Nr. 10/2016 vom 10.03.2016

«Es ist meine Ambition, das filmische Erbe sichtbar zu machen»

Die Chefkuratorin des Amsterdamer Eye-Filmmuseum, Giovanna Fossati, über die drei grossen Herausforderungen, mit denen Filmarchive zu kämpfen haben. Und warum das alles sehr viel Geld kostet.

Von Silvia SüessMail an AutorIn, Amsterdam

Giovanna Fossati. Foto: Uva, Jeroen Oerlemans

WOZ: Giovanna Fossati, Sie sind Professorin für Filmerbe und digitale Filmkultur an der Universität Amsterdam und arbeiten seit zwanzig Jahren als Chefkuratorin im Eye-Filmmuseum. Was sind die grössten Herausforderungen, die ein Filmarchiv heutzutage zu bestreiten hat?
Giovanna Fossati: Die grösste Herausforderung ist heute dieselbe wie in den vergangenen hundert Jahren: Es ist das fehlende Geld. Das ist traurig, aber wahr.

Die letzten zwanzig Jahre waren sehr herausfordernd für uns, was die neuen Technologien angeht: Die digitale Technologie hat das Archivieren grundsätzlich verändert, und wir mussten uns intensiv mit ihr auseinandersetzen und ihre neuen Möglichkeiten und Schwachstellen kennenlernen. Das hat sehr viel Zeit und Ressourcen gebraucht, und die Prozedur hat uns viel Kopfzerbrechen bereitet. Aber da sind wir nun durch. Wir haben es hier in den Niederlanden geschafft, in wenigen Jahren das nötige Know-how zu erlangen und die Geräte anzuschaffen, die wir brauchen, um analoge Filme in guter Qualität digitalisieren zu können. Dies auch dank des gut finanzierten Projekts «Images for the Future».

Ist das Archivieren dank der digitalen Technik denn nicht günstiger geworden?
Nein, das ist eben eine riesige Falschannahme, die wir immer wieder klären müssen. Zum Beispiel, wenn die Leute fragen: Warum braucht ihr denn Geld, wenn es doch eine DVD von diesem Film gibt?

Und was antworten Sie auf diese Frage?
Oft ist der Vergleich mit der bildenden Kunst hilfreich. Wenn man sagt, ein Originalfilm ist vergleichbar mit einem Bild, etwa einem Rembrandt. Du kannst eine Kopie von diesem Bild machen, aber das kommt niemals an das Original ran. Allerdings sind diese Vergleiche auch heimtückisch, weil du beim Film als Zuschauer ja nie das Original siehst, es ist immer eine Kopie, die projiziert wird. Und jedes Mal, wenn du einen Film kopierst, machst du eine neue Version. Deshalb ist es wichtig, dass man das Original behält und darauf zurückgreifen kann. Da wir uns hier um über hundert Jahre Filmgeschichte kümmern, haben wir Originale auf Zelluloid sowie Originale auf digitalem Material. Die analogen Filme müssen digitalisiert werden, damit sie wieder zugänglich gemacht werden können, und die digitalen Filme müssen nachhaltig archiviert werden.

Und hier sind wir bei der zweiten grossen Herausforderung der Archive: die digitale Langzeitarchivierung. Denn hier gibt es noch keine befriedigende und günstige Lösung.

Warum nicht?
Das Archivieren analoger Filme ist simpel: Man lagert die Filmrollen in einem gekühlten Raum, und dort bleiben sie hundert Jahre erhalten. Weltweit gesehen ist auch dies kein gelöstes Problem, denn nur in den westlichen Ländern ist genug Geld vorhanden, um gekühlte Räume für Zelluloidfilmrollen zu errichten und zu unterhalten. Aber es ist ein Geldproblem und nicht ein Problem des «Rezepts».

Mit den digitalen Filmen ist es anders: Wir haben noch immer keine ideale Lösung für die digitale Langzeitarchivierung. Die digitalen Filme kann man nicht einfach in einen gekühlten Raum werfen und denken, die erhalten sich dort. Und 2016 sind praktisch alle neuen Filme, die in unser Archiv gelangen, digital.

Woran liegt es, dass noch kein Rezept gefunden worden ist?
Die Industrie produziert alle fünf Jahre ein neues Format, die veralteten sind danach nicht mehr vollständig brauchbar, da die Hersteller immer nur die letzten zwei Versionen unterstützen. Ich erkläre es an einem einfachen Beispiel: Wenn das iPhone 6 auf den Markt kommt, unterstützt Apple iPhone 5 und iPhone 6. Sobald aber das iPhone 7 auf den Markt kommt, unterstützt Apple nur noch 6 und 7. Wenn Sie nun ein iPhone 5 haben, und das geht kaputt, wird es Apple nicht mehr flicken. Um es nun auf ein Archiv zu übertragen: Hat ein digitales Archiv seine Filme auf LTO-4-Tapes gespeichert und LTO wechselt zur Version 6, müssen alle Daten in eine neuere Version migriert werden. Und dieses ständige Migrieren macht den Unterhalt eines digitalen Archivs sehr teuer und zeitaufwendiger als den Unterhalt eines analogen Archivs.

