Nr. 40/2014 vom 02.10.2014

Eine künstlerische Flucht aus der Zeit

Dada kann als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg verstanden werden. Doch die Kunst war zu radikal, um als politische Waffe zu taugen.

Von Corina Fistarol

«Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutz ist er aus ihr hervorgegangen.» Solch patriotisch-kriegerische Töne schlug zu 1914 eine Reihe deutscher Kunstschaffender und Intellektueller wie Gerhart Hauptmann und Max Liebermann an. Ihr «Manifest der 93» fand als Mittel der Kriegspropaganda im In- und Ausland Aufmerksamkeit.

Auch der Künstler und Autor Hugo Ball hatte sich 1914 für den Militärdienst eingeschrieben. Wie viele Kollegen sah er im Krieg eine Möglichkeit, aus der «verstrickten» gesellschaftlichen Situation auszubrechen. «Gibt es irgendwo eine Macht, stark und vor allem lebendig genug, diesen Zustand aufzuheben?», fragte er sich in seinem Erinnerungsbuch «Flucht aus der Zeit» (erschienen 1927).

Für einen Moment glaubte er, diese Kraft im Krieg zu finden. Doch kaum hatte er die ersten Soldatengräber gesehen, bezeichnete er den Krieg als Irrtum und floh nach Zürich, wo viele Intellektuelle und KünstlerInnen jener Zeit Zuflucht fanden. Er veranstaltete kleine Protestaktionen gegen den Krieg, versenkte etwa Tapferkeitsmedaillen im Zürichsee.

Zusammen mit Hans Arp und anderen Kulturschaffenden suchte Hugo Ball nach einer elementaren Kunst, die den Menschen vom Wahnsinn der Zeit heilen sollte. «Angeekelt von den Schlächtereien des Weltkriegs, gaben wir uns in Zürich den schönen Künsten hin. Während in der Ferne der Donner der Geschütze rollte, sangen, malten, klebten, dichteten wir aus Leibeskräften», erinnerte sich Arp in «Die Geburt des Dada» viele Jahre später. Am 5. Februar 1916 hatte er mit Ball und anderen KollegInnen in Zürich das «Cabaret Voltaire» gegründet. «Jedes Wort, das hier gesprochen und gesungen wird, besagt, dass es dieser erniedrigenden Zeit nicht gelungen ist, uns Respekt abzunötigen. Was wäre auch respektabel und imponierend an ihr? Ihre Kanonen?»

Die Dadaisten wollten Hierarchien auflösen und gesellschaftliche Werte sprengen. «Wir jungen Leute kamen wie betäubt aus dem Krieg zurück, und unsere Empörung musste sich irgendwie Luft machen», so Max Ernst im Film «Max Ernst. Entdeckungsfahrten ins Unbewusste» (1963). «Dies geschah ganz natürlich mit Angriffen auf die Grundlagen der Zivilisation, die diesen Krieg herbeigeführt hatte, Angriffen auf die Sprache, Syntax, Logik, Literatur, Malerei.» Dada kämpfte gegen die Aufklärung und ernannte Immanuel Kant zu ihrem Erzfeind. Mit seiner Erkenntnistheorie habe dieser, so Ball, «die preussische Staatsraison zur Vernunft erhoben und zum kategorischen Imperativ, dem sich alles zu unterwerfen hat». Auch Kunst, Philosophie, Musik, Religion seien intellektualisiert und vernünftig geworden. Er wolle die Unvernunft und das Magische wieder ins Bewusstsein bringen, sagte Hugo Ball, und tat das mit seinen sinnentleerten Lautgedichten.

Die DadaistInnen stellten die bisherige Kunst infrage, indem sie deren Abstraktion und Schönheit durch satirische Überspitzung zu reinen Unsinnsammelsurien machten. Die semiotische Abstraktion des Dadakreises war aber zu radikal, als dass er eine politische Waffe gegen den Ersten Weltkrieg hätte sein können. Denn die Absurdität und Sinnlosigkeit ihres Ausdrucks verunmöglichte es den DadaistInnen, eine Botschaft zu formulieren.

Am 12. April 1918 wurde das «Dadaistische Manifest» in Berlin von Richard Huelsenbeck verlesen. Es enthält die wichtigsten Absichten der Zürcher und Berliner DadaistInnen: die unbeirrte Auseinandersetzung mit der «brutalen Realität» und das «simultane Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhythmen». Weitere Dadabewegungen entstanden in New York, Wien, Paris und verschiedenen deutschen Städten. Doch kaum begann sich der Dadaismus zu festigen, riefen ihre ProtagonistInnen dazu auf, diese Ordnung wieder zu vernichten. Das machte Dada wieder zu dem, was es sein wollte: Antikunst, die unklassifizierbar blieb.

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