Nr. 17/2017 vom 27.04.2017

Zum Glück

Stefan Gärtner über einen unvollständigen Integrationsvertrag

Von Stefan Gärtner

Der «Blick», kein Wunder!, hat die Dinge im Blick: «Im Sorgenbarometer nennen die Schweizer Jahr für Jahr Ausländer als grösstes Problem. Dennoch stellt – zum Glück! – kaum jemand die humanitäre Tradition der Schweiz in Frage.» Schon gar nicht der «Blick», der, damit es fürderhin keine ärgerlichen Missverständnisse mehr gebe, einen «Integrationsvertrag» über die «Grundlagen des Zusammenlebens» präsentiert hat, der die Rechte («Das Recht steht über der Religion. Mann und Frau sind gleichberechtigt»), die Pflichten («Jeder beherrscht eine Landessprache. Jeder nimmt am Schweizer Alltag teil») und die Normen benennt («Man zeigt sein Gesicht. Man hält Ordnung, Ehrlichkeit und Anstand hoch»), die in der Schweiz verbindlich sind. Und das ist doch toll! Und wäre noch viel toller, wenn der Vertragsentwurf des «Blicks» nicht so unvollständig wäre:

Rechte: Das Recht steht über der Religion, aber nicht über dem Geld. Wenn Sie das Recht nicht oder nur in Teilen beachten oder es nach Ihren Vorstellungen, auch religiösen (Kapitalismus), formen wollen, empfiehlt es sich, viel Geld zu besitzen. Wenn Sie viel davon besitzen wollen, sollten Sie möglichst ein Mann sein, der sogenannte Gender Pay Gap beträgt in der Schweiz bis zu 25 Prozent. Im Alltag gilt freilich trotzdem, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind: Auch Männer sollen mal die Wäsche machen oder den Tisch abräumen, in der Schweiz geschieht das traditionell am Muttertag oder, kantonsabhängig, wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen. Sollten Sie nicht wissen, was an «Weihnachten» bzw. «Ostern» gefeiert wird, bitte das Internet und nicht den Mann oder die Frau auf der Strasse fragen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie nur eine vage oder irreführende Antwort erhalten («An Weihnachten ist der Osterhase geboren»), ist selbst in einem so traditions- und werteorientierten Land wie der Schweiz hoch.

Pflichten: In der Deutschschweiz ist es wichtig, eine unerlernbare Sprache aus Grunz-, Krächz- und Knurrlauten zu beherrschen, womit aber nicht die Ihre gemeint ist. Das Hochdeutsche, das Sie in einem Kurs erlernen können, wird Ihnen im Alltag nur bedingt helfen, auch viele Fernsehsendungen werden Ihnen unverständlich bleiben. Als Ausländer oder Ausländerin Schweizerdeutsch zu sprechen, kann allerdings als anmassend empfunden werden, und per Satellitenempfang Sender in vertrautem Idiom zu konsumieren, ist ein Verstoss gegen das Alltagsteilnahmegebot. In der Schweiz gilt: Wie man es macht, macht man es verkehrt!

Normen: Sollten Sie, was als Ausländer oder Ausländerin wahrscheinlich ist, Schwierigkeiten mit Ordnung, Ehrlichkeit und Anstand haben, empfiehlt sich eine Beschäftigung im Hotel- oder Bankgewerbe: Hier gelten Mondpreise oder Schwarzgeldschweinereien als Teil der nationalen Eigenart. Um zu lernen, was Anstand ist, sollten sie eine Veranstaltung der sog. Schweizerischen Volkspartei besuchen, wenn auch möglichst nicht allein und ohne provozierende Gesten (Lächeln etc.). Falls Sie keine Lust haben, Ihr Gesicht zu zeigen, müssen Sie zu einem polizeilichen oder militärischen Spezialkommando, und das lästige Gebot des Händeschüttelns können Sie umgehen, indem Sie mit angewinkeltem Unterarm «einschlagen», wie es Fussballer, Fernsehtrottel und andere (Berufs-)Jugendliche praktizieren: Ist unzivilisiert, aber man berührt sich. Ein schöner Kompromiss!

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch