Primo Levi (1919–1987) : «Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen»

Nr.  14 –

Die Pflicht, Zeugnis abzulegen – sie trieb den Holocaustüberlebenden Primo Levi zeit seines Lebens um. Einfach hat er es sich dabei nie gemacht.

Vor dreissig Jahren, am 11. April 1987, starb der italienische Schriftsteller Primo Levi im Alter von 67 Jahren. In seinem Turiner Wohnhaus stürzte er von der dritten Etage in den Treppenschacht. Da er keinen Abschiedsbrief hinterliess, war in Nachrufen von einer «depressiven Kurzschlusshandlung» die Rede. Nicht nur seine Witwe, auch andere Weggefährten glaubten an einen Unfall. Sicher ist: Primo Levi war ein Opfer des nazistischen Völkermords an den europäischen Jüdinnen und Juden. Er entstammte einer liberalen jüdischen Familie, hatte in Turin studiert und als Chemiker gearbeitet, bevor er sich im Herbst 1943 einer bewaffneten Widerstandsgruppe anschloss. Ende 1943 nahm ihn die faschistische Miliz gefangen, im Februar 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert.

Bis zu seinem Tod setzte sich Primo Levi mit der Schoah auseinander – in Büchern, Interviews und Zeitungsartikeln, aber auch als Zeitzeuge in Schulen. Seine klare politische Botschaft, die er stellvertretend für andere Überlebende formulierte, lautete: «Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.»

«Ist das ein Mensch?»

Den Traum von seiner Rettung hatte er in Auschwitz oft geträumt: «Ein intensives, körperliches, unbeschreibliches Wonnegefühl ist es, in meinem Zuhause und mitten unter befreundeten Menschen zu sein und über so vieles berichten zu können. Und doch, es ist nicht zu übersehen, meine Zuhörer folgen mir nicht, ja sie sind überhaupt nicht bei der Sache: Sie unterhalten sich undeutlich über andere Dinge, als sei ich gar nicht vorhanden. Meine Schwester schaut mich an, steht auf und geht, ohne ein Wort zu sagen.» Dieser Traum erwies sich als ziemlich realistisch. Levi liess sich davon aber nicht entmutigen, sondern «erzählte mündlich und schriftlich so viel, dass es mir schwindelte und dass allmählich ein Buch daraus entstand». Schon im Januar 1946 beendete er «Se questo è un uomo» («Ist das ein Mensch?»), das 1947 in einer Auflage von 2500 Exemplaren gedruckt wurde.

Dieses, sein bekanntestes und wichtigstes Werk, beginnt wie ein Bericht: «Am 13. Dezember 1943 wurde ich von der faschistischen Miliz festgenommen.» Als Partisan werde er sofort an die Wand gestellt, als Jude aber bis Kriegsende interniert, versichern die Faschisten. Levi gibt sich als Jude zu erkennen, «teils aus Müdigkeit, teils aus unvernünftig stolzem Aufbegehren». Er wird in das Sammellager Carpi bei Modena gebracht, das wenig später der SS übergeben wird. Am 22. Februar 1944 werden alle inhaftierten JüdInnen – Männer, Frauen und Kinder – deportiert. Beim Verladen in die Güterwaggons gibt es die ersten Schläge: «Das war so neu für uns und so unsinnig, dass wir keinen Schmerz empfanden, weder körperlichen noch seelischen. Nur tiefe Verwunderung: Wie kann man einen Menschen schlagen, ohne zornig zu sein?» Nach der qualvollen, fünf Tage dauernden Fahrt im überfüllten Waggon folgt in Auschwitz die erste Selektion. 96 Männer und 29 Frauen des Transports wurden für geeignet befunden, eine Zeit lang «zum Nutzen des Reiches zu arbeiten». Die übrigen Menschen, mehr als 500, wurden innerhalb von zwei Tagen ermordet.

Primo Levi kommt nach Monowitz, sieben Kilometer entfernt vom Stammlager Auschwitz. Dort lässt die IG Farben Zwangsarbeiter eine Chemiefabrik errichten, in der synthetischer Gummi hergestellt werden soll (was bis Kriegsende nicht gelingt). Essen wird für die schwer arbeitenden Gefangenen zum Lebenszweck. Um bei den Selektionen nicht als zu schwach aussortiert zu werden, müssen die Gefangenen sich zusätzliche Rationen der völlig unzureichenden Verpflegung (vor allem Brot und Suppe) verschaffen: durch Diebstahl oder durch «Handel». Primo Levi «stahl alles, ausser dem Brot meiner Gefährten».

