Nr. 14/2016 vom 07.04.2016

Gelandet in der harten Realität Europas

Abbas Khiders «Ohrfeige» betrachtet die europäische Migrationspolitik mit den Augen eines Flüchtlings, Michael Köhlmeier erzählt sein «Das Mädchen mit dem Fingerhut» aus der Perspektive eines Mädchens auf der Flucht.

Von Rahel Locher

Geflüchtete Menschen sind in der Öffentlichkeit oft bloss als Gruppe präsent. Als Masse, die sich auf den Migrationsrouten durch den europäischen Raum bewegt. Als Problem, dem die verschiedenen Regierungen mit der Verschärfung von Grenzregimes begegnen. Dabei sind diese Menschen, von Krieg und Konflikten aus ihrer Heimat vertrieben, selbst mit massiven Schwierigkeiten konfrontiert. Das zeigen zwei neue literarische Werke, die den Fokus auf die prekäre Existenz einzelner Menschen legen.

Da ist ein kleines Mädchen, namenlos, entwurzelt, das sich in Michael Köhlmeiers Roman «Das Mädchen mit dem Fingerhut» ohne Erwachsene durch eine westeuropäische Stadt schlägt. Da ist ein junger Iraker in Abbas Khiders «Ohrfeige», der drei Jahre lang in Deutschland Fuss zu fassen versucht und dann doch zurückgeschafft werden soll. Und der deswegen keinen anderen Ausweg sieht, als in einem anderen europäischen Land noch einmal bei null anzufangen. Beide Romanfiguren eint, dass sie weitgehend der Möglichkeit beraubt sind, ihr Leben selbst zu gestalten. So ziehen sich die Tage hin auf der wiederkehrenden Suche nach Essen und einem Platz zum Schlafen, nach Arbeit und nach Papieren.

Raum für Vorstellungen

Das Mädchen in Köhlmeiers Roman weiss, dass es auf seinen Onkel warten muss. Und dass es schreien soll, wenn das Wort «Polizei» fällt. Ansonsten kennt es nicht sehr viel: nicht die Sprache seines Aufenthaltsorts, nicht die eigene Herkunft, nicht den eigenen Namen. Und dann verliert das Mädchen, das sich selbst Yiza nennt, seinen Onkel aus den Augen. Damit ist auch der letzte Bezug zu seiner Geschichte gekappt. Die fehlenden Informationen über Yizas frühere Erlebnisse geben Raum für die Vorstellungskraft der LeserInnen genährt durch Yizas kompletten Erinnerungsverlust: Was hat dieses Kind erlebt, dass es so orientierungslos durchs Leben treibt?

Yiza nimmt ihre Lebensumstände mit einem kindlichen Gleichmut hin, der nicht nach dem Warum fragt. Ihr scheint die Fähigkeit abhandengekommen zu sein, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Wenn sie etwas zu trinken und zu essen in den Händen hält, ist sie glücklich. Ansonsten kommt der Roman mit wenig Emotionen aus, Yiza reagiert oft kaum auf Veränderungen. War das, was sie früher durchmachte, so schlimm, dass nun nichts mehr schlimm sein kann?

Nachdem sie das Kinderheim mit zwei anderen Kindern verlassen hat, sind sie immerhin zu dritt: Yiza, Arian und Schamhan. Letzterer ist schon vierzehn und hat immer wieder Ideen, wie sie zu Essen und Schutz vor der ständigen Kälte kommen können. Trotzdem weiss auch Schamhan nur wenig mehr über das Leben als die beiden andern: «Der Grosse blickte sich immer wieder um, er war unruhig, er erklärte, einzelne Kinder würden aufgegriffen und mitgenommen. Er wisse, dass es so sei, aber er wisse nicht warum.» Das kann als Metapher für Michael Köhlmeiers Buch stehen, das nüchtern und ruhig die Realität eines auf der Flucht verlorenen Kindes schildert, aber die Hintergründe im Dunkeln lässt.

