Nr. 51/2015 vom 17.12.2015

Staubstürme in Zeitlupe

Von Bettina Dyttrich

Am Anfang ist es fast still. Nur ein verstimmtes Banjo klingt aus dem Dunkel, einige Trommelschläge. Dann beginnen zwei Frauen zu singen, als wären sie gerade dem Übelsten entkommen. Aber noch ist die Unbill nicht vorbei. Sie müssen weg hier: «Let the train carry me west, out of the dust.»

«Valium-Country» nennt das Duo Anaheim seine Musik. Es handelt sich dabei um Klagelieder in Zeitlupe, die tatsächlich nach einem imaginären wilden Westen klingen, aber einem, der nichts mit der Action in den Kinos zu tun hat. Ein paar Häuser an einem Bahngleis mitten im Nichts, wo die Zeit zwischen den Staubstürmen sich endlos dehnt und sich Paare zermürben. Es gibt ja sonst nichts zu tun. Dass die Zürcherinnen Caro Baur und Gessica Zinni in den grünen Ostschweizer Hügeln aufgewachsen sind, darauf käme bei dieser Musik niemand.

Jetzt haben sie gleich zwei LPs veröffentlicht. «Gone West» erschien bereits vor zwei Jahren auf Kassette, «Gone Fishing» ist neu. Neben einigen Covers auf der älteren Platte spielen die beiden ausschliesslich Eigenkompositionen – viele so eindringlich und melodisch, dass sie das Potenzial zu neuen Folkklassikern haben. Genauso beeindruckt der Gesang von Baur und Zinni, oft zweistimmig und herzzerreissend schön.

Auf «Gone Fishing» werden Anaheim von der Band Thee Irma and Louise unterstützt. Die Berner, die sonst den krachenden Rock ’n’ Roll zelebrieren, ergänzen das Duo sehr zurückhaltend mit Bass, Moog-Synthesizer und Pedal-Steel-Gitarre. Der Gesang bleibt im Zentrum, aber der Raum wirkt weit, Klänge kommen aus der Ferne. Zur sorgfältigen Produktion passt das schöne Material: durchsichtiges Vinyl und siebgedruckte Plattencovers. Ihre Schlichtheit wird mit einem Augenzwinkern gebrochen: Zu «Gone Fishing» gehört ein echter Angelhaken, zu «Gone West» ein Streifen aus einer Chäpslipistole.

Denn es stimmt, nicht alle Lieder sind traurig, manche haben auch etwas Trotzig-Euphorisches: Verkatert rappelt sich die Wüstenheldin am nächsten Morgen wieder auf, klopft den Staub von den Stiefeln und macht sich auf zu neuen Abenteuern.

www.anaheimband.bandcamp.com

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