Nr. 08/2016 vom 25.02.2016

Swisspassness

Stefan Gärtner über eine umstrittene Karte

Von Stefan Gärtner

Frische Paare lieben sich, und alte streiten, aber als ich meine Frau gerade erst kannte, stritten wir viel öfter als heute, und eine dieser frühen Meinungsverschiedenheiten drehte sich um meine Sympathie fürs Helvetische: Wo ich eine Willensnation mit direkter Demokratie, hervorragendem öffentlichem Design und lustigen Sprachen sah, in denen «Angriffskrieg» nur ein Wort ist, sah die Liebste denselben kapitalistischen Saustall wie anderswo auch. Ich sagte, ja, aber es sei doch ein sehr schöner Saustall! Kuck dir (sagte ich) einen Schweizer Bahnhof an, und nimm einen dieser verkommenen österreichischen! Sie: Saustall bleibe Saustall. Ich: Aber doch ein sehr aufgeräumter! Usw. Mein T-Shirt mit Schweizerkreuz trage ich in der Öffentlichkeit allerdings nicht mehr, seit mir mein Freund Ruedi steckte, das sei nicht mehr cool, sondern rechts.

Zehn Jahre ist das her, und was als «Swissness», mindestens für mich als Zaungast mit Freitag-Tasche und Parisienne im Mund, mal lääss war, hat sich als Teil derselben Rückbesinnung aufs Nationale entpuppt, wie sie in Europa bekanntlich Usus geworden ist.

«SwissPass» heisst darum seit einem halben Jahr – genauer und sprechender: dem 1. August – das, was ehedem als Generalabonnement und Halbtax gängig war und nun aber den Datenschutz auf den Plan gerufen hat, denn der Swisspass (wir schenken uns die Binnenmajuskel) wird bei jeder Kontrolle eingelesen: «Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB) Jean-Philippe Walter stört sich an der sogenannten Kontrolldatenbank. In dieser werden bei jeder Kontrolle die Uhrzeit, die Zug-/Kursnummer und die Ausweisnummer des SwissPass eingetragen. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass in der Kontrolldatenbank Bewegungsprofile entstehen würden. Die Daten werden während neunzig Tagen aufbewahrt» (20min.ch). Um, wie die SBB sagen, bei Kundenbeschwerden besser Bescheid zu wissen. Um, wie die Paranoiden sagen, für den grossen Bruder oder die Marktwirtschaft Informationen übers Reiseverhalten bereitzuhalten: «Die Datenbank dürfte bereits gut gefüllt sein: Mitte Oktober – rund zweieinhalb Monate nach der Einführung des SwissPass – zählte die Kontrolldatenbank schon 3,2 Millionen Einträge, wie es im Bericht des Datenschützers heisst» (ebd.). Das eine schliesst das andere freilich nicht aus, wie das kapitalistisch Gute ja gern einmal die Kehrseite seines Schlechten ist.

Umberto Eco ist gestorben, und wenn sein Werk um «das Lesen von Zeichen, das kulturwissenschaftliche Dechiffrieren auch vermeintlich bedeutungsloser Dinge» («Süddeutsche Zeitung») kreist, könnte man mit ihm finden, der Swisspass sei ein flott benamstes Nationaldokument im Zeichen neoliberaler «Mobilität» (SBB), während das gute alte Generalabonnement ein Synonym für den sozialstaatlichen Anspruch auf alles gewesen ist. Der, so hören wir immer wieder, unser schönes Abendland zum Einsturz bringt, während die freie Marktwirtschaft so reibungslos funktioniert wie der Swisspass, der bereits als «Pannenpass» (tagesanzeiger.ch) unterwegs ist, weil die Lesegeräte spinnen.

In Deutschland brauchen, so das Landgericht Trier, nicht einmal die Zugklos zu funktionieren, denn wer mal müsse, könne ja jederzeit aussteigen. Man kann nicht sagen, der Laden gebe sich beim Chiffrieren mehr Mühe als unbedingt nötig.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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