Nr. 11/2010 vom 18.03.2010

Das Tor zur inneren Freiheit

Die Medien werden vor der Fussballweltmeisterschaft Südafrika beleuchten – und dabei vieles ausblenden. Der «Zeit»-Autor Bartholomäus Grill hat genau hingeschaut.

Von René Martens

Zu den wichtigsten Büchern, die Bartholomäus Grill in jüngerer Zeit gelesen hat, gehört «Architects of poverty» von Moeletsi Mbeki. Mbeki ist in seinem Land ein prominenter Autor. Er ist der Bruder des früheren südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki, den er oft scharf kritisiert hat.

Moeletsi Mbeki hat früher für die BBC gearbeitet, er war Medienberater der Regierungspartei ANC und führt derzeit die südafrikanische Filiale der TV-Produktionsfirma Endemol. Im Kapitel, das Grill besonders beeindruckt, beschreibt Mbeki, dass nach dem Ende des Apartheidregimes die alten südafrikanischen Eliten keineswegs ihre Macht eingebüsst haben. Vielmehr sei es ihnen gelungen, «Führer des schwarzen Widerstands» aus dem Umfeld des ANC «zu kooptieren und sie im wahrsten Sinne des Wortes zu kaufen, um letztlich den ANC von radikalen wirtschaftspolitischen Massnahmen, etwa der Verstaatlichung wichtiger Industriezweige, abzuhalten». Bereits lange vor dem Ende der Apartheid habe das weisse Establishment überlegt, wie es in dem neuen System seine Stellung bewahren könne.

Eurozentrische Herablassung

Bartholomäus Grill, der in Johannesburg lebende Afrika-Korrespondent der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit», redet viel über das Buch des Kollegen Mbeki, obwohl er selbst gerade eines veröffentlicht hat: «Laduuuuuma! Wie der Fussball Afrika verzaubert.» Im Gespräch erwähnt er «Architects of poverty» so ausführlich, weil er befürchtet, dass die Weltöffentlichkeit im Zuge der Fussball-WM von Südafrika ein Bild bekommen wird, in dem zahlreiche gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte kaum vorkommen werden.

Viele Medien planen zwar Afrika-Schwerpunkte. Denn dank des Fussballs wird vorübergehend nicht nur die Aufmerksamkeit für das Veranstalterland gross sein. Die Aufmerksamkeit richtet sich dann auf einen ganzen Kontinent, der sonst nur durch Kriege, Krankheiten oder Naturkatastrophen in die Schlagzeilen gerät. Es ist aber unwahrscheinlich, dass es in der Berichterstattungsoffensive um die wenigen schwarzen Milliardäre Südafrikas gehen wird, die sich als starke Verbündete der weissen Eliten erweisen. Heute warten sie bloss noch gelegentlich mit der alten Befreiungskampfrhetorik auf, um jene zu beschwichtigen, die arm geblieben sind.

In der Südafrika-Berichterstattung der letzten Monate ist Grill vor allem die eurozentrische Herablassung aufgefallen – unter anderem in Artikeln über das Organisationstalent der Südafrikaner. «Dieses Land hat eine bessere Infrastruktur als zum Beispiel Rumänien», sagt Grill. Generell sei den meisten westlichen MedienkonsumentInnen «das neue urbanistische Afrika» kaum bekannt. Grill kritisiert auch, dass in den Redaktionen der Fernsehsender Bilder von brennenden Townshiphütten besonders beliebt sind. «Südafrika befindet sich nicht im Kriegszustand», sagt er leicht sarkastisch.

KritikerInnen fragen, ob ein Staat, der von derart grossen sozialen Problemen geprägt sei, den Bau von Stadien finanzieren soll, die nach der WM nur selten ihren Zweck erfüllten. Zumal die Zuschauerzahlen der Premier Soccer League in der Regel nur vierstellig sind. Diesen Einwand kann Grill nur bedingt nachvollziehen. Letztlich habe jedes Land objektiv dringendere Bedürfnisse, als eine internationale Sportgrossveranstaltung auszurichten. Das gelte auch für ein reiches Land wie Deutschland, wo 2006 die letzte Fussball-WM stattfand.

Eine Gefängnisliga

In seinem Buch arbeitet Grill heraus, wie eng Fussball und Politik miteinander verquickt sind. In diesem Zusammenhang rekapituliert er auch «eine der schönsten Geschichten, die die Fussballhistorie erzählt». Es geht dabei um die Bedeutung der Gefängnisliga auf der Kerkerinsel Robben Island, auf der Nelson Mandela 28 Jahre gefangen war. 21 Mannschaften kämpften in der 1970 gegründeten Liga, die in drei Spielklassen unterteilt war, um Punkte. Der umstrittene Staatspräsident Jacob Zuma erwies sich hier einst als «kompromissloser Aussenverteidiger und Abwehrchef». Auch der spätere Sportminister Steve Tshwete kickte mit. «Soccer took our mind away», sagt ein ehemaliger Gefangener. Der Sport lenkte die Gefangenen also vom täglichen Horror ab. «Fussball spendete den Gefangenen Hoffnung, er stärkte Körper und Geist, er einte sie im Kampf gegen die inhumanen Haftbedingungen. Er öffnete das Tor zur inneren Freiheit», schreibt Grill.

In «Laduuuuuma!» – mit diesem Ausruf bejubelt man in Südafrika ein Tor (Laduma) – schreibt Grill auch über die Bedeutung des Fussballs in anderen afrikanischen Staaten. Im Mittelpunkt der traurigsten Geschichte steht ein Zweitligateam aus Ruanda, das sich im Zuge des Völkermords 1994 selbst zerstörte. In der Elf von Bugesera Sports standen damals fünf Hutu, fünf Tutsi und ein «Mischling».

