Nr. 51/2015 vom 17.12.2015

«Man macht die Revolution, weil man wie ein Mensch leben und glücklich sein will»

Wenn die Krisen des Finanzkapitalismus sich weiter zuspitzen und der Rechtspopulismus noch stärker wird, darf die Linke nicht nur Analysen bieten. Sie muss zum Abenteuer werden.

Von Götz Eisenberg (Text) und Marcel Bamert (Illustration)

«Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren; es ist die Zeit der Monster», sagte Antonio Gramsci sinngemäss. Die Zeit der Monster bricht dann an, wenn eine herrschende Ordnung von Krisen geschüttelt und vom Zerfall bedroht ist, ohne dass neue gesellschaftliche Kräfte schon bereitstehen, die etwas qualitativ Neues an die Stelle des zerfallenden  Alten setzen können. Wenn es der Linken nicht gelingt, in den Krisen der Gegenwart eine libertär-sozialistische Alternative zu formulieren und zu praktizieren, die die Menschen fasziniert und bewegt, dann werden die frei flottierenden Energien und Unmutspotenziale von rechten Monstern angeeignet, oder es werden Formen einer gespenstischen Selbstzerstörung freigesetzt.

Ernst Bloch hat in seinem Buch «Erbschaft dieser Zeit» (1935) der Weimarer Linken, vor allem den Kommunisten, den Vorwurf einer «utopischen Unterernährung der sozialistischen Fantasie» gemacht. Die Linke habe allzu vieles dem Feind überlassen, dem der Missbrauch dieser Themen leicht gemacht wurde, «weil die echten Revolutionäre hier nicht Wache gestanden haben». Die linke Propaganda sei vielfach kalt, schulmeisterlich und ökonomistisch gewesen. Während die Rechten in Bildern und Metaphern schwelgten, die in die Fantasie der Menschen griffen, langweilten die Linken die Menschen mit dem sturen Ableiern von ökonomistischen Parolen: «Nazis sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen. Die Kommunisten strapazieren oft gleichfalls Schlagworte, aber viele, aus denen der Alkohol längst heraus ist und nur Schema drinnen.» Die auf die Entlarvung ökonomischer Widersprüche fixierte Linke geriet in den Bann des «Kältestroms», der von der kapitalistischen Ökonomie ausgeht, und vernachlässigte den «Wärmestrom», der in die Fantasie greift und die Menschen berührt und antreibt.

Mit Reparaturen ist es nicht getan

Dass die Kritik ökonomischer Sachverhalte in der linken Theoriebildung und Analyse von jeher und bis auf den heutigen Tag eine derart grosse Rolle spielt, ist zunächst einmal dem real existierenden Ökonomismus der kapitalistischen Gesellschaft geschuldet. Durch den grossen Stellenwert der ökonomischen Aufklärung entsteht aber mitunter der Anschein, als sei das angestrebte Ziel einer anderen Gesellschaft in erster Linie eine Sache der Ökonomie oder gar der Triumph einer von ihren bürgerlichen Fesseln befreiten ökonomischen Vernunft. Dem ist aber keineswegs so. Der kommunistische Materialismus sollte Bloch zufolge nicht die blosse Verdoppelung der totalen Ökonomie sein, «sondern gerade der Hebel, um die beherrschte Wirtschaft an die Peripherie zu stellen und den Menschen erstmals in die Mitte». Es geht darum, reale Humanität herzustellen, und diese geht weit hinaus über eine lediglich neu geordnete Wirtschaftsform, über alle bloss sozialtechnischen Massnahmen. Es geht um nichts Geringeres als die Unterordnung der Wirtschaft unter die Bedürfnisse von zur Vernunft gekommenen Menschen.

Etwa zur gleichen Zeit, da Ernst Bloch seine Kritik am Ökonomismus der Linken formulierte, schrieb Max Horkheimer in seinem unter dem Pseudonym Heinrich Regius erschienenen Buch «Dämmerung»: «Die Begründung der Abschaffung des Kapitalismus durch die Notwendigkeit eines der Produktivität günstigeren Auswahlprinzips ist verkehrt, weil sie die Kategorien des herrschenden ökonomischen Systems als Norm nimmt. Sie glaubt, es sei mit Reparaturen getan. Nicht damit die Tüchtigen an die erste Stelle kommen, müssen wir die Gesellschaft verändern, sondern im Gegenteil, weil die Herrschaft dieser ‹Tüchtigen› ein Übel ist.»

