer Brutalität führt. Die IS-Kommunikationsabteilung liefert Videos im Popstil statt altbackene Erklärungen. Sie richtet sich gezielt sowohl an arabisches als auch an westliches Publikum, mit jeweils speziell angefertigten Beiträgen.

Der entscheidende Vorteil gegenüber al-Kaida betrifft die Finanzierung. Der IS hat ein nachhaltiges Wirtschaftssystem aufgebaut und ist nicht, wie al-Kaida, auf Sponsoren angewiesen. Dabei legt der IS kapitalistischen Pragmatismus an den Tag und macht Geschäfte mit seinen GegnerInnen. Erdöl wird an das syrische Regime wie auch an die Dschihadkonkurrenz von al-Kaida verkauft.

Die Strukturen der IS-Terrorgruppe wurden gezielt aufgebaut und haben nichts mit religiösem Fanatismus zu tun. Der Entwurf stammt von ehemaligen Offizieren des Baath-Regimes Saddam Husseins, die nach der US-Invasion 2003 im Irak alle arbeitslos geworden waren. Frühere Militärs und Geheimdienstoffiziere geben in der obersten IS-Führungsspitze den Ton an.

Die IS-Gruppe wird heute allerdings überschätzt. Ihre Stärke resultierte schon immer aus der Schwäche und der politischen Uneinigkeit ihrer GegnerInnen. Der Vormarsch der syrischen KurdInnen im Norden des Landes hat gezeigt, dass der IS innerhalb weniger Monate militärisch besiegt sein könnte. Aber der Erfolg hängt vollständig von der Luftunterstützung der USA ab. Washington scheint allerdings in Syrien und im Irak keiner einzelnen ethnischen oder religiösen Gruppe zum Sieg verhelfen zu wollen. Die Kurdenmilizen der YPG könnten mithilfe von US-Kampfjets Rakka einnehmen. Die Peschmerga der kurdischen Autonomieregierung im Irak hätten Mosul mit US-Luftunterstützung längst erobert. Auch Ramadi wäre nie vom IS überrannt worden, hätte das Pentagon Bomber und Drohnen geschickt. Und die schiitischen Milizen der Regierung in Bagdad hätten mit US-Waffen weit mehr IS-Gebiete befreit. Aber Animositäten zwischen ihnen und den USA haben das verhindert.

Die IS-Gruppe könnte relativ leicht zurückgedrängt werden. Doch eine militärische Lösung beseitigt das Grundproblem nicht: den radikalen Islamismus, den auch andere dominante bewaffnete Gruppen praktizieren und der sich in gescheiterten Staaten besonders leicht ausbreiten kann. Politische Lösungen sind gefragt.

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