Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Die Kunst der Ausbeutung

Die hässliche Seite der funkelnden Kulturinsel Saadiyat in Abu Dhabi: Trotz einer Reform arbeiten MigrantInnen praktisch rechtlos auf Grossbaustellen.

Von Andrea Glioti*, Abu Dhabi

Sie ist das Kronjuwel Abu Dhabis, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE): Die mit zusätzlichem Sand vergrösserte Insel Saadiyat ist dabei, sich in eine Luxuskulturmeile mit Museen, Hotels und Restaurants für reiche TouristInnen zu verwandeln. Das Juwel ist jedoch noch ungeschliffen: Abgesehen von einer Aussenstelle der New York University (NYU) und ein paar Hotelkomplexen ist Saadiyat eine riesige sandige Baustelle, auf der sich Arbeiter in der glühenden Hitze abmühen. Die von Stararchitekten entworfenen Ableger des Pariser Louvre und des New Yorker Guggenheim-Museums müssen erst noch fertig gebaut werden.

In den VAE leben knapp vier Millionen GastarbeiterInnen – vor allem Bauarbeiter und weibliche Hausangestellte (vgl. «Die Gastarbeiterinnen» im Anschluss an diesen Text). Im Emirat Abu Dhabi machen sie zwischen achtzig und neunzig Prozent der Bevölkerung aus. Ihre Arbeitsbedingungen sind prekär: Im sogenannten Kafala-System brauchen ausländische Arbeitsuchende eine Person, die für sie bürgt. Oftmals übernimmt diese Bürgschaft direkt das Unternehmen, das die GastarbeiterInnen anstellt – und bringt sie damit in eine extreme Abhängigkeit. Die Bauarbeiter etwa sind dadurch praktisch rechtlos: Ihre Pässe wurden von den Unternehmen beschlagnahmt, sie leben in Arbeitercamps, haben praktisch keine Ferien und verdienen schlecht. Streiks und ähnliche Massnahmen sind in den Emiraten verboten.

Bereits kam es auf der Baustelle des NYU-Ablegers zu Menschenrechtsverletzungen. Aufgrund eines Reports des global tätigen Rechercheunternehmens Nardello & Co. vom April leitete die Universität eine Untersuchung ein, die bestätigte, dass rund ein Drittel der Arbeiter miserabel behandelt wurden: Es geht um schlechte Unterbringung, massiv verspätete Lohnzahlungen und Ausschaffungen. Denn wenn die Firmen für ihre Angestellten bürgen, bedeutet eine Kündigung auch das Ende der Aufenthaltsbewilligung.

Halbherzige Reformen

Eigentlich nahmen sich die VAE schon 2009 vor, die Situation der Bauarbeiter auf Saadiyat zu verbessern. Einrichtungen wie das Saadiyat Accommodation Village (SAV) sollten die Unterbringung der Gastarbeiter verbessern. So bietet das SAV inzwischen Unterkünfte an, in denen sich nicht mehr als sechs Personen ein Zimmer teilen müssen, und verfügt ausserdem über Erholungs- und Freizeiteinrichtungen. Zudem sollten Richtlinien die Rechte der Bauarbeiter stärken. Beispielsweise verbieten sie den Unternehmen, die Pässe ihrer Angestellten zu konfiszieren. Aber die Arbeitsrichtlinien können umgangen werden: So lassen Firmen nun ihre Arbeiter ein Formular unterzeichnen, mit dem diese einwilligen, dass ihre Papiere «aus Sicherheitsgründen» beim Unternehmen hinterlegt werden.

Die Herrscher der Emirate versuchen das Thema möglichst auszuweichen. Wer öffentlich Kritik an den Arbeitsbedingungen auf den Baustellen äussert, muss mit Konsequenzen rechnen. Andrew Ross, ein Professor an der New Yorker Universität, forschte zu Bauarbeitern in den Emiraten und kritisierte öffentlich deren Arbeitsbedingungen. Ab März 2015 durfte er nicht mehr in die VAE einreisen. Auch die beiden Künstler Ashok Sukumaran aus Indien und Walid Raad aus dem Libanon hatten Kritik geübt. Kurz darauf wurden auch sie mit einem Einreiseverbot belegt. «Bei den Projekten auf Saadiyat geht es nicht um Kunst, sondern um Einfluss und Macht hinter einer perfiden Fassade», sagt Nicholas McGeehan, der für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch einen Report zu den Arbeitsbedingungen auf der Insel verfasste. Auch er ist inzwischen aus den Emiraten verbannt worden.

