Nr. 49/2015 vom 03.12.2015

Mit der Ernsthaftigkeit ist es nicht getan

In einer Talkshow am Theater Bern möchte der Dichter Jürg Halter die Kunst zum Handeln auffordern. Mit Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit trifft er fürs erste doch nur auf einen Händler.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

«Es ist Zeit für die Befreiung des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Pseudomündigkeit», meint Jürg Halter. Foto: Philipp Zinniker

Jürg Halter steckt in einer sackförmigen Uniform, auf dem Kopf trägt er ein schwarzes Béret. Hinter ihm leuchtet eine Reklameschrift in Grossbuchstaben: «Die Gegenaufklärung». Halter hebt zu einer Ansprache an: Mehr persönliche Handlungsfreiheit bedeute noch mehr Egoismus. Kriege erzeugten neue Kriege, die Rüstungsindustrie stehe in der Blüte. Die Postpostmoderne erweise sich als Beginn einer neuen Verdunkelung. Halter deklamiert: «Es ist Zeit für die Gegenaufklärung, für die Befreiung des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Pseudomündigkeit.» Zum Schluss der Rede gratuliert er Pippi Langstrumpf, seinem Vorbild aus Kindertagen, zu ihrem 70. Geburtstag. «Heute sässe sie mit Medikamenten vollgepumpt, depressiv genormt in einer Sonderklasse, kurz vor deren Abbau.» Ein Akkordeon erklingt.

Jürg Halter meint es ernst. Daran lässt er keinen Zweifel, einen Tag vor der Premiere seiner «Gegenaufklärung» am Theater Bern, bei einem Nachmittagstee im Restaurant Drei Eidgenossen. Ausgerechnet Halter meint es jetzt direkt und konkret, dieser Meister des Rollenspiels, der mit Kutti MC die schillerndste Figur des Schweizer Rap schuf. Letztes Jahr hängte er sie bewusst an den Nagel, um Raum für Neues zu schaffen. Ausgerechnet Halter auch, dieser Dichter der raffinierten Winkelzüge und Perspektivenwechsel, der sich in seinen Gedichten oft in eine Pflanze verwandelt, um Teil des grossen Stoffwechsels zu werden.

«Die Politik ist schon immer in meine Kunst eingeflossen. In den letzten zwei, drei Jahren wurde mein Gefühl der Beunruhigung grösser», erklärt der 35-Jährige seine neue Ernsthaftigkeit. Die Medien würden finanziell immer instabiler, die Trennung zwischen redaktionellen Inhalten und Werbung sei zunehmend aufgehoben. Deshalb gelinge es der SVP, die Medien mit ihren Inseraten zu kapern. «Ein Milliardär besitzt die grösste Partei, gleichzeitig gibt es in der Schweiz keine Regeln für die Parteifinanzierung. Der Skandal besteht darin, dass dieser Zustand als Normalität betrachtet wird», sagt Halter.

In grosser Sorge

Während des vergangenen Wahlkampfs habe er mit Jugendlichen gesprochen. Die erzählten ihm, dass sie SVP wählten, weil die Partei «es» endlich mal sage. «Doch was sie sagt und was es bedeutet, wussten sie nicht. Das ist der geistige Zustand eines grossen Teils der Juggend in einem der reichsten und aufgeklärtesten Länder der Welt.» Durch seine runde Brille blickt Halter jetzt nicht besserwisserisch, sondern irritiert. Seine Kritik hat er vor den Wahlen in einem viel beachteten offenen Brief an die SVP geäussert – und machte sich die Mühe, auf jede einzelne Reaktion zu antworten. Ein Parteimitglied traf er sogar zum Bier: «Wir wurden uns nicht einig, aber wir haben uns respektiert.»

