Nr. 01/2016 vom 07.01.2016

Wie weiterleben nach dem Überleben?

Brief an den Vater: Die 87-jährige französische Schauspielerin, Regisseurin, Autorin und Auschwitz-Überlebende Marceline Loridan-Ivens setzt sich mit ihrem im KZ umgebrachten Vater auseinander.

Von Ulrike Baureithel

Was hinterlässt ein Überlebender, fragte sich der ungarische Schriftsteller Imre Kertész einmal, welches geistige Erbe? Und er sinnierte darüber, ob eine solche Leidensgeschichte nun die Menschheit bereichere oder nur Zeugnis ablege von der unvorstellbaren Erniedrigung des Menschen, in der keine Lehre steckt und die man besser möglichst rasch vergessen sollte.

Die Mission, die viele KZ-Überlebende glauben erfüllen zu müssen, wiegt umso schwerer, als sie gepaart ist mit der vermeintlichen Schuld, angesichts der unzähligen Toten überhaupt überlebt zu haben. Sie widmen ihr Weiterleben einem historischen Auftrag, der erlischt, wenn es, wie nun absehbar, keine unmittelbaren ZeugInnen mehr gibt.

Der Wunsch zu verschwinden

Die französische Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Marceline Loridan-Ivens gehört nicht zu dieser Art Überlebenden. Sie hat sich, wie sie anlässlich der Vernissage ihres Erinnerungsbuchs «Und du bist nicht zurückgekommen» im Jüdischen Museum Berlin stolz formulierte, «als Wasserträgerin» der algerischen Befreiungsbewegung zur Verfügung gestellt, war Teil der Pariser Linken der sechziger und siebziger Jahre, voller Enthusiasmus an die Veränderbarkeit der Welt glaubend und vor politischen Irrtümern nicht gefeit.

Dass sie nun, mit 87 Jahren, ein Buch vorlegt, das von ihrem eigenen Schicksal in Auschwitz-Birkenau handelt, wohin man sie als 16-jähriges französisches Mädchen 1944 verschleppt hatte, hängt damit zusammen, dass sie, wie sie eingangs schreibt, das Gefühl habe, «hier keinen Platz mehr» zu haben, und sich einfach wünschte zu verschwinden. Doch mit diesem Wunsch taucht noch einmal der geliebte Vater Szhlama Froim Rozenberg auf, mit dem sie zusammen ins Konzentrationslager kam. An seiner Prophezeiung, dass sie zurückkehren werde, während er Auschwitz nicht überlebe, trägt sie schon während ihrer Haftzeit schwer, und die Bürde begleitet sie ihr ganzes Leben.

So ist ihr in Briefform verfasstes Buch ein Selbstgespräch, in dem sie sich mit ihrem toten Vater auseinandersetzt. Ausgangspunkt ist zum einen ein Brief, den ihr der Vater in Auschwitz noch hatte zustecken können, der aber verloren ging und an dessen Inhalt sie sich bis auf die Anrede und den Schluss nicht mehr erinnern kann. Zum anderen hatte sie ihm ein Goldstück zukommen lassen wollen, das sie beim Sortieren der Kleidungsstücke ermordeter Häftlinge gefunden hatte. Bis heute weiss sie nicht, ob es ihn erreichte. In diesen beiden Symbolstücken einer Vater-Tochter-Liebe, die gewaltsam abgewürgt wurde, kristallisiert sich die «Bindestrichgeschichte» namens Auschwitz-Birkenau.

Ständiges Zwiegespräch

«Wir gehen nach Pitschipoi», hatte es geheissen, als die JüdInnen vom französischen Internierungslager Drancy nach Auschwitz deportiert wurden, ein harmloses, «sanftes» Wort für den schrecklichsten Ort der Welt. Szhlama Froim Rozenberg, ein polnischer Jude, der sich in Frankreich eine respektable bürgerliche Existenz mitsamt einem ländlichen Schlösschen als Wohnsitz aufgebaut hatte, verbleibt in Auschwitz. Die Tochter Marceline wird ins Frauenlager der Todesfabrik Birkenau überstellt. Fortan bleibt die Ungewissheit über das Schicksal des jeweils anderen.

