Nr. 10/2016 vom 10.03.2016

Sichern statt nur anhäufen

Die Cinémathèque suisse könnte ein international renommiertes Kulturhaus sein, beherbergt sie doch Schätze von Weltbedeutung. Doch das Filmarchiv hat massive Defizite.

Von Silvia Süess

Illustration: Lina Müller

Die Türen öffnen sich automatisch, jedes Mal quietschen sie fürchterlich. Und es gibt viele Türen, die sich öffnen und schliessen beim Rundgang durch das Forschungs- und Archivierungszentrum der Cinémathèque suisse in Penthaz bei Lausanne. Hier im Untergeschoss lagern in gekühlten Räumen über 700 000 Filmrollen. Im ersten Stock hätte letztes Jahr das neue digitale Archivierungszentrum eröffnet werden sollen, doch der grosse Raum steht leer, Kabel hängen von der Decke, die Wände sind noch nicht fertig verputzt – die Cinémathèque ist eine Baustelle.

Dabei könnte die Cinémathèque suisse eines der bedeutendsten Schweizer Kulturhäuser sein, mit grosser internationaler Ausstrahlung. Ihre Sammlung ist herausragend, sie gehört zu den grössten Europas. Doch von einem Filmhaus, das BesucherInnen aus dem In- und Ausland anlockt, ist die Cinémathèque weit entfernt – sie fristet ein Schattendasein, praktisch ohne öffentliche Resonanz. Und wenn sie in letzter Zeit in Erscheinung trat, dann mit negativen Schlagzeilen. Die Vorwürfe: Intransparenz bei der Vergabe von Aufträgen und lasche Buchhaltung, ausserdem fehle eine klare Digitalisierungsstrategie.

Die Entwicklung verschlafen

Klar ist: Filmarchive stehen seit längerem vor einer doppelten Herausforderung. Seit die digitale Umrüstung erfolgt ist, gibt es kaum mehr Kinos, die analoge Filme zeigen können. Die Filmrollen, die im Forschungs- und Archivierungszentrum in Penthaz lagern, sind dadurch kaum mehr zugänglich, wodurch ein riesiges kulturelles Erbe in Vergessenheit zu geraten droht. Das zweite Problem ist die digitale Langzeitsicherung: Die digital produzierten Filme sollten nach Möglichkeit auch langfristig digital gesichert werden. Eine Kernaufgabe jedes Filmarchivs ist deshalb, ein digitales Archiv aufzubauen, in dem sowohl die digitale Langzeitsicherung als auch die Digitalisierung von ausgewähltem analogem Material gewährleistet ist. Das ist aber mit hohem technischem Aufwand verbunden und teuer.

Andere europäische Filmarchive stellen sich seit Jahren den Herausforderungen des digitalen Umbruchs (vgl. «‹Es ist meine Ambition, das filmische Erbe sichtbar zu machen›»). Hier in Lausanne passierte lange – nichts. In der Cinémathèque sowie beim Bund hat man diese Entwicklung verschlafen. Anders lässt sich nicht erklären, dass das Parlament 2008 einen Kredit von 49,5 Millionen Franken für einen Umbau des Forschungs- und Archivierungszentrums genehmigte, bei dem kein digitales Archiv eingeplant war. Damals habe man noch nicht wissen können, wie schnell diese Digitalisierung vonstattengehen würde, beteuern heute Vertreter des Bundesamts für Kultur und der Cinémathèque suisse.

Wirklich? Bereits 2003 machte die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) auf die Herausforderungen der Digitalisierung aufmerksam: «Das digitale Erbe läuft Gefahr, für die Nachkommenschaft verloren zu gehen.» Deshalb empfahl die Unesco den Mitgliedstaaten schon damals die schnellstmögliche «Entwicklung von Strategien und Grundsätzen, um das digitale Erbe zu erhalten». Dazu sollten auch Kriterien der Archivierung geschaffen werden, und das Material sollte möglichst zugänglich gemacht werden. Und die EU doppelte 2006 mit der Empfehlung «Digitalisierung und Online-Zugänglichkeit kulturellen Materials und dessen digitaler Bewahrung» nach: Sie rief die Mitgliedstaaten auf, «die Digitalisierung und Online-Verfügbarkeit kultureller Werke (Bücher, Filme, Fotos, Manuskripte etc.) voranzutreiben», und empfahl, «nationale Strategien und Aktionspläne aufzustellen und Informationen darüber auszutauschen».