Zumindest in einem ist sich Halter treu geblieben: Das eigene Umfeld nimmt er weiterhin nicht von der Kritik aus. An den Kunstschulen beobachte er ähnliche Tendenzen wie in den Medien, holt er aus: «Die Grenze zwischen Grafik und Kunst wird aufgehoben. Es gibt nur noch Ästhetik. Der Schrecken, der Inhalt, verschwindet aus der Kunst.» Fast alle Kulturschaffenden hätten einen Reflex gegen die SVP, doch die Menschenrechte könnten sie doch nicht genau definieren. Und dann noch die Humorlosigkeit der Linken, mit der sie gegen den Zynismus der Rechten keine Chance hätten …

«Jürg Halter, sind Sie zum Kulturpessimisten geworden?» – «Ich bin grundsätzlich pessimistisch, aber generell zuversichtlich.» Zuversichtlich stimmen ihn KünstlerInnen, die ihre Kunst als Handlung verstehen. Solche lädt er nun an drei Abenden zu einer Talkshow ins Theater. Den reaktionären Titel «Gegenaufklärung» hat Halter bewusst gewählt, «weil sich die Aufklärung in ihr Gegenteil verwandelt hat».

Methodik vergessen

Der Gast, der am ersten Abend die ausverkaufte Mansarde im Berner Theater betritt, hat sich innerhalb weniger Jahre einen Namen als Aktionskünstler gemacht: Philipp Ruch, Chefunterhändler des Zentrums für Politische Schönheit in Berlin. Mit seinen Aktionen mischte sich das Kollektiv wiederholt in das europäische Grenzregime ein: Es rief zu einem Begräbnis von verstorbenen Flüchtlingen vor dem Berliner Bundeskanzleramt (siehe WOZ Nr. 26/2015), täuschte eine Organisation zur Adoption syrischer Kinder vor und forderte den Bau einer Steinbrücke übers Mittelmeer.

Halter beginnt das Gespräch, ganz nach dem Format der Talkshow, mit einer persönlichen Feststellung: Er und Ruch hätten in Bern zur gleichen Zeit die Wirtschaftsmittelschule besucht. «Wir sind gewissermassen Idealabgänger, die störungsfrei in die Gesellschaft eingegangen sind.» Die Lektionen der Wirtschaftsmittelschule scheint Ruch nicht vergessen zu haben. Trotz Tarnfarbe im Gesicht wirkt er telegen, gibt eher den Chefhändler als den Chefunterhändler und präsentiert ein Projekt nach dem anderen.

Nebenher geht er auf den politischen Kontext ein. Dabei erweist er sich als profunder Kenner der Situation an der EU-Aussengrenze: «Dieses Jahr spielte sich die Migration nicht mehr in Saisons ab. Wir steuern auf etwas zu, was unvorstellbar ist und mich selbst beunruhigt.» Trotz des grossen Wissens bleiben in Ruchs Ausführungen Kunst und Politik unvermittelt nebeneinander stehen. Das liegt auch daran, dass Halter nicht nach den Methoden des Zentrums für politische Schönheit fragt. So erfährt man leider nicht, wie es die Besitzer der Waffenfabrik Krauss-Maffei Wegmann enttarnte, die aus dem rot-grünen Milieu stammen.

Das Pathos des 21. Jahrhunderts

Einen Theatersaal zwei Stunden lang der Wirklichkeit in die Augen blicken zu lassen, ist von Halter gut gedacht. Doch mit dem Beharren auf Ernsthaftigkeit ist es nicht getan. Damit stehen noch keine Begriffe zur Verfügung, um die Realität zu beschreiben und zu verändern. Ruchs Projekte, die solche Begriffe liefern könnten, erweisen sich zudem eher als Spiegel der Wirklichkeit denn als Hinterfragung. Und auch die Twitter-Haikus helfen wenig, die die Akkordeonistin Claudia Vamvas zwischendurch vorliest. Sie führen nicht immer über den Tag hinaus.

Ruch versucht es zum Schluss des Abends mit einem Aufruf für mehr moralische Fantasie: «Wir müssen von der Zukunft aus auf die Gegenwart blicken und uns darüber Gedanken machen, wie die Enkel unser Handeln beurteilen werden.» Das 20. Jahrhundert sei ein Schlachtfeld der Visionen, doch das Streben nach Humanität sei noch nicht ideologisiert worden. «Um sie zu erreichen, muss jeder Einzelne die tiefe Angst vor Ideen ablegen und selbst handeln.» Berührt der Appell anfänglich, gefriert er zum Schluss: Wer dem Ernst der Lage mit noch grösserer Ernsthaftigkeit begegnet, kann auch im 21. Jahrhundert im leeren Pathos landen.

Der zweite Abend von «Die Gegenaufklärung» mit Jürg Halter findet am 21. Januar 2016 im Theater Bern statt. Zu Gast ist die Mediengruppe Bitnik.

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