Ganz anders die laute, plakative Sprache von Abbas Khider, der im Gegensatz zum Österreicher Köhlmeier selbst geflüchtet ist: aus dem Irak nach Europa. Khiders Protagonist, Karim Mensy, ebenfalls Iraker, landet in Deutschland und bemüht sich um Spracherwerb, Wohnung und Arbeit. Sein Leben ist gekennzeichnet von Behördengängen, Langeweile, Misserfolgen, enttäuschten Hoffnungen. Die Zeit dehnt sich ins Unendliche. Dazwischen als seltene Lichtblicke: die Arbeit als Müllsortierer, die Karim ein wenig Bargeld verschafft, oder die gemeinsamen Essen mit Freunden in der Asylunterkunft. Dort gibt es ab und zu auch etwas zu lachen, etwa als Bewohner des Heims in einem Restaurant nicht bezahlen. Wo die Zechpreller wohnen, ist zwar allen klar, aber die Kellnerin ist unfähig, einen schwarzen Afrikaner vom anderen zu unterscheiden. Oft gibt es indes auch Konflikte und Streitigkeiten in diesem «Haufen nervöser Vögel» mit unterschiedlicher Herkunft und Religion, die kaum etwas tun können, ausser zu warten.

So verfliesst die Lebenszeit im Asylheim, bis weltgeschichtliche Ereignisse Karims Leben erneut auf den Kopf stellen: der Terroranschlag vom 11. September 2001. Plötzlich geraten arabisch aussehende Menschen unter Generalverdacht. Ob er Terrorist sei, ob er Bombenanschläge verübt habe, wird Karim in aller Ernsthaftigkeit bei einer polizeilichen Kontrolle gefragt. Im deutschen Fernsehen erklären assimilierte MigrantInnen derweil, der Islam sei böse und gefährlich. Diese Rhetorik radikalisiert: Einer von Karims Freunden trinkt plötzlich keinen Alkohol mehr und ruft dazu auf, die muslimische Kultur zu verteidigen.

Als im Mai 2003 der Irakkrieg endet, beginnt – in Karims Worten – ein neuer Krieg in Deutschland: «Die Behörden feuerten jetzt eine Widerrufrakete nach der anderen auf uns irakische Asylanten.» Karims Widerruf kommt von Frau Schulz. Ihr, der peniblen Sachbearbeiterin seines Asylgesuchs, erzählt er denn auch die Geschichte seines Aufenthalts in Deutschland – nachdem er sie an den Bürostuhl gefesselt hat. So rächt er sich an Frau Schulz, die zuvor wesentlich über sein Leben bestimmen konnte.

Politik der Zerstörung

Khiders Roman endet damit, dass ein Freund sich zum religiösen Fundamentalisten radikalisiert, ein anderer ist nach Beginn des Irakkriegs verrückt geworden. Kein überraschender Schluss angesichts der alltäglichen Schikanen durch die Behörden, denen die Asylsuchenden ausgesetzt sind. Und doch zeigt sich die erlittene Zurückweisung anhand dieser Freunde in einer verdichteten Form und macht so die zerstörerischen Folgen von Ab- und Ausgrenzung deutlich. Folgen, die nicht nur für die MigrantInnen selbst, sondern auch für das Aufnahmeland verheerend sind.

Khider und Köhlmeier stellen beide eine Figur ins Zentrum, die versucht, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden – und dabei zwangsläufig scheitert. Den Umgang mit dieser Situation beschreiben die beiden jedoch sehr unterschiedlich. Khider lässt seine Hauptfigur mit aufgebrachten Worten seine Lage darstellen und schiesst mit den Metaphern mitunter übers Ziel hinaus. In Köhlmeiers leiser Erzählung ist das Leiden hingegen eher im Hintergrund präsent. Und wo Khider manchmal zu plakativ wird, könnte Köhlmeiers Roman ein paar Fakten mehr vertragen. Doch auch «Das Mädchen mit dem Fingerhut» ist ein starkes Plädoyer dafür, in der Flüchtlingsfrage nach neuen Lösungen zu suchen. Denn solange man Menschen wie Yiza und Karim nur als «Probleme» begreift, verweigert man ihnen ein würdiges Leben im Exil.

Abbas Khider liest am Freitag, 29. April 2016, im Literaturhaus Basel. www.literaturhaus-basel.ch

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