Vermitteln statt archivieren

Da die Schweiz nicht in der EU ist, konnte sie zwar nicht von den Geldern profitieren, die die EU bereits damals für Digitalisierungsprojekte zur Verfügung stellte. Doch ist kaum vorstellbar, dass die Diskussionen, die damals rund ums Thema geführt wurden, weder in Lausanne noch in Bern zur Kenntnis genommen wurden.

Ein Grund für die Verschleppung der Digitalisierung liegt in den Strukturen der Cinémathèque. Hier lohnt sich ein Blick auf die Anfänge. Von 1951 bis 1996 wurde das Archiv vom Filmhistoriker Freddy Buache geleitet. Buache, ein leidenschaftlicher Sammler und Filmliebhaber, sah seine Kernaufgaben nicht im Archivieren und Katalogisieren. Er war ein Cinephiler, der ohne Ende Material anhäufte und hortete. Bei einem Besuch in der Cinémathèque soll der spätere Direktor des Bundesamtes für Kultur und damalige Leiter der Landesbibliothek, Jean-Frédéric Jauslin, Buache gefragt haben, wo denn sein Katalog sei. Daraufhin habe Buache auf seinen Kopf gezeigt und gesagt: «Der Katalog ist hier.»

Auch dem heutigen Direktor Frédéric Maire scheint die Vermittlung des Films mehr am Herzen zu liegen als die Arbeit des Archivierens, amtet doch die Cinémathèque seit einiger Zeit auch als Filmverleiherin. In der Westschweiz wird die Cinémathèque noch immer als Filmklub und nicht als Archiv wahrgenommen. Da die Cinémathèque nicht eine öffentlich-rechtliche Anstalt des Bundes ist, sondern eine vom Bund mitsubventionierte privatrechtliche Stiftung, gab es lange keine direkten Interventionen vonseiten des Bundes. Man liess die Leute im Archiv gewähren – bis schliesslich letztes Jahr aufgrund eines Prüfberichts der Eidgenössischen Kontrolle ein Sechs-Millionen-Franken-Kredit sistiert wurde.

Arbeiten im Provisorium

Die Ironie der Sache ist, dass ausgerechnet der Nachkredit sistiert wurde, der für die Einrichtung eines Lagers für digitale Daten in Penthaz geplant war. Der Bau wurde vorläufig gestoppt – anstatt in einem extra dafür gebauten Kompetenzzentrum zu arbeiten, sitzen die ArchivarInnen mit ihren Maschinen und Computern im Projektionsraum eines zukünftigen Kinos eng aufeinander, Filmrollen stapeln sich gleich neben dem Empfang. Hier wird unter erschwerten Bedingungen gearbeitet. Und die Arbeit geht nur schleppend voran: Aus dem analogen Archiv sind bis heute insgesamt erst 31 Lang- und 46 Kurzfilme restauriert und digitalisiert worden.

«Der Wille, mehr zu machen, ist da, aber uns fehlt das Geld», so Maire. Doch mehr Geld wird es in nächster Zeit nicht geben. Man habe die Herausforderungen bei der Digitalisierung sowie der digitalen Langzeitarchivierung erkannt, heisst es beim Bundesamt für Kultur, doch die Prioritäten müssten auf die zur Verfügung stehenden Mittel abgestimmt werden.

Allerdings wird die Planung zur Errichtung der geeigneten digitalen Infrastruktur diesen Frühling wiederaufgenommen. Die Aussicht auf bessere Arbeitsbedingungen ist da. Bis dahin gibt es jedoch noch viel zu tun – geht die Digitalisierung in Penthaz in diesem Tempo weiter, dauert es noch Jahrzehnte, bis eine vernünftige Anzahl Filme wieder in den Kinos gezeigt werden kann.

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