Es gibt Archive, die erstellen analoge Kopien von digitalen Filmen, um diese nachhaltig zu sichern. Machen Sie das auch?
Das ist für uns keine Option. Digitale Filme auf analoge Filme zu kopieren, ist sehr teuer, deshalb musst du dich als Archiv meistens entscheiden: Du kannst dein Geld entweder ins Rückkopieren auf Film investieren oder in die Verbesserung der digitalen Speicherungstechnik. Letzteres ist sicher wünschenswerter, denn hier liegt die Zukunft. Das erkennt man an der Industrie: Bereits vor gut zehn Jahren hat Kodak sein Forschungs- und Entwicklungszentrum stark heruntergefahren. Wenn eine grosse Firma dies tut, ist das stets ein Zeichen, dass diese Branche keine Zukunft hat. Wenn du jedoch analog restaurieren und archivieren willst, brauchst du eine ganze Vielfalt von Material, das schon heute zum Teil nicht mehr erhältlich ist. Und das wird die Zukunft sein. Ich bin überzeugt: Wer die Strategie ‹analoge Langzeitarchivierung› fährt, setzt aufs falsche Pferd.

Europaweit gibt es nur noch ein paar wenige Filmlabors, in denen analoge Filme restauriert und digitalisiert werden können. Arbeiten Sie mit Labors zusammen, oder haben Sie die ganze Infrastruktur intern?
Wir haben einen eigenen Scanner und digitalisieren pro Jahr ungefähr 400 Filme im Haus. Allerdings arbeiten wir auch regelmässig mit Labors zusammen, da uns für viele spezifische Probleme das Know-how fehlt. Wir haben das Glück, dass es in Holland mit Haghefilm Digitaal ein sehr qualifiziertes Labor gibt. Natürlich arbeiten wir auch mit anderen Labors, in Bologna, New York, Lissabon, denn jeder Film hat seine eigenen Probleme und jedes Labor sein eigenes spezifisches Wissen.

In Ihrem Archiv lagern 40 000 analoge Filme, internationale wie niederländische. Nach welchen Auswahlkriterien entscheiden Sie, welche dieser Filme digitalisiert werden?
Wir haben vier unterschiedliche Bereiche, auf denen unser Sammlungsschwerpunkt liegt: niederländische Filme, Stummfilme, Experimentalfilme und «expanded cinema», also Filme, die nicht in Kinos gelaufen sind, sondern zum Beispiel in Ausstellungen oder Museen. Für jeden dieser Bereiche haben wir einen verantwortlichen Archivar, der Vorschläge macht, welche Filme wir digitalisieren und somit überhaupt wieder zugänglich machen. Denn das Problem mit den analogen Filmen ist ja, dass man sie in keinem Kino mehr zeigen kann. Entscheidend bei der Auswahl ist also die Frage, was wir der Allgemeinheit präsentieren wollen. Das kann online sein, in unserer Ausstellung oder im Kino.

Den Film der Öffentlichkeit zugänglich machen ist ein entscheidender Punkt bei der Auswahl. Ist ein Archiv denn sinnlos, wenn es seine Schätze nicht öffentlich sichtbar macht?
Das ist das politische und kulturelle Verständnis der letzten zehn Jahre. Dies gründet natürlich auf der Digitalisierung, denn durch diese ist das Potenzial für die Sichtbarkeit und Zugänglichkeit eines Archivs enorm gewachsen. Und durch sie erwartet die Öffentlichkeit Zugang zum Erbe, und die Politik wiederum erwartet, dass die Archive diese Erwartungen erfüllen. Ich habe kein Problem damit. Als jemand, der das Privileg hat, mit diesem Erbe zu arbeiten, ist es mein Traum, sind es meine Ambitionen, es sichtbar zu machen. Allerdings glaube ich, dass noch nicht genügend Wissen vorhanden ist, was für Probleme das mit sich bringt – unter anderem was die Finanzierung des Ganzen angeht.

Die Präsentation ist immer ein guter Grund, um neue Projekte zu starten und Filme zu digitalisieren. Aber wie gesagt, ich verstehe Präsentation in einem sehr weiten Sinn: Sei es an einem Festival, hier bei uns in der Ausstellung, in einem unserer Kinos oder auf einer Website. Dadurch, dass wir das Archivmaterial öffentlich machen, kommen wir zur dritten grossen Herausforderung, mit der sich Filmarchive auseinandersetzen müssen: dem Copyright.

Was sind hier die Schwierigkeiten?
Wenn wir einen Film veröffentlichen wollen, müssen wir abklären, wer die Rechte an diesem Film hat, denn bei uns liegen die nicht. Das ist häufig unglaublich kompliziert und zeitaufwendig. Während des Projekts «Images for the Future» hatten wir drei Anwälte angestellt, die sich nur um das Copyright kümmerten. Sie klärten in fast fünf Jahren von ungefähr 7000 Werken das Copyright. Das war grossartig – normalerweise kann sich ein Archiv keine Anwälte leisten.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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