Nr. 17/2021 vom 29.04.2021

Die Schweizer Variante

Stefan Gärtner über den Sonderfall

Von Stefan Gärtner

Nach einer südafrikanischen, englischen, brasilianischen und einer indischen Coronavariante soll es nun auch eine Schweizer Variante geben, und das ist kein Witz, den sich ein deutscher Kolumnist ausgedacht hat. Coronawitze mit Schweizbezug hat er sich nämlich schon im vergangenen Oktober ausgedacht und, als die Schweiz zum Risikogebiet wurde, einen Blick ins Notizbuch gewährt («In der Schweiz geht alles so langsam, da kommt jetzt erst die erste Welle / da warten sie noch auf die spanische Grippe / da müssen sie erst einmal die Pest besiegen»), und einen Witz, selbst einen guten, ein zweites Mal zu machen, kommt eigentlich nicht infrage. Oder nur dann, wenn er wirklich, wirklich gut ist: «Keine Corona-Angst auch in der Zentralschweiz: ‹Hier ist eh alles völlig tot›».

So lange wütet das dumme Virus jetzt schon, dass es meine Witze («Tut mir leid, Schatz, ich habe meine Abstandsregel!») wie von gestern bzw. heute wirken lässt; und auch wenn die Zahl aller möglichen Witze so gut wie unendlich ist, findet der Nationalwitz seine Grenzen im Vorrat an Klischees («Maskentragen in der Schweiz, so ein Schwachsinn. Die kriegen doch da eh den Mund nicht auf, odrr»), und Wortspiele («Neue Schweizer Käsespezialitäten für Corona-Ängstliche: Memmentaler, Alptraumkäse, Corona-Appenzeller») brauchen Wörter, und zwar geeignete, und ich fürchte, ich habe wirklich alle gefunden («Die fünfte Amtssprache der Schweiz: Ratlosromanisch»).

Die Schweizer Variante – vielleicht können wir Freunde der humoristischen Verkürzung daraus lernen, dass die Schweiz nur eine Variante ist, eine Sonderform zwar, aber doch vom selben Stamm wie alle. Zwar ist Ueli Maurer ein lustiger Spezialfall, etwas, das auf den ersten Blick wie ein kompletter Irrweg, ja eine Sackgasse aussieht, und doch teilt sich der beliebte Spitzenpolitiker mit George Clooney, Ruedi Widmer oder mir rund 80 Prozent der Gene, mit einem Schimpansen sogar 98,7 Prozent. Und was wir heute so selbstbewusst «Individualität» nennen, was ist das anderes als die immer neue Variante eines gesichtslosen Massenwesens? Dessen eidgenössische Variante U. Maurer zwar auf schwer einholbare Weise abbildet; und doch ist der kregle Volksparteipolitiker in allererster Linie Mensch. Oder wenigstens in zweiter.

Und sogar Roger Köppel ist ja einer, komplett mit Nase, Pullermann, Lungenflügel, und sicher ist die Variante, die er so massgeblich vorstellt, verbreiteter als andere, gewiss auch tödlicher, luftabschneidender, die Atmosphäre vergiftender; und trotzdem würde Jesus sogar ihm verzeihen, jedenfalls wahrscheinlich, und seis auch bloss aus Prinzip. Und schweren Herzens!

Nein, wir sollten absehen davon, bei Viren immer nur die Varianten zu sehen, immer nur das, was anders ist, eigentümlich, sonderbar: indisch, brasilianisch, englisch – als wäre die Frage «Wo kommst du her?» nicht allerseits verpönt. Was kann ein Virus denn für den Ort, an dem man es zuerst oder besonders häufig registriert hat? Nicht seine Abstammung ist doch von Belang, sondern das, was es in der Welt hinterlässt, seien es nun volle Intensivstationen hie oder aufgeregte Leitartikel da, die vom «moralischen Versagen» des Westens faseln («Süddeutsche Zeitung» vom 26. April), desselben Westens, der ja sonst immer sehr moralisch ist und aber bei Corona ausnahmsweise nur an sich denkt – als wäre der Westen unter Corona nicht bloss eine Variante des Westens, wie er immer war: Wer hat, der hat, und wer nicht hat, kriegt Entwicklungshilfe oder irgendwelche Impfstoffe, die in Illertissen oder Interlaken niemand haben will.

So wenig wie die Schweizer Variante, die es trösten mag, dass sie nicht unbeliebter ist, nur weil sie aus der Schweiz kommt. Verbreitet ist das Schweizer Virus in Norditalien und muss als EU-freundlich gelten. Das haben wir nun davon.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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