In ständigem Zwiegespräch taucht die Autorin immer tiefer ein in die Lagerrealität, die Zwangsarbeit in der Kleiderkammer und an den Krematorien, die auch die überlebensnotwendige Anpassung und Schuld mit einschliesst: «Es war keine Menschlichkeit mehr in mir, ich hatte das kleine Mädchen getötet, ich grub direkt neben den Gaskammern (…), ich stand im Dienst des Todes.»

Während sie in ihrer Erinnerung mit dem Vater noch einmal die Orte des alltäglichen Verbrechens abgeht – Drancy, Auschwitz-Birkenau, Bergen-Belsen, Theresienstadt –, schaut Loridan-Ivens mit dramaturgischer Sicherheit zurück ins Frankreich vor und nach dem Krieg: auf das «liebe kleine Mädchen» von einst, dessen behütete Kindheit endete, als das Schloss von der SS besetzt und die Familie auseinandergerissen wurde. Und später dann auf die zu früh erwachsen gewordene Rückkehrerin, deren Erinnerungen «niemand wollte» und die zeitlebens dachte, es sei ihre Schuld, dass er, der Vater, nicht zurückgekehrt war.

Denn er war es, den die später auseinanderbrechende und suizidale Familie dringender gebraucht hätte – nicht sie, Marceline. Und «wenn er überlebt hätte, wären wir zwei gewesen, die wussten». Dass das Mädchen Birkenau überhaupt überlebt hat und schliesslich in Bergen-Belsen landete, wo es «kein Gas mehr gab, nur die übliche Barbarei», ist einer Reihe von glücklichen Umständen zu verdanken – und ihrem Überlebenswillen und Mut. Und doch fragt sich die Überlebende, die nicht mehr in normalen Betten schlafen kann: «Warum war ich, in die Welt zurückgekehrt, unfähig zu leben?»

Kein Trost, aber weniger Beklemmung

Wenn die schmale, rothaarige Frau, die mit ihrer kleinen Gestalt kokettiert, im jüdischen Museum über diese Zeit spricht, wird sie langsamer, als ob sie sich erst zurückversetzen müsste. Sie habe immer gewusst, dass ihr Vater nicht zurückkehren würde, sagt sie, auch als ihre Familie noch darauf gehofft habe. Das Wort «Deportierte» mag sie nicht, sie bevorzugt «Überlebende». Den Namen ihrer Ehemänner habe sie angenommen wegen des schwelenden Antisemitismus im Nachkriegsfrankreich: «Rozenberg war nicht opportun damals.»

Was sie mit ihrem schmalen Buch als Erbe im Sinn Kertész’ hinterlässt, ist eine literarische Rarität und ragt heraus aus der Holocaust-Erinnerungsliteratur des letzten Jahrzehnts. So wenig ambitioniert dieser Brief auch erscheint, ist er sprachlich ungewöhnlich eindringlich und vergegenwärtigt das Geschehen. Es ist, als lege sich über die schmerzhaft genau beschriebene Anschauung der Zeitzeugin ein Firnis der Selbstverständigung. Im Du des Vaters, im Spiegel des toten anderen findet die Autorin Ruhe: «Dir zu schreiben hat mir gutgetan.» Es tröstet sie nicht, mildert aber die Beklemmung.

Den letzten Ausschlag, dieses Buch zu schreiben, gaben die Anschläge vom 11. September 2001. So schreibt sie an ihren Vater: «Zwei von Terroristen gesteuerte Flugzeuge sind in die zwei höchsten Wolkenkratzer von New York gerast, (…) ich sah, wie die Leute aus den Fenstern sprangen, um den Flammen zu entgehen, und in mir ist alles zerrissen, aber es hat sich auch alles geklärt, die Illusionen, die ich noch hatte, fielen ab wie eine tote Haut, ich weiss nicht, ob der Horror den Horror wiedererweckt hat, doch von diesem Tag an habe ich gespürt, wie viel mir daran lag, Jüdin zu sein.» Pessimistisch gibt sie in Berlin zu Protokoll: «Ich weiss, wozu Menschen fähig sind. Und vielleicht steht uns das Schlimmste noch bevor.»

So hat sie als eine der 76 500 französischen Jüdinnen und Juden, die nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden und von denen heute nur noch 160 am Leben sind, den «Auftrag» am Ende doch noch angenommen, wohl wissend, wie schwer es ist, etwas zu übermitteln, «was wir uns selbst kaum erklären können». Ihr jedenfalls ist es auf eindrucksvolle Weise gelungen.

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