Nr. 01/2016 vom 07.01.2016

Das Schweigen brechen

Von Rahel Locher

«Mein Grossvater war Arzt der inneren Medizin am Rotkreuzspital von Hiroshima. Nach dem Abwurf der Atombombe hat er vom ersten Tag an versucht, die Verwundeten zu retten, inmitten von Tod und Zerstörung. Was er dabei erlebte, darüber hat er bis zu seinem Tod geschwiegen.» Mit diesen Worten aus dem Off leitet die schweizerisch-japanische Regisseurin Aya Domenig ihren Dokumentarfilm «Als die Sonne vom Himmel fiel» ein.

Den Spuren ihres Grossvaters in Japan folgend, trifft sie bei den Dreharbeiten zwischen 2010 und 2013 ihre Grossmutter, die ehemalige Krankenschwester Chizuko Uchida, die in Hiroshima Atombombenopfer versorgt hatte, sowie den ehemaligen Militärarzt Shuntaro Hida, einen früheren Kollegen ihres Grossvaters. Dieser erklärt auch das Schweigen des Grossvaters: Die US-Armee, die Japan zwischen 1945 und 1952 besetzte, erklärte die gesundheitlichen Folgen der Atombombe zum Geheimnis. Was zur Folge hatte, dass das medizinische Personal, das bei den Strahlenopfern ihm völlig unbekannte Symptome feststellte, diese nicht dokumentieren und nicht einmal gemeinsam besprechen durfte. Doch Hida und Uchida haben das Schweigen gebrochen. Domenig begleitet sie mit der Kamera zu Vorträgen über ihre Erfahrungen in Hiroshima und lässt sie in Gesprächen zu Wort kommen. Die Aufnahmen aus der Gegenwart ergänzt die Filmemacherin mit historischen Filmsequenzen und Archivbildern, die etwa ihren Grossvater beim Behandeln von Strahlenopfern zeigen.

Mitten in den Dreharbeiten brach die Gegenwart in Domenigs Erforschung der Vergangenheit ein: Nach der ersten Hälfte des Films reissen Wassermassen Autos und Häuser mit – und über dem AKW von Fukushima bildet sich eine Staubwolke. Uchida nimmt eine Mutter und deren Sohn auf, die vor der Katastrophe geflohen sind, obwohl die Behörden die Strahlung als ungefährlich bezeichnen. Bis heute werden in Japan die möglichen Folgen nuklearer Technik verharmlost und verschwiegen, trotz Atombombe und Super-GAU. Domenigs Film ist ein eindrückliches und informatives Plädoyer gegen dieses Schweigen.

Ab 7. Januar 2016 im Kino.

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