Nr. 08/2016 vom 25.02.2016

Der Sinn der Splitterbombe

Das Landesmuseum widmet dem Dada-Jubiläum eine viel gelobte Ausstellung. Diese drischt kräftig Phrasen – wo Dada doch gerade auch ein Protest gegen Worthülsen war.

Von Marcel Hänggi

Verstehen Sie das: «jolifanto bambla ô falli bambla grossiga m’pfa habla horem»? Natürlich nicht: Das ist der Anfang von Hugo Balls Dada-Gedicht «Karawane». Verstehen Sie das: «Hundert Jahre Dada. Der Vergleich zwischen heute und damals zeigt: Krisen und Katastrophen, Technikeuphorie und Allmachtsphantasien führen zu Ekstasen und Radikalisierung»? Das ist ein Text in der Ausstellung «Dada Universal» im Zürcher Landesmuseum. Verstehen Sie ihn tatsächlich?

Es könnte durchaus Konzept sein, dass sinnlose Texte eine Ausstellung über eine Kunstrichtung begleiten, die selbst den «Ohne-Sinn» feierte. Fast schon dadaistisch mutet im Landesmuseum an, dass die Objekttexte so vor den Vitrinen auf den Boden gedruckt sind, dass man sie, um die Objekte in den Vitrinen genau zu betrachten, betreten muss – was jeden weiteren Zuschauer daran hindert, sie zu lesen. Fast schon dadaistisch auch die Metaphernkollision im Text über den Marquis de Sade lesenden Hugo Ball: «Die Wucht der verdrängten Triebe und der Sexualität sollen [sic] das Spielfeld bilden, auf dem die Männer ihre Aggression lustvoller abreagieren als auf dem Schlachtfeld.» Die Wucht als Spielfeld – jetzt aber!

Ewige Rätsel

Wahrscheinlich kann und soll man Dada nicht erklären. Aber das eine oder andere hätte man über diesen «wichtigsten Beitrag der Schweiz zur Kunstgeschichte» doch gerne erfahren, ganz undadaistisch und bieder. Umso ärgerlicher sind die Worthülsen der Kuratoren, haben die DadaistInnen mit ihren Sprachverstümmelungen doch gerade gegen hohle Phrasen protestiert.

Im Vergleich zur Kriegspropaganda, vor deren Hintergrund Dada stattfand, scheint harmlos, was heute geschrieben wird. Allerdings ist es das nicht immer: So gibt es eine Vitrine zum Gedicht des Surrealisten Louis Aragon mit dem Titel «Suicide», das schlicht aus den aufgereihten Buchstaben des Alphabets besteht. Das Alphabet, lernen wir, könne «nicht mehr zu einem Sinn zusammengesetzt werden. Es endet mit dem ewigen Rätsel von ‹XYZ›.»

Rund um den Zettel sind die Splitter einer Splitterbombe assortiert, und damit man den Assoziationen der Kuratoren folgen kann, lesen wir: «Auch in der Splitterbombe machen die Einzelteile wie im Alphabet keinen Sinn mehr.» Entschuldigung: Sinn «macht» diese Bombe gerade dadurch, dass sie in ihre Einzelteile zersplittert, und dieser Sinn ist kein suizidaler, sondern ein homizidaler: Die Splitter sollen töten. An dem Vergleich, der hier zur Installation wird, ist nicht nur alles schief: Die Gleichsetzung von tödlichen Eisenfragmenten mit sinnlosen Buchstaben verharmlost letztlich den Krieg.

Die hohle Sprache ist nicht nur besonders ärgerlich, weil gerade für Dada die Auseinandersetzung mit der Sprache so wichtig war. Zugleich zeigt sich hier auch ein Malaise, das in den deutschsprachigen Museen weitverbreitet ist. Wenn die Sprache Kenntnisse voraussetzt, über die ein grosser Teil des Publikums wahrscheinlich nicht verfügt, lassen sich auch die Objekte nicht verstehen. Etwa ein Ausschnitt aus der Diskussionssendung des Schweizer Fernsehens zu den 1980er-Jugendunruhen mit «Herrn und Frau Müller». Sie wissen, welche? Gut. Sie wissen es nicht? Dann können Sie mit dem Ausschnitt auch nicht viel anfangen. Man hat das in Ausstellungsbesprechungen als Einladung zum freien Assoziieren gelobt. Aber selbst Dada sollte keinen Ausstellungsmacher vom Zu-Ende-Denken entlasten dürfen.

Zur Karikatur verkürzt

Man mag sich wundern, kennt man die Kuratoren doch als sprachmächtig: Stefan Zweifel, den De-Sade-Übersetzer und Essayisten; Juri Steiner, den Bachmann-Preis-Juror und «Sternstunden»-Moderator. Aber hier liegt vielleicht gerade der Hund begraben. KuratorInnen stecken häufig zu tief im Thema drin, um von der eigenen Wissensfülle abstrahieren zu können. Und selten sind sie sich bewusst, dass Museumstexte eine Textsorte mit eigenen Regeln sind. Man wagt es kaum zu schreiben, so trivial ist es: Die Lesesituation im Museum unterscheidet sich von der im Ohrensessel, in dem man das Feuilleton liest – und erfordert eine andere Sprache.

Das heisst unter anderem, dass die Texte kurz sein sollen. Das immerhin hat man hier begriffen. Aber wenn der Feuilletonstil beibehalten wird, kann er in der gebotenen Kürze zur Karikatur seiner selbst werden («Emmy Hennings, Sophie Taeuber-Arp und Mary Wigman spurten als Frauen [!] der Performance-Kunst vor und tanzten im Cabaret Voltaire und auf dem Monte Verità im Tessin gegen den Panzer der Krieg führenden Männer an.»). Oder der Stil wirkt einfach nur noch banal. So erfährt man, Marcel Duchamp habe mit seinem Velorad-Readymade «bereits vor dem Krieg gezeigt: Der Mensch ist nur noch ein sinnloses Rad, die Technik ein Leerlauf.»

Man dürfe nicht erwarten, alles verstanden zu haben, wenn man die Ausstellung verlasse, sagt die Museumsführerin am Anfang: So sei das eben mit Dada. Allerdings kam es im Cabaret Voltaire vor, dass das Publikum die KünstlerInnen von der Bühne jagte. Dieser Spass bleibt dem Publikum des Landesmuseums verwehrt.

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