Aus dem Westen finanziert

«Es ist bereits zwei Monate her, dass wir unseren Lohn erhalten haben», sagt Bilal, ein 28-jähriger Arbeiter aus Bangladesch. Bilal, der seinen richtigen Namen nicht preisgibt, arbeitet für das Bauunternehmen Tafseer auf der Cranleigh-Baustelle und ist einer der wenigen, die sich überhaupt trauen, offen über die Arbeitsbedingungen zu sprechen.

Die britische Cranleigh-Privatschule hat einen riesigen Campus auf der Insel. 1600 SchülerInnen im Alter von drei bis achtzehn Jahren können für jeweils 65 000 bis 85 000 Dirham (16 500 bis 20 300 Franken) im Jahr dort lernen. Cranleigh ist eine exklusive Ausbildungsstätte für reiche Kinder, die mit einem riesigen Kultur- und Sportangebot verwöhnt werden. Das Internat öffnete 2014 seine Türen, aber die Anlage ist noch nicht fertiggestellt. Gebaut wird der Cranleigh-Campus von der Firma Tafseer, die zur emiratischen Royal Group gehört – der Vorsitzende ist ein Mitglied der Königsfamilie. Für Tafseer arbeiten rund 2000 Arbeiter, der jährliche Umsatz beträgt 409 Millionen Dirham, umgerechnet 104 Millionen Franken.

Bereits im Mai hatten sich Tafseer-Arbeiter gegen eine viermonatige Verspätung ihrer Lohnzahlung aufgelehnt – die Polizei schlug die Proteste nieder. Offenbar beschlagnahmt Tafseer auch trotz Verbot die Pässe seiner Angestellten: Die WOZ hat mit sechs Bauarbeitern aus Südasien gesprochen – ihnen allen hat Tafseer die Papiere weggenommen.

Neue Luxushotels für die Expo 2020

Die Arbeiter von Tafseer sind in einem firmeneigenen Camp untergebracht. Es beherbergt 25 000 Angestellte von verschiedenen Unternehmen. Es gibt keine Freizeiteinrichtungen, obwohl die Arbeitsrichtlinien dies vorsehen. In einem Zimmer stehen jeweils fünf Doppelstockbetten. Die Räume sind nach Nationalitäten aufgeteilt. Und selbst der mickrige Lohn der Arbeiter unterscheidet sich je nach Herkunft: Ein Bangladescher zum Beispiel verdiene weniger als ein Pakistani, aber mehr als ein Nepalese, erzählen Arbeiter im Camp.

Im Gegensatz zum firmeneigenen Camp müssten sich im staatlichen «Arbeiterdorf» SAV nur sechs statt zehn Personen das Zimmer teilen, aber das würde mehr kosten. «Das Problem ist, dass Tafseer nicht für das SAV bezahlen will», sagt der in den VAE unerwünschte NYU-Professor Ross. Die WOZ hat Tafseer mit den Kritikpunkten konfrontiert, das Unternehmen hat aber nicht Stellung genommen.

Anstatt die dringend nötigen Reformen durchzusetzen, planen die VAE bereits ihren nächsten Coup: die Expo 2020 in Dubai. Bis dahin will das Emirat sein Angebot für TouristInnen fast verdoppeln – 295 neue Luxushotels und Apartments mit insgesamt 50 800 Zimmern werden gebaut. Bis jetzt stehen in Dubai schon 428 Hotels mit 64 800 Zimmern. Zur Weltausstellung von Oktober 2020 bis April 2021 erwartet Dubai 25 Millionen BesucherInnen, davon rund siebzig Prozent aus dem Ausland.

Die Expo 2020 steht unter dem Motto «Connecting Minds, Creating the Future». An die Zukunft der prekarisierten Arbeiter auf den Grossbaustellen scheint dabei niemand zu denken.

* Dieser Artikel wurde ursprünglich unter dem Pseudonym Nick Vanzetti publiziert.

Aus dem Englischen von Merièm Strupler.

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