Was wirklich zählt

Dass die Ökonomie unser Dasein beherrscht und bestimmt, ist für das kritische Denken kein weltanschauliches Bekenntnis, sondern die Diagnose eines aufzuhebenden Zustands. Das Problem ist, dass aus den aufgezeigten objektiven Widersprüchen kein subjektives Widersprechen mehr resultiert. Das hat auch mit jener Unterernährung der sozialistischen Fantasie zu tun, vor der Bloch die Linke warnte. Mit purer ökonomischer Aufklärung lockt man niemanden hinter dem Ofen hervor. Man macht nicht die Revolution, weil die Akkumulation des Kapitals ins Stocken gerät und der Kapitalismus Krisen produziert, sondern weil man wie ein Mensch leben und glücklich sein will.

«Das, was wirklich zählt – ist das etwa nicht das Glück? Wofür macht man denn die Revolution, wenn nicht, um glücklich zu sein?», schrieb der italienische Filmemacher, Schriftsteller und Kommunist Pier Paolo Pasolini in seinen «Freibeuterschriften». Es kommt darauf an, eine Verbindung von Abenteuer, Freiheit und revolutionärer Politik herzustellen. Eine linke Strategie, die nicht ein Gran Abenteuerlichkeit enthält, ist bloss Ordnung, Gewerkschaft, Sozialdemokratie, Bürokratie und Langweile.

Analyse und theoretische Aufklärung weisen dem Veränderungswillen den Weg und vertreiben den Nebel, der über den Verhältnissen liegt. Aber der Wille zur Veränderung stammt aus anderen Quellen und hat seinen Ursprung in Persönlichkeitsschichten weit unterhalb des Kopfs. Die Veränderung der Gesellschaft besitzt, wie Herbert Marcuse sagte, eine körperliche, triebmässige Basis und wurzelt in Bedürfnissen, die verschieden, ja antagonistisch gegenüber jenen sind, die in ausbeuterischen Gesellschaften vorherrschen und ihren Zusammenhalt gewährleisten. Die Basis der Veränderung sind Körper und Seelen, die Aggressivität, Brutalität und Hässlichkeit der etablierten Lebensweise nicht länger ertragen können. Ihr stummes Nein zu den Verhaltenszumutungen der forcierten Leistungskonkurrenz und der um sich greifenden Zerstörung gewachsener Lebensgelände bringen sie in verrätselten psychosomatischen Formen zum Ausdruck. Diese Leidenserfahrungen und ihrer selbst noch nicht bewussten Formen der Revolte müsste Theorie beredt werden lassen. Die Veränderung könnte dann Wurzeln in den Menschen selbst schlagen, Aufklärung und Theorie hätten auf diesem Boden Ziele und Strategie des politischen Kampfes neu zu definieren.

Im Schattenraum

Der eigentliche Skandal der bürgerlichen Gesellschaft ist nicht, dass sie periodisch Krisen produziert, die Entwicklung der Produktivkräfte hemmt oder Ressourcen verschleudert, sondern dass unter der Vorherrschaft von Ware und Geld das menschliche Leben erstirbt. Das niedergedrückte und an der Entfaltung gehinderte Leben bildet Schattenräume, in denen Träume, Wünsche und Sehnsüchte entstehen, die die politische Linke nicht als irrational abtun und ignorieren darf, sondern aufgreifen muss. Es sind Wünsche nach Glück, Solidarität, aufrechtem Gang, menschlichen Zeitmassen und Stille, Träume von Heimat, aufgehobener Entfremdung und einem Leben ohne stupide Plackerei.

Viele Menschen verspüren das Bedürfnis, den auf dem Wettbewerb beruhenden tagtäglichen Existenzkampf zu beenden. Warum steht auf dem Leben nach wie vor eine Strafe von achtstündiger Arbeit pro Tag, wo doch die objektiven Möglichkeiten, das Leben von der Diktatur der Arbeit als Vollzeitbeschäftigung zu befreien, längst vorhanden sind? Warum also das Leben weiter damit vergeuden, es sich zu verdienen?

Götz Eisenberg (64) ist Sozialwissenschaftler und Gefängnispsychologe. Zuletzt ist von ihm im Verlag Brandes & Apsel das Buch «Zwischen Amok und Alzheimer. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus» erschienen.

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