Nr. 05/2016 vom 04.02.2016

Wundersame Wandlung

Wie aus dem rassistischen Minister Adriaan Vlok ein humanitärer Aktivist geworden ist – und warum er aller Reue zum Trotz jetzt doch noch einmal angeklagt wird.

Von Nicole Macheroux-Denault, Olievenhoutbosch

Er kichert. Es ist ein unterdrücktes Lachen von ganz tief innen, das den Oberkörper des 78-Jährigen erbeben lässt. Adriaan Vlok steht auf dem Hof seines Hauses nahe der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria und begutachtet einen Autoanhänger, der bis an den Rand mit abgepackten Lebensmitteln gefüllt ist. Brot, Kuchen, Donuts, sogar Würstchen und in Klarsichtfolie eingewickelte Styroporpakete mit halben Hähnchen und Kartoffelsalat. «Wir haben mehr als genug Lebensmittel.» Vlok dreht sich dem schmächtigen Mann zu, der den Anhänger hergefahren hat. Die beiden Männer organisieren Essen für die BewohnerInnen einer Township am äussersten Rand Pretorias. «Chris, du bringst diese Sachen ans andere Ende der Stadt. Wir fahren nach Olievenhoutbosch.»

Chris, der mit vollem Namen Ernst Friedrich Christof Wehrmann heisst, nickt. «Jawohl!», sagt er und salutiert. Da muss Adriaan Vlok wieder kichern. Sympathisch eigentlich. Gäbe es da nicht eine wichtige Zusatzinformation: Bis 1991 war Adriaan Vlok Minister für öffentliche Ordnung im einstigen Apartheidsystem und Chris Wehrmann einer seiner Generäle. Vlok sah in den Rassengesetzen die moralische Grundlage für eine verantwortungsvolle Regierungsführung. Die ihm unterstehende Polizei nutzte diverse dubiose Spionagetechniken, um GegnerInnen der Apartheid auszuschalten. Er richtete eine geheime Einheit zur Aufstandsbekämpfung ein, die RegimekritikerInnen verhörte, einige sogar ermordete. Wehrmann gehörte zu seinen treusten Schergen, wie Adrian Vlok lächelnd bestätigt. «Er war mir früher bedingungslos treu. Heute arbeiten wir wieder Seite an Seite.» Zwei professionelle Rassisten, deren Wandlung seltsam anmutet.

«Jetzt lebe ich Liebe»

«Ich war fest davon überzeugt, dass Weisse besser als Schwarze sind. Die Apartheid war für mich das einzig richtige System. Ihm habe ich mit voller Überzeugung gedient», sagt Adriaan Vlok, während er mühsam in seinen voll beladenen Kastenwagen einsteigt. «Aber ich habe mich geirrt.» Er fällt buchstäblich in den Fahrersitz und sagt dann lächelnd: «Jetzt sammle ich Essen und bringe es hungrigen Menschen. Jetzt lebe ich Liebe.» Vlok ist ein «born again Christian». Er hat Jesus für sich entdeckt und schwört nun auf die Bibel. «Adriaan tut nicht nur heute Gutes», sagt Exgeneral Wehrmann, der in seinem «neuen Leben» christliche Motivationskurse gibt. «Adriaan hat damals auch gemeint, Gutes zu tun. Aber früher war halt alles anders.» Vlok lässt den Motor anspringen und knattert langsam durch das Tor hinaus auf die befahrene Hauptverkehrsstrasse vor seinem Haus. «Wir sind stolz auf ihn und auf das, was er jetzt tut», fügt Wehrmann an.

Von Beginn an hat Vlok seine Wandlung gekonnt in Szene gesetzt. 1989, während seiner Zeit als Minister, hatten Polizisten versucht, den damaligen Generalsekretär des südafrikanischen Kirchenrats zu vergiften. Auf dem Flughafen der namibischen Hauptstadt Windhoek öffneten sie den Koffer von Frank Chikane und tränkten dessen Kleidungsstücke in Gift. Der Kirchenmann erkrankte schwer, überlebte das Attentat allerdings. Vlok verschwieg seine Beteiligung an der Tat, bis verschiedene ZeugInnen sie belegten. In einer dramatischen symbolischen Geste wusch er 2006 um Vergebung bittend Reverend Chikanes Füsse. Dieser war inzwischen Berater des damaligen südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki und akzeptierte Vloks Entschuldigung öffentlich.

