Nr. 09/2016 vom 03.03.2016

Zelebration der Vielfalt

Von Silvia Süess

Schön muss sie sein: «Das hier ist so blumenkohlartig. Da kann ich doch nicht in die Sauna gehen damit, da werde ich ja, wie meine Tochter sagen würde, gedisst.» Frau Dr. med. Uta Schlossberger zeigt auf ein Foto einer Vulva. Diese würde sie sofort mit einem einfachen Eingriff verschönern. Wie das geht, haben wir zu Beginn des Dokumentarfilms «Vulva 3.0. Zwischen Tabu und Tuning» gesehen, als Frau Schlossberger die Schamlippen einer Patientin etwas aufpimpte.

Wie sieht eine schöne Vulva aus? Von wem wird das Bild, was ein schönes weibliches Geschlechtsteil ist, bestimmt? Warum ist dieses Bild derart klar vorgegeben, wenn es doch so unterschiedliche Vulven gibt? Und warum hat die westliche Gesellschaft eigentlich ein so verklemmtes Verhältnis zu den weiblichen Genitalien?

Die Regisseurinnen Claudia Richarz und Ulrike Zimmermann lassen in ihrem Film viele ExpertInnen zu Wort kommen, die ihr Fachwissen unterhaltsam und anschaulich weitergeben. Die Protagonistin ist dabei stets die Vulva: Wir hören Geschichten von den langen inneren Schamlippen der «Hottentotten-Venus» Sarah Baartman, davon, wie die griechische Göttin Demeter wieder zum Lachen fand, als ihre Begleiterin Baubo ihre Vulva zeigte, und von Beschneidungen in heutigen afrikanischen Gesellschaften sowie im 19. Jahrhundert in Deutschland. Und wir sehen Bilder von Vulven: Modelle, die die ExpertInnen vorführen, Fotos aus Kunst- und Aufklärungsbüchern und Illustrationen aus dem Buch «The Big Coloring Book of Vaginas», mit Bildlegenden wie «manche sind lang», «manche sehen aus wie ein Baum», «manche sind verschwunden».

Der Film plädiert für ein unverkrampftes Verhältnis zur Vulva und zelebriert ihre Vielfalt. Er zeigt auch, ohne moralisierend zu sein, wie die weiblichen Geschlechtsteile immer mehr normiert werden. Da sitzt der Fotodesigner Ulrich Grolla vor dem Computer und retuschiert auf Photoshop die inneren Schamlippen der Erotikmodels weg – denn niemand wolle das sehen. Das Vulvadilemma bringt denn auch die Verlegerin Claudia Gehrke auf den Punkt: «Wie kann man etwas schön finden, das man gar nie sieht? Und wenn es mal abgebildet wird, wird gleich geschrien: Pornografie!»

Bern Kino Rex, Di, 8. März 2016, 18 Uhr. Im Anschluss Diskussion.

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