Grill greift in diesem Kapitel auf die Erinnerungen des Spielers Evergiste Habihirwe zurück: «Als das grosse Morden begann, floh Habihirwe, ein Tutsi, zu seinem besten Freund Ndayisaba, einem Hutu. Ndayisaba war der linke Verteidiger von Bugesera Sports. ‹Als ich auf seinen Hof kam, hatte er die Machete noch in der Hand, mit der er bereits zwei Kinder in Stücke gehauen hatte.› Von Todesfurcht gepackt, versteckte sich Habihirwe in den Hirsefeldern. ‹Ich hörte, wie meine Mitspieler aus der Mannschaft um mein Haus herum Jagd auf mich machten. Es waren die, denen ich vorher die Bälle zugespielt hatte.›» Die «Wildheit», die die Spieler vorher auf dem Platz ausgezeichnet habe, hätten sie auch beim «Zersäbeln» von Fussballern, schreibt Grill. Die Episode zeigt, wie wenig sportliche Verbundenheit wert ist, sobald Ideologie ins Spiel kommt. Ihn habe die Geschichte dieser Mannschaft «ziemlich niedergeschmettert», sagt Grill.

Bei afrikanischen Fussballanhängern konstatiert der Autor grundsätzlich einen Minderwertigkeitskomplex. «Wenn im Fernsehen ein Spitzenspiel der Champions League übertragen wird, bleiben die Stadien, in denen gerade einheimische Partien laufen, leer.» Die Fans sähen die in Europa spielenden Stars als Vorbilder, sagt er. «Blättert man am Montag die Zeitungen in anglophonen Ländern wie Kenia, Nigeria, Ghana oder Simbabwe durch, findet man nur selten gute und ausführliche Berichte über die Spiele am Wochenende. Wenn man Glück hat, wird die Tabelle abgedruckt, aber sie strotzt von so vielen Fehlern, dass ihre Aussagekraft begrenzt ist. Dafür sind die Seiten mit grossen Geschichten über den britischen Fussball gefüllt.» Grill zieht Vergleiche zur Popmusik: Der senegalesische Musiker Youssou N'Dour habe in Afrika erheblich an Popularität gewonnen, nachdem er sich international durchgesetzt hatte.

Das WM-Gastgeberland indes hat derzeit keinen Weltklassespieler. Grill sagt, es wäre eine grosse Überraschung, wenn das Team die Vorrunde überstünde – denn es hat sich in diesem Jahr nicht einmal für die Kontinentalmeisterschaft qualifiziert, den African Nations Cup. Allein schon deshalb ist es unwahrscheinlich, dass das Turnier eine ähnliche gesellschaftspolitische Funktion erfüllt wie 1995 die Rugby-WM in Südafrika. Damals holte das Heimteam den Titel, und die Erfolgsgeschichte trug dazu bei, die noch junge Demokratie zu stabilisieren.

Vereinsfürst Motsepe

Immerhin ist die Soccer Premier League im innerafrikanischen Vergleich die finanziell attraktivste Liga – neben der ersten ägyptischen Liga. In Südafrika fliesst das Geld dank einiger superreicher Klubbosse: «Die spielstärksten und sportpolitisch einflussreichsten Vereine befinden sich in den Händen von Milliardären, die wie Autokraten herrschen.»

Grills Interviewanfragen bei den Bossen der Mamelodi Sundowns, der Orlando Pirates und der Kaizer Chiefs bleiben stets erfolglos. Als er versucht, einen Termin mit Patrice Motsepe, dem Präsidenten der Mamelodi Sundowns, zu bekommen, lässt Grill gegenüber dem Pressesprecher die Bemerkung fallen, dass er einmal Nelson Mandela interviewt habe. «Na und?», kontert der Vereinsangestellte. Dabei deutet er an, dass man eine finanzielle Gegenleistung für das Interview erwarte – und das, obwohl Vereinsfürst Motsepe Herr über ein Bergbauimperium ist. Es könne in Afrika aber auch vorkommen, dass sich Berichterstatter bei Verbänden nach Extrahonoraren für eine besonders wohlwollende Darstellung eines Nationalteams erkundigten, sagt Grill.

Schamlose Machenschaften

Das Problem der Korruption beschreibt der Autor anhand verschiedener Beispiele. Dubiose Machenschaften rund um den Sport gibt es auch in Europa, in vielen Verbänden und bei ihren Geschäftspartnern, aber in Afrika werde «kräftiger und schamloser zugelangt», sagt Grill. Wenn Funktionäre Verbände ausplündern, habe das hier grössere Auswirkungen, weil das Gesamtvermögen solcher Organisationen kleiner sei. Zudem gebe es weniger investigative Journalisten, die solche Vorgänge aufdecken.

Neben den vielfältigen Formen der Korruption verweist der «Zeit»-Korrespondent auf ein weiteres Kernproblem des afrikanischen Fussballs. Während man in reichen Ländern dazu neigt, den «Strassenfussball» und sonstige archaische Spielformen zu romantisieren, ist Bartholomäus Grill solche Folklore fremd. Afrikanische Kicker könnten «nicht hart und genau schiessen, weil sie immer nur barfuss gespielt haben», bemängelt Burkhard Pape, ein leutseliger Trainer aus Deutschland, der in mehreren Ländern des Kontinents arbeitete. Klingt das nicht ein bisschen klischeehaft? «Nein», sagt Grill, «wer jemals barfuss gegen einen nassen Lederball getreten hat, weiss, dass es einen grossen Unterschied macht, ob man barfuss oder mit einem geschnürten Schuh spielt.»

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