Für grausame Taktiken bekannt

«Als ich aus der Politik ausgestiegen bin, hatte ich Angst um mein Leben», sagt Vlok, während er den Wagen mit ruhiger Hand steuert. «Aus gutem Grund: Ich habe Morddrohungen bekommen.» Ein Ausstieg aus freiem Willen war es aber nicht. Der für seine grausamen Taktiken bekannte Minister für öffentliche Ordnung wurde entsorgt, Schritt für Schritt, zuerst aus den eigenen Reihen. Südafrikas letztem Apartheidpräsidenten, Frederik Willem de Klerk, war Vlok dann doch zu heftig. Er enthob ihn 1991 seines Amtes als Polizeiminister und degradierte ihn zum obersten Verwalter der Gefängnisse. Es hat Jahre gedauert, bis sich Vlok mit dem neuen Südafrika arrangieren konnte.

«Anfangs trug ich immer einen Revolver bei mir, als ich in die Townships fuhr.» Heute hält Adriaan Vlok, der bis zu seinem 25. Lebensjahr kein Wort mit einem dunkelhäutigen Menschen gewechselt hatte, jeden Dienstag an der Eingangsstrasse zur Township Olievenhoutbosch an und betet. «Ich bitte Gott, mich vor Angreifern zu schützen», erklärt er. «Mit meinem Revolver komme ich gegen die schweren Waffen, die da drin kursieren, sowieso nicht an.»

Vlok arbeitet schwer für eine Absolution, für einen Platz im Himmel. Die Woche über sammelt er in Supermarktketten Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum ein, lagert sie in grossen Kühlschränken, die er überall in seinem Haus aufgestellt hat. Körperlich strengt es den alten Mann merklich an, wenn er Kisten hebt und schleppt. Fünf Anlaufstellen hat er. Die ersten zwei sind private Kindertagesstätten. Die Kleinen wissen schon, dass der alte Mann im weissen Lieferwagen kistenweise Süssigkeiten für sie bringt. Sie winken und jubeln Adriaan Vlok zu. Er badet in ihrer Mitte mit Hi-Fives, Fingerdrücken und viel Gekicher. «Bei ihnen habe ich keine Vergangenheit», sagt der von mehr als zwanzig Kindern umringte Vlok. «Hier habe ich eine weisse Weste, und das ist wunderbar.» Auch die neue Kindergärtnerin weiss nicht, wer Adriaan Vlok ist – oder war. «Er kommt einmal in der Woche», sagt sie. «Mehr weiss ich nicht.» Ihre Chefin hat ihr nicht erzählt, dass dieser alte Mann der notorische Adriaan Vlok ist. «Ach, das ist doch alles vorbei», meint sie. «Wir freuen uns über seine Spenden.»

Der dunkelhäutige Christu Blom ist da etwas nachdenklicher. Der 47-Jährige sitzt seit einigen Jahren im Rollstuhl. Er wurde bei einer Schiesserei schwer verletzt. Eine Kugel traf ihn in den Rücken, seitdem ist er arbeitsunfähig und auf Almosen angewiesen. «Seit sechs Jahren unterstützt mich Adriaan», erzählt er. Erst vor einigen Monaten hat sich Vlok geoutet. «Ich habe viel darüber nachgedacht», sagt Blom. «Doch ich habe beschlossen, niemandem davon zu erzählen – aus Sicherheitsgründen.» Viele in seiner Nachbarschaft würden das Apartheidregime für ihre jetzige schlechte Lage verantwortlich machen, flüstert Christu Blom. «Da weiss man nie. Ich will nicht, dass Adriaan etwas zustösst.»

Unwahr vor der Wahrheitskommission

Vlok war der erste Minister des früheren Apartheidregimes, der sich für begangene Verbrechen verantworten musste. Seinem Amnestieantrag wurde stattgegeben. Doch als sich herausstellte, dass er vor der Versöhnungskommission einige wichtige Fakten verheimlicht hatte, wurde ihm der Prozess gemacht. Das Gericht verurteilte ihn wegen seiner Beteiligung am Mordanschlag gegen Reverend Chikane zu einer zehnjährigen Bewährungsstrafe. Diese milde Strafe löste landesweite Empörung aus, obschon sie eine der höchsten war, die im Rahmen der Versöhnungsgerichte verhängt wurden. Vlok wusch ihm darauf hin um Vergebung bittend und medienwirksam die Füsse.

Noch Mitte Januar hat sich Adriaan Vlok zuerst via Radio, eine Woche später persönlich bei Moeletsi Mbeki, dem Bruder des früheren Präsidenten Thabo Mbeki, für den Schmerz entschuldigt, den er ihm und vielen anderen Menschen während der Apartheid angetan hatte. Doch ganz straffrei wird er vielleicht trotz aller Reuebekenntnisse nicht davonkommen. Am 2. Februar hat das Anti-Rassismus-Aktionsforum, eine aus der panafrikanischen und antikapitalistischen Partei Economic Freedom Fighters hervorgegangene NGO, eine Klage gegen Vlok und den früheren südafrikanischen Präsidenten Frederik Willem de Klerk eingereicht. Insgesamt 22 Strafanzeigen wegen Verbrechen gegen die schwarze Bevölkerung während des Apartheidregimes wurden eingereicht – auf den Tag genau 26 Jahre nach der Ankündigung de Klerks, das Verbot des ANC aufzuheben und Nelson Mandela aus der Haft zu entlassen. Vlok und de Klerk sollen für Verbrechen angeklagt werden, für die sie vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission keine Amnestie erhalten hatten.

Eine gewisse Wandlung hat Adriaan Vlok aber in den letzten 26 Jahren sicher durchgemacht. Nachdem seine Frau infolge einer schweren Depression gestorben war, ging er regelmässig zu christlichen Veranstaltungen. Eine Frau erzählte ihm damals, in der Bibel stehe, dass alle Menschen gleich seien. Vlok schüttelt den Kopf. «Ich habe die ganze Nacht gesucht und die Bibelstelle tatsächlich gefunden.» Während der letzten Jahrzehnte hatte er kein Argument gegen die Rassendiskriminierung gelten lassen. Doch die Bibel überzeugte ihn. Seine innerliche Wende hinterfragt er nicht. «Ja, es gab Tote. Aber ich kann nicht sagen, dass weniger Menschen gestorben wären, wenn ich diese Erkenntnis schon vorher gehabt hätte», meint er. Er hält ein paar Minuten inne. «Hätte ich es früher verstanden, hätte ich einfach besser regiert.»

Noch immer «wir» und «die anderen»

Sein Kollege, der ehemalige General, fasst die Situation pikanter zusammen: «Die Schwarzen können nicht ohne uns, und wir können nicht ohne sie.» Wehrmann, der dreissig Jahre in der Armee war, spricht perfekt Deutsch – ein Relikt seiner namibischen Herkunft. Er nennt Namibia immer noch Deutsch-Südwest, und Koexistenz ist sein Lieblingsthema. «Wir sind der Meinung, dass Gott uns mit einer Mission nach Afrika geschickt hat. Wir haben alles getan, um Dritte-Welt-Bedingungen auf Erste-Welt-Standards zu heben.» Wehrmann nimmt seinen Hut ab. «Wir haben nur vergessen, das Erreichte mit den anderen zu teilen. Das war nicht gut.» Von verschiedenen Welten, von «uns» und «den anderen», spricht er aber nach wie vor.

Adriaan Vlok meint heute noch, viel Gutes für Südafrikas Polizei getan zu haben. Disziplin und Motivation waren sein Credo. «Wenn ich noch etwas zu sagen hätte, würde ich versuchen, unsere jetzigen Polizisten zu motivieren. Die kommen gegen die wachsende Kriminalität gar nicht mehr an.» Rat und Tat hat Vlok jede Menge. «Aber niemand fragt mich. Sie laden mich noch nicht einmal zu unserem Nationalen Tag der Polizei ein», sagt er auf dem Rückweg nach Hause. «Das ist sehr traurig. Aber was kann ich tun?» Dass seine Art von Führung nicht nur aus politischen oder ethischen Gründen nicht mehr opportun ist, scheint ihm entgangen zu sein.

Plötzlich zwingt ihn ein Streifenwagen, anzuhalten. Der junge schwarze Polizist verlangt den Führerschein. «Bitte schön!», sagt Adriaan Vlok brav und reicht dem «officer» auch gleich seine Visitenkarte. Sein Name steht in grossen Lettern darauf und «Vergebung». Der Polizist liest den Namen laut vor, Vlok schaut ihn lächelnd an und wartet auf ein Zeichen des Erkennens. Doch der Beamte hat keine Ahnung, wen er vor sich hat. Eine kurze Reifenprüfung, und dann kann Vlok weiterfahren. «Er war einfach zu jung», brummelt Vlok. «Der hat mir nicht vergeben. Er hat mich einfach nur vergessen.»

Nicole Macheroux-Denault arbeitet als Journalistin in Südafrika.

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