Nr. 07/2016 vom 18.02.2016

Emanzipierte Wohnbaumodelle

Von Stefan Howald

Stadtplanung ist eine Frage der Macht. Deshalb war sie bislang meist Männersache. Nun präsentiert ein Buch mit Aufsätzen und Originaltexten frühe «Theoretikerinnen des Städtebaus», vor allem aus dem angelsächsischen Raum.

Ab den 1880ern entwarfen Frauen kommunale Wohnbaumodelle, um die Hausarbeit zu rationalisieren und zentral auszulagern. Das war meist mittelständisch, zuweilen auch genossenschaftlich-sozialistisch orientiert und umfasste viele utopisch-technokratische Gesellschaftsentwürfe. Solche Ideen flossen in den sozialen Wohnungsbau ein, in die «Gartenstadtbewegung» in Britannien sowie in kommunale Projekte des New Deal in den USA zwischen den Weltkriegen. Näher zur Gegenwart wird die britische Planerin Jaqueline Tyrwhitt (1905–1983) vorgestellt, die beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa und später in den USA eine wichtige Rolle spielte, bis hin zum neuen Urban Design. Deutschland rückt mit den urbanen Visionen der Roman- und Drehbuchautorin Thea von Harbou («Metropolis») auf andere Art in den Blick, und für die Schweiz werden Streiflichter auf das Auftreten von Frauen im öffentlichen Raum geworfen.

So weit, so ertragreich. Aber dann tauchen in einem Text über sowjetische Raumplanerinnen ohne kritischen Kontext stalinistische Floskeln und Konzepte zur Park- und Grünraumgestaltung auf. Und es werden österreichische Stadtplanerinnen vorgestellt, die im austrofaschistischen Ständestaat tätig waren und sich auch danach nicht durch soziales Engagement auszeichneten. Eine Aufarbeitung solcher Traditionen mag wissenschaftlich legitim sein; aber wie diese Architektinnen den «Einsatz für einen fortschrittlichen, emanzipierten Städtebau» dokumentieren sollen, bleibt rätselhaft.

Leider ist dieses Buch über ein besseres Bauen recht lieblos gebaut. Das Schriftbild in den Hauptbeiträgen ist nur schwer leserlich, bei den abgedruckten Originaltexten der Pionierinnen verliert sich der Schriftgrad im Mikrobereich, und auch die Illustrationen zu den wichtigen Wiederentdeckungen sind nicht sehr überzeugend durchs Buch gestreut.

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