Nr. 07/2016 vom 18.02.2016

Lasst Gala und Golden sterben!

Von Bettina Dyttrich

Wie das Leben ohne Antibiotika aussah, kann sich heute kaum noch jemand vorstellen. Die Angst war immer da, bei jeder ernsten Verletzung, jeder Operation: Infizierte sich die Wunde, wurde es lebensgefährlich.

Mit der Entdeckung des Penicillins in der Zeit zwischen den Weltkriegen schien die Gefahr gebannt. Doch sie kommt rasend schnell zurück: Immer mehr Bakterien sind gegen alle gängigen Antibiotika resistent geworden. Es wird wieder mehr Amputationen geben – und mehr Tote.

Wer das weiss, kann nur zum Schluss kommen: Antibiotika in der Landschaft zu verspritzen, ist keine gute Idee. Doch genau das war in den letzten acht Jahren erlaubt: Streptomycin gegen die Bakterienkrankheit Feuerbrand, die Kernobst befällt. Zwar unter strengen Auflagen, doch was die Antibiotika nur schon im komplexen Bodenleben anrichteten, weiss niemand genau. Und die Schweizer ImkerInnen mussten in den letzten Jahren siebzehn Tonnen antibiotikaverseuchten Honig vernichten.

Jetzt hat das Bundesamt für Landwirtschaft beschlossen, dieses Jahr kein Streptomycin zuzulassen. Ein kluger Entscheid. Doch viele ObstproduzentInnen könnten grosse Probleme bekommen: Die beiden am meisten angebauten Apfelsorten, Gala und Golden, sind äusserst feuerbrandanfällig. Wer grossflächig auf das Gleiche setzt, kann billiger produzieren – aber macht sich eben auch verletzlich. Die BiobäuerInnen, die kein Streptomycin spritzen dürfen, zeigen die Alternativen: Sie bauen schon heute diverse Apfelsorten an, alte und neue, die sich gegen den Feuerbrand wehren können (siehe WOZ Nr. 19/2013). Robuste Sorten züchten und viele verschiedene Sorten anbauen – das sind sinnvolle Strategien. Krankheitserreger sind komplex und entwickeln sich dauernd weiter. Darum müssen auch die Lösungen komplex sein.

Gala und Golden liegen am häufigsten im Regal. Die Leute kaufen vor allem Gala und Golden. Was war zuerst? Die meisten KonsumentInnen haben keine Ahnung von Apfelsorten (was sehr schade ist, übrigens). Sie wollen einfach Äpfel. Sind keine Gala und Golden mehr da, kaufen sie andere. Und merken dann vielleicht sogar, dass Gala und Golden todlangweilige Sorten sind.

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