Ein Kapitel in «Ist das ein Mensch?» trägt die Überschrift «Die Untergegangenen und die Geretteten». Im Sommer 1986 veröffentlichte Primo Levi ein Buch gleichen Titels. Es blieb sein letztes und kann auch deshalb als sein Vermächtnis gelten. Wieder geht es um Auschwitz, die Erinnerung daran, die zu ziehenden Lehren.

Zwischen Scham und Schuldgefühl

Levi widerspricht der verbreiteten These, der Nationalsozialismus sei ein «Ausbruch kollektiven Wahnsinns» gewesen. Das gelte auch für die scheinbar sinnlose Gewalt, der die KZ-Häftlinge tagtäglich ausgesetzt waren. Als Beispiele nennt er die «öffentliche und allgemeine Nacktheit» im Lager, die «absichtliche Demütigung» dadurch, dass den Gefangenen sogar Löffel vorenthalten wurden, oder die «inhaltslose, rituelle Zeremonie» der Zählappelle. «Alle diese Leiden», schreibt Primo Levi, «waren die Abhandlung eines Themas, nämlich das des vermeintlichen Rechts des Volks der Übermenschen, das Volk der Untermenschen zu knechten oder auszurotten.»

In diesem Terrorsystem war an Widerstand nicht zu denken. Und auch nicht an Solidarität: Wer überleben wollte, musste versuchen, in die Gruppe der «Privilegierten» aufzusteigen. Primo Levi zieht einen klaren Trennungsstrich zwischen TäterInnen und Opfern. Er zeigt aber auch die Problematik der «Grauzone», wo die «Privilegierten» selbst schuldig wurden. Einen Grenzfall sieht er in den Häftlingen der Sonderkommandos, die in den Gaskammern und Krematorien arbeiteten. Ihre Geschichte solle «sowohl mitfühlend als auch streng» überdacht werden, «jedoch das Urteil über sie in der Schwebe» bleiben.

Während die TäterInnen ihre Schuld verdrängen, verkleinern oder ganz leugnen, leben die wenigen «geretteten» Opfer mit einer unheilbaren Verletzung weiter. Warum empfinden viele von ihnen Scham, gar «ein Bewusstsein von Schuld»? Fast alle fühlen sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig, auch Levi, der Jahrzehnte nach seiner Befreiung an eine winzige Menge Trinkwasser denkt, die er zwar mit seinem Freund Alberto, nicht aber mit Daniele geteilt hat. Daniele überlebte das Lager, und «bei unseren brüderlichen, herzlichen Begegnungen stand jener versäumte Akt, jener nicht geteilte Schluck Wasser wie ein Schleier zwischen uns». Zwar weiss Primo Levi, dass er aufgrund einer «Häufung glücklicher Umstände» mit dem Leben davon gekommen ist. Gleichzeitig aber quält ihn der Gedanke: «Ich könnte an Stelle eines anderen leben, auf Kosten eines anderen; ich könnte jemanden verdrängt, und das heisst de facto, getötet haben.»

«Unsere moralische Pflicht»

Zu diesem Schuldgefühl hinzu kam am Ende seines Lebens eine grosse politische Enttäuschung. 1986 löste Ernst Nolte mit seiner These vom «bolschewistischen Klassenmord» als Ursache für den «nationalsozialistischen Rassenmord» den bundesdeutschen Historikerstreit aus. Gegen die Versuche, «die Massaker der Nazis zu banalisieren», protestierte Levi in einem längeren Artikel, der am 22. Januar 1987 in der Turiner Tageszeitung «La Stampa» erschien. Spürbar ist darin das – auch von anderen Schoah-Überlebenden geteilte – Gefühl, trotz aller Anstrengungen am Ende nur wenig bewirkt zu haben.

Zwei Monate zuvor hat Primo Levi seine letzte öffentliche Rede gehalten: «Die Pflicht, Zeugnis abzulegen». Er sei skeptisch gewesen, ob er die vielen jungen Leute im Publikum, die ihn unbefangen um Autogramme baten, mit seiner Botschaft erreichen könne, schreibt seine Biografin Myriam Anissimov. Die Rede endet mit den Sätzen: «Wir, die Überlebenden, sind Zeugen, und jeder Zeuge ist – sogar gesetzlich – gehalten, vollständig und wahrheitsgetreu auszusagen. Es handelt sich für uns um eine moralische Pflicht. Weil unsere schon immer kleine Gruppe immer kleiner wird.»