Nr. 05/2016 vom 04.02.2016

Guet!

Stefan Gärtner über Deutsch auf dem Pausenplatz (Schulhof)

Von Stefan Gärtner

«Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!» lautet eine goldene Lebensregel, und dass man die meisten Witze nicht machen dürfe, weil sie zu schlecht sind, mag ich mal gesagt haben, soll mich aber heute nicht daran hindern, diesen wirklich guten schlechten Witz zu machen, der ja nun in der Luft liegt. In der Schweizer Luft. In der guten Luft der Deutschschweiz.

In einer Schule im Solothurnischen soll nach dem Willen der Schulleitung auf dem Pausenplatz (Schulhof) nur mehr Deutsch gesprochen werden. «Wird ein Schüler oder eine Schülerin dreimal erwischt, dass sie eine andere Sprache spricht, soll er oder sie zehn Lektionen in einem Deutschkurs besuchen müssen. Die Kosten von 550 Franken müssen die Betroffenen selber bezahlen. Wer sich weigert, die Stunden zu besuchen, wird mit einer Busse bestraft» (20min.ch). Durchaus erwartbar hielt das der nächstbeste SVP-Tschooli (Volkspartei-Intellektuelle) für eine gute Idee: «Walter Wobmann ist von diesem Entscheid des Gemeinderats von Egerkingen äusserst angetan. Wie der SVP-Nationalrat in einem Interview mit Tele M1 erklärt, fordert er die Einführung dieser Regel an allen Schweizer Schulen.» Was man halt sagt, wenn man berufsmässig sofort losseicht (eine Meinung kundtut), sobald auch nur die kleinste Hoffnung besteht, irgendwelche Gigus (Wählerinnen und Wähler) seien ganz Ohr.

Denn wer im Inland ausländisch spricht, zeigt damit ja wohl, dass ihm Integration uu schnurz isch (ihn nicht kümmert) oder aber, dass er seine Muttersprache genauso liebt wie der Wobmann, auch wenn diese Liebe ächt (vielleicht) nicht auf Gegenseitigkeit beruht: «Ich habe bewiesen, dass ich die harten Brocken anpacken kann» – dabei kann einen harten Brocken nun wirklich jede anpacken, sogar viel besser als einen weichen, matschigen Brocken, solang der Brocken bloss nicht zu schwer ist! Jedenfalls packt der laut SRF (ARD) «leidenschaftliche Töfffahrer» (rücksichtslose Motorradheizer) jeden Brocken an, sofern er sich auf irgendwelche Mullahs und ihre zahlreichen Kinder werfen lässt, die jetzt gefälligst Tüütsch (Hochdeutsch) sprechen sollen, damit eine «Petz-Kultur» (SP-Präsidentin Roth) das Schulklima so richtig schön ufhellä (sonniger machen) kann: «Was bewirkt dies bei den Kindern? Die werden zu kleinen Polizisten und verpetzen andere, die ihnen auf den Wecker gehen. Und so wird Mobbing durch Mobbing bekämpft.»

Und das ist doch, mit Blick auf den starken Staat, den die SVP (AfD) anstrebt, huere guet (echt geil)! Wie es der lokalen Gemeindepräsidentin zufolge ja auch nur integrationsförderlich sein kann, «wenn alle dieselbe Sprache sprechen» (zit. nach «Aargauer Zeitung»), weswegen die Schweiz ihre Amtssprachen ja auch auf übersichtliche vier beschränkt hat.

Wer Geld hat (also ein guter Ausländer ist), kann übrigens reden, wie er mag. Im Kanton Zug (Bahn) müssen Ausländer, die sich niederlassen wollen, Deutsch können, es sei denn, sie haben genug Stutz (Zaster) bzw. «ein steuerbares», zu versteuerndes, «Einkommen von mindestens 1 Million Franken und ein steuerbares Vermögen von mindestens 20 Millionen Franken» («Neue Luzerner Zeitung»). Wie z. B. «reiche Expats aus Südafrika oder russische Investoren» (Arschgeigen), denen man aus höherem Interesse (Gier) äs biräbiräbitzäli (schamlos) entgegenkommt.

So. Und jetzt der Witz: – Ach, lassen wir das. Schlechte Witze gibts ja genug.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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