Nr. 14/2016 vom 07.04.2016

«Glasenberg hat sein Versprechen nicht gehalten»

Der Rohstoffgigant Glencore betreibt Kohleminen in Kolumbien. Bei der Umsiedlung von Dörfern spielt der Konzern eine zweifelhafte Rolle. Stephan Suhner von der Arbeitsgemeinschaft Schweiz-Kolumbien über eine Kolumbienreise mit Glencore-Boss Ivan Glasenberg.

Interview: Andreas Fagetti

Glencore-Chef Ivan Glasenberg (links) debattiert in Kolumbien mit Mitgliedern der NGO Pensamiento y Acción Social (PAS). Foto: Bastian Nussbaumer

Zunächst sorgte 2013 die Gemeinde Hedingen im Zürcher Säuliamt für Aufsehen. Sie verzichtete freiwillig auf Steuergelder von Glencore-Chef Ivan Glasenberg, der nach dem Aktiengang seines Unternehmens stinkreich geworden war. Hedingen und weitere Gemeinden liessen einen Teil der Einnahmen jenen Ländern zukommen, an deren Reichtum sich der Rohstoffkonzern bedient.

Glasenberg reagierte mit einer Imagekampagne und lud seine KritikerInnen im März 2015 nach Kolumbien ein. Er versprach, die misslungene Umsiedlung von drei Dörfern den Bedürfnissen der durch den Kohleabbau Vertriebenen anzupassen. Doch Glasenberg hat seine Versprechen nicht gehalten. Die Arbeitsgemeinschaft Schweiz-Kolumbien (ASK) erinnert ihn ein Jahr nach der Reise in einem offenen Brief (siehe www.askonline.ch) an seine Zusicherungen. Prominente aus Politik und Gesellschaft haben den Brief unterzeichnet.

WOZ: Herr Suhner, Sie sind vor einem Jahr mit Vertreterinnen und Vertretern der Säuliamter Bürgerbewegung und Glencore-Chef Glasenberg nach Kolumbien gereist. Was bewegte Glasenberg zu dieser Einladung?
Stephan Suhner: Er hatte uns schon mehrfach bei Treffen in Baar dazu aufgefordert, ihn nach Kolumbien zu begleiten. So wie wir Herrn Glasenberg bis dahin erlebt hatten, erschien es uns wenig sinnvoll, darauf einzugehen. Denn Glasenberg ist offenbar der Meinung, dass Glencore den Ländern, in denen sein Konzern wirkt, Arbeitsplätze und Geld bringt und dort zu wachsendem Wohlstand beiträgt. Die ASK sieht das kritischer: Rohstoffkonzerne reissen Wunden ins soziale Gefüge und in die Umwelt.

Wie reagiert Glasenberg auf die Berichte der ASK über die Folgen des Kohleabbaus?
Ich erlebte ihn immer als ziemlich aggressiv. Er hört im Gegensatz zu anderen Rohstoffmanagern nicht zu, sondern provoziert und versucht, seine Sicht durchzudrücken. Er versucht, besonders NGOs wie die unsere als Utopisten hinzustellen, die von der ökonomischen Wirklichkeit keine Ahnung haben. Dass es auch Menschen gibt, die etwas anderes im Sinn haben könnten, als reich zu werden, passt nicht in sein Weltbild. Die Bewohnerinnen und Bewohner der drei umgesiedelten Dörfer möchten leben, wie sie schon immer gelebt haben: in Einklang mit der Natur, die ihnen gibt, was sie zum Leben brauchen, und ihren Ahnen. Darum ist bei der Umsiedlung auch so vieles schiefgelaufen.

Wie hat sich Glasenberg beim Besuch der Dörfer verhalten?
Seine Strategie war klar: auf die Leute von der Bürgerbewegung aus dem Säuliamt eingehen und versuchen, sie zu überzeugen. Mich hingegen hat er ständig provoziert. Mit der Zeit ging ich ihm aus dem Weg, weil eine sachliche Auseinandersetzung nicht möglich war. Allerdings wurde er dann doch etwas nachdenklicher. Schliesslich hat er versprochen, dass die Fehler der Umsiedlung rasch behoben werden.

In einem der Dörfer haben die Menschen keinen Zugang zu Wasser. Der Bau einer Wasserleitung wurde bisher aus Kostengründen abgelehnt. Das ist ziemlich zynisch bei einem reichen Rohstoffkonzern. Was bei den Indigenen, die schon immer hier lebten, zu teuer ist, war beim Bau der Siedlungen der Manager und Kader nur billig: Sie sehen aus wie Vororte amerikanischer Städte, dort sprudelt Wasser in zwei grosse Schwimmbecken und in den Unterhalt einer 12-Loch-Golfanlage. Glasenberg hat dann versprochen, die Umsiedlung neu aufzugleisen und die Probleme zu lösen. Passiert ist wenig, im Grundsatz sind die Probleme nicht gelöst.

Todesschwadronen haben in Kolumbien in den letzten zwanzig Jahren über 2000 Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen umgebracht. Gab es auch ein Treffen mit Gewerkschaften?
Ja, darauf bestanden wir. Das Management organisierte ein Treffen. Anwesend waren Vertreter von zwei Gewerkschaften und vom sogenannten Pakt, einer betriebseigenen, vom Konzern vorgegebenen Vereinigung. Ihre Mitglieder erhalten in Form von Boni mehr Geld, diese Zahlungen sind aber nicht rechtlich verbindlich. Anders als in einem GAV garantieren sie auch keine Arbeitsplatzstabilität. Die Minenleitung verweist gerne darauf, dass achtzig Prozent der Belegschaft dort mitmachen. Am Treffen attackierten die Pakt-Vertreter die beiden Gewerkschaften unter der Gürtellinie. Die anwesenden Manager machten sich danach über die «heissblütigen» Küstenbewohner lustig.

Die Minenleitung spielt die Belegschaft gegeneinander aus?
Das ist offensichtlich. Es ist tatsächlich so, dass die Gewerkschaften knallhart ideologisch und kämpferisch sind. Das ist für das Unternehmen unangenehm, rechtfertigt aber nicht, dass sie mit allen rechtlichen Mitteln den Abschluss eines Gesamtarbeitsvertrags behindern und damit ein sozialpartnerschaftliches Verhältnis verhindern. Es ist ein ungleicher Kampf, denn die Gewerkschaften sind dem Konzern finanziell krass unterlegen. Die Manager unterstellen ausserdem, die Gewerkschaften würden von Venezuela aus gesteuert. Der nächste Schritt, sie als von der Guerilla gesteuerte Organisationen zu denunzieren und damit erst recht den Todesschwadronen auszuliefern, ist nicht weit.

Stephan Suhner (44) ist Historiker und befasst sich seit rund zwanzig Jahren mit Kolumbien.