Nr. 10/2016 vom 10.03.2016

Liegen lassen, loslassen

Von Anna Wegelin

Das Leben ist anfällig für Katastrophen. Es kann ganz unvermittelt aus den Fugen geraten, und das Glück lässt dich fallen. So ergeht es Vera Berger in Sandra Hughes’ Kurzroman «Fallen». Er ist das Seelenprotokoll einer Helikoptermutter, die zwar ein Leben leben darf, wie es an einer Stelle im Buch heisst, aber auch an diesem leidet: «Immer schon war sie ausgeschlossen von diesem schwerelosen Glücklichsein.»

Vera, fünfzig und von Beruf Restauratorin, lebt mit ihrem Mann Jan und ihrem fünfzehnjährigen Sohn Luca in einem Haus mit Garten. Am Tag vor seinen Sommerferien mit zwei Kumpels geht Luca an einem Bankomaten Geld holen. Später wird er dort gefunden, unfähig zu sprechen und teilweise gelähmt.

Was ist passiert? Warum haben ihn die PassantInnen, wie Aufnahmen von einer Überwachungskamera zeigen, einfach liegen lassen? Und wer ist schuld? Vera sieht rot, und ihre Familie gerät aus den Fugen. Am schlimmsten für sie: Luca, eine Lichtgestalt in ihrem Leben und «Herrscher über ihr Befinden», entgleitet ihr.

Die 1966 geborene Autorin aus Allschwil bei Basel hat sich für ihr viertes Buch von einer wahren Begebenheit im Kanton Baselland inspirieren lassen, der für Schlagzeilen im «Blick» sorgte. Hughes hat weitergefeilt an ihrem Meisterfach: die LeserInnen in irrlichternde Gemütszustände hineinkatapultieren, sodass es wehtut. Sprachlich hat sie dabei an Tempo, Präzision und Intensität nochmals zugelegt. Die Übergänge zwischen Aussen- und Innensicht der Hauptfigur sind derart fliessend, dass wir uns zuweilen in Veras Ängsten und Wünschen verirren, bis hart an die Grenze des Erträglichen.

Am Ende des Romans, noch mitten im Sog der Story, irritiert der versöhnliche Ton – oder ist es Resignation? Vera ist zwar ein Stück vorangekommen auf ihrem Weg, Luca loszulassen und von ihrem Geborgenheitszwang abzulassen. Doch die Katastrophe führt nicht zu einer Katharsis. «Fallen» lässt Vera wie ein verwundetes Tier zurück. Ganz wie es einer Mutter im realen Leben ergehen kann, deren Kind etwas zustösst.

Die Buchvernissage findet am Donnerstag, 10. März 2016, um 19 Uhr im Literaturhaus Basel statt. www.literaturhaus-basel.ch

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