Nr. 05/2016 vom 04.02.2016

Dada, das heisst Frieden

Von Kaspar Surber

Seit exakt hundert Jahren wird darüber spekuliert, was das Wort «Dada» bedeutet. Als einem Freund von Wellness und Widerstand, von politischen Manifesten wie von Entspannungsbädern, Discokugeln und Tingeltangel hat mir die Redaktion freundlicherweise den Auftrag erteilt, das Rätsel zu lösen. Für mich ist der Fall völlig klar: Dada heisst Frieden.

Zeuge dafür ist Friedrich Glauser, dem man fast immer trauen kann. Glauser frönte nicht wie viele Schweizer SchriftstellerInnen der Liebe zur Form, sondern hatte ein Gespür für das Unrecht in diesem Land. Darüber wurde er zum Morphiumjunkie und reiste in Fieberträumen durch seine Zeit.

1917 fuhr Glauser mit dem rumänischen Autor Tristan Tzara nach Bern, einem Mann mit «Schnüfflerfalten zu beiden Seiten der Nase», wie es im unnachahmlichen Glauser-Slang heisst. Weil Tzara zum Krieg aufgeboten war, hatte er sich von einem Psychiater ein Gutachten beschafft, das ihm «Jugendirrsinn» attestierte. Vor den Ärzten am Inselspital spielte er seine Rolle perfekt: «Er liess das Kinn hängen und zarte Speichelfäden auf seine schiefgebundene Krawatte träufeln», schreibt Glauser. «Erst als er sicher war, dass er endgültig kriegsuntauglich war, raffte er sich zu einem Witz auf.» Auf dem Weg zur Tür drehte sich Tzara um, sprach laut: «Merde!», und zur Bekräftigung: «Dada.»

Dada, ein freudiger Ausruf über die Untauglichkeit zum Kriegsdienst.

Die Geschichtswissenschaft hat mittlerweile bewiesen, dass längst nicht alle jungen Erwachsenen dankbar niederknieten wie ihr Alterskollege Adolf Hitler, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Sie waren nicht begeistert vom Krieg, aber bereit mitzumachen: Zehn Millionen Soldaten haben auf den Schlachtfeldern ihr Leben gelassen. Auch der deutsche Dramatiker Hugo Ball meldete sich freiwillig zum Dienst, doch wurde er für untauglich erklärt. Ein Besuch bei einem verwundeten Freund an der Front veränderte seine Wahrnehmung. Als er am zweiten Abend der Künstlerkneipe Voltaire im Zürcher Niederdorf, am 6. Februar 1916, auf die Bühne trat, proklamierte Ball seinen «Totentanz», begleitet von einem «Revoluzzer-Chor»: «So morden wir, so morden wir. Wir morden alle Tage. Unsre Kameraden im Totentanz. Bruder, reck dich auf vor mir, Bruder, deine Brust. Bruder, der du fallen und sterben musst.»

Es war die verständlichste Kritik der DadaistInnen am Krieg. Ansonsten blieben sie unverstanden, wie Glauser schreibt: «Unter den Ablehnern des Krieges hatten die Dadaisten ihre eigentlichen Feinde: Gegen die ästhetischen Dadaisten zogen die Ethiker zu Felde.» Dada war die Verweigerung einer Sprache, die, verstärkt durch die Propaganda, in den Krieg geführt hatte. Dada zerhackte diese Sprache, befriedete sie im Lautgedicht: Mit Unsinn gegen den Irrsinn.

Woran sich also erinnern, wenn das Zürcher Standortmarketing, das aus dem Cabaret Voltaire längst eine schicke Kunstboutique gemacht hat, nun zu hundert Jahren Dada bläst? Man kann sich in helvetischer Neutralität üben und wie Literaturprofessor Peter von Matt den dadaistischen Gedichten eine Botschaft gegen den Krieg absprechen. Man kann wie der Theaterregisseur Milo Rau, genervt ob der Dada-Repetition an der Schule, den ziemlich lustigen Gymnasiastenscherz machen, Dada sei die Revanche der Schweiz für ihre Anarchielosigkeit. Die Kunstrichtung für all jene, die lieber über hundert Jahre alte Gymnasiastenscherze lachten, als es selbst mal krachen zu lassen.

Bloss kracht es gerade allerorten genug: Auf Syrien fallen täglich die Bomben unbestimmbarer Allianzen, der Terrorismus für einen islamistischen Staat und die rechtspopulistische Rettung des Abendlandes schaukeln sich hoch. In der Schweiz wird neues Unrecht in Gesetze gegossen, um die heutigen Tzaras und Balls aus dem Land zu jagen. Und keine Friedensbewegung nirgendwo, und alle sind im Fitnessstudio am Pumpen. So gesehen kommt das Angebot der DadaistInnen gerade recht: Masken tragen. Tänze aufführen. Sich lächerlich machen, sich zerbrechlich machen. Dada siegt!

Friedrich Glausers Zitate stammen aus dem Büchlein «Dada», erschienen im Limmat-Verlag.

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