Nr. 02/2019 vom 10.01.2019

Kein befreiender Ritt

Von David Hunziker

Höchstens die nasal geölte Stimme erinnert daran, dass dieser dramatische Gesang auch zu einem räudigen, in Urzeiten aufgenommenen Countrysong gehören könnte. Doch die Klangkulisse, die sich darum herum aufgebaut hat, klingt zunächst so gar nicht danach. Wir hören futuristisches Piepsen und allerhand bedrohliche Geräusche aus dem Synthesizer, im Hintergrund spielt eine Zither dissonante Tonfolgen. Und im Text, den die in Zürich lebende Gessica Zinni alias Taimashoe genussvoll amerikanisch phrasiert, geht es um die Grossstadt, um New York City. Wird hier ein amerikanischer Mythos ironisiert? Der Wilde Westen, den dieser Song – er heisst «Vögel/Kauntri» – heraufbeschwört, ist zumindest ein sehr entfremdeter, die Vögel sind piepsende Maschinen.

Für ihr Debütalbum «Taimashoe & No I Don’t» hat Zinni, die auch Teil des nun aufgelösten Folkduos Anaheim war, sich mit Franziska Koch (No I Don’t) zusammengetan. Mit improvisierten elektronischen Störgeräuschen bringt diese die von Folk, Country oder alter Black Music ausgehenden Songs immer wieder vom Weg ab. Der Western ist hier kein befreiender Ritt durch die Prärie, höchstens eine beklemmende Fahrt durch den Grossstadtdschungel. Doch ganz so abstrakt wie im Auftaktsong klingt das meistens nicht. Den «Hesitation Blues» etwa zieht es klanglich zwar auch in Richtung Noise, doch die Stimme treibt ihn zielstrebig voran, hält ihn in der Songform. Während es dort das Zögern ist, das der einfachen Befreiung im Weg steht, ist es im faszinierendsten Song des Albums das Grübeln, sogar nur ein vermutetes: «Rumination I Suppose». Hier kommt der scharfe Klang der Zither, der diesem Album seinen Äther gibt, voll zur Geltung. Daneben rumpeln eine dumpfe Trommel und ein Klopfgerät wie bei Tom Waits. Dazu spielt Taimashoe mit Sprache und Stimme: reimt genüsslich Wörter, die auf -tion enden, begleitet sich selber als synkopierter Chor, beschwört die Stille herauf, bevor ihr Schrei uns durch Mark und